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Allgemein, Bruno | Südafrika

Manchmal esse ich Spagetti Bolognese zum Frühstück und Müsli zum Abendessen. Manchmal lasse ich das Frühstück komplett aus und mache mir abends so eine große Portion Reis mit Chakalaka, dass ich drei Tage davon esse. Manchmal sind eine Flasche Wein und Karotten das Einzige, was meinen Kühlschrank leer aussehen lässt. Das ultimative Gefühl der Freiheit. Manchmal freue ich mich auf Berlin, manchmal nicht. Manchmal habe ich eine genaue Vorstellung von den kommenden Monaten, manchmal überhaupt nicht. Manchmal fühlt sich das gut an, manchmal nicht. Woran merkt man, das die Zeit begonnen hat zu rennen und wann, dass man erwachsen ist?

Noch eine letzte Woche ist mir in dem Land geblieben, dass das große Fragezeichen hinter Afrika mit einem Ausrufezeichen ersetzt hat. Nach einem halben Jahr, mitten in den größten Herausforderungen, kamen mir weitere sechs Monate unglaublich lange vor. Doch irgendwann ging die Zeit so schnell vorbei, dass ich mich frage, wer hat an der Uhr gedreht?! Ich komme zu dem Schluss, dass es die guten Zeiten waren. Nach unglaublichen Reisen und tollen Begegnungen verging die zweite Hälfte, wie im Flug und jetzt bin ich hier. Unter einem Sternenhimmel, der, wenn ich irgendwann wieder komme, immer noch genauso unglaublich aussehen wird. Bloß, dass es nie wieder das selbe Gesicht sein wird, dass da wehmütig in die Sterne guckt. 

Dies ist, wenn mich nicht Alles tauscht, mein letzter Blogeintrag. Auch wenn es kitschig klingt, möchte ich mich bedanken. Egal. Also, danke BMZ für deine fleißige finanzielle Unterstützung. Danke Deutschland für deinen Reisepass und Berlin dafür, dass du nicht in der Nähe von …, im Umland von…, in dem und dem Bundesland liegst, sondern die coolste Stadt Deutschlands bist. Danke an alle Leser/innen, Spender/innen, Paten/innen, Freunde, Seelenverwandte und offene Ohren. Danke Mama, Papa, Family für eure ungebrochene Unterstützung, euer Vertrauen und die schlaflosen Nächte.

Orte ziehen vorbei, wie im Zug. 2017. Drei Uhr morgens mit dem Fahrrad nach Hause. Eine kleine Gasse um Mitternacht, irgendwo in Spanien. Ein verkiffter Schulabbrecher weiß den Weg und wir rennen im strömenden Regen nach Hause. Im leeren Hausflur stehen. Im Hintergrund dreht sich der Plattenspieler in Endlosschleife, bis die Vinyl plötzlich einen Kratzer hat. Bevor ich gehe, lege ich eine neue Platte auf.

Ein paar Stunden später sitze ich im Flugzeug, ohne den leisesten Schimmer, was mich erwartet.

Dreihundertfünfundsechzig Tage. Schwer zu beschreiben. Irgendetwas zwischen Tränen und Ekstase, Liebe und Hass, Kapstadt und Durban, schwarz und weiß. Ein Jahr, dass mir vorkommt, wie ein ganzes Leben und mich bestimmt für immer begleiten wird. Ich habe alles geschafft, alle Herausforderungen gemeistert und alles getan, was ich tuen wollte. Sogar noch Vieles mehr. So gesehen war dieses Jahr nicht nur besonders gut, sondern golden.

In ein paar Stunden werde ich im Flugzeug sitzen, ohne den leisesten Schimmer, was mich erwartet. Doch ich habe herausgefunden, dass so immer die besten Geschichten anfangen.

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Wasser marsch!!

Allgemein, Julian | Namibia

Der Freiwilligendienst neigt sich mit bahnbrechender Geschwindigkeit dem Ende zu. Das bedeutet persönlich, wie auch arbeitstechnisch einen Abschluss finden.
Mit dem Kids Club besuchen wir die Feuerwehr Station. Dort angekommen erwarten uns die Feuerwehrmänner und geben uns Einblick in ihre Arbeitswelt.
Wir lernen die verschiedenen Fahrzeuge, die Ausrüstung und das Werkzeug der Arbeiter kennen.

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Modernes Gerät

Mit diesem Cutter werden eingeschlossene Menschen aus ihrem Auto befreit. Um die Schneidekraft zu maximieren, wird er mit einem Generator betrieben.

 

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Interessierte Schüler

Die Feuerwehrmänner geben sich große Mühe alle Fragen zu beantworten und verständlich zu erlären. Die Arbeitskleidung darf sogar anprobiert werden.

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Eric, ein möglicher zukünftiger Feuerwehrmann?

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Jeder durfte mal spritzen

Der Besuch hat sich sehr gelohnt und war eine gelungene Abwechslung. Wir haben alle viel gelernt und sind den Feuerwehrmännern dankbar für die Möglichkeit.

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Glücklicher Kids Club

Des einen Abschied ist der Anderen Anfang, so haben wir den Kindern ein Foto von unseren Nachfreiwilligen gezeigt, die den Kids Club weiterführen werden.

 

 

Einmal eine gute Zukunft, bitte!

Leonie | Vietnam

Vorwort: Es ist schon wieder zu viel passiert für einen Beitrag. Also bediene ich mich der alten Methode, ein Geschehnis ausführlich zu erzählen. Inspiriert von Julians Post, geht es hier auch um Arbeit. Für die Webiste von PASCH (Partnerschulen-Initiative der Zukunft) habe ich den folgenden Beitrag über das Sommerprojekt geschrieben, das ich allein planen, organisieren, und mit Unterstützung einer vietnamesischen Kollegin durchführen durfte. 

In der Woche vom 16. bis zum 20. Juli 2018 fand ein einwöchiges Sommerprojekt in Ho-Chi-Minh-Stadt statt. Unter dem Motto „Einmal eine gute Zukunft, bitte!“ beschäftigten sich Schüler*innen aus Ho-Chi-Minh-Stadt mit dem Thema Umwelt.

Wo beginnt die Umwelt und wo hört sie auf?

An einem Montagmorgen zur Ferienzeit treffen sich die Schüler*innen von drei verschiedenen PASCH-Schulen aus Ho-Chi-Minh-Stadt und haben ein gemeinsames Ziel: Mit ihrem Wissensdurst und Kreativität wollen sie sich eine Woche lang der Komplexität des Themas Umwelt nähern.
Die Umweltwoche beginnt mit einer Reflexion der Schüler*innen. Sie frage sich selbst und auch einander, warum Umweltschutz wichtig ist, wie man die Umwelt schützen kann und was einen davon abhält. Die Schüler*innen gehen auf Konfrontationskurs, und zwar mit sich selbst. Sie ermitteln ihren ökologischen Fußabdruck und am Ende des Tages sind sich alle einig: Umweltschutz fängt bei mir an!

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Wo beginnt das Lernen und wo hört es auf?

Ebenso werden die Schüler*innen nicht nur innerhalb, sondern auch außerhalb des Klassenzimmers mit der Thematik konfrontiert. Auf der Suche nach Möglichkeiten, die Umwelt zu schützen, besuchen die Schüler*innen an Tag Zwei des Sommerprojektes den Solar Experience Space der Bach-Khoa-Universität. Der Solar Experience Space bietet Solarzellen zum Verstehen, Anfassen und Nachdenken. Die Schüler*innen lauschen den Expert*innen, die zum Thema erneuerbare Energien einen Workshop abhalten.

Am Ende des Workshops sind die Schüler*innen mit der Thematik vertraut und bekommen von den Workshopleitenden einen Anhänger als Souvenir. Die Schüler*innen sind bereits sensibilisiert für Umweltverschmutzungen und ihnen entgeht nicht, dass die Anhänger einzeln in Plastik verpackt sind. So lernen auch die Expert*innen von den Schüler*innen: Unnötiges Plastik gilt es in jedem Falle zu vermeiden!

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Wo beginnt Nachhaltigkeit und wo hört sie auf?

In Gruppenarbeit werden die Schüler*innen zu Experten von drei Unterthemen: Wasserknappheit auf der Welt, Ernährung im Kontext des Klimawandels und Plastikverschmutzung. Die Expert*innengruppen widmen sich ihrem Thema und intensivieren anschließend ihre Lernerfahrung, indem sie ihr Wissen einander weitergeben. Eigenständig erarbeiten sie sich einen Überblick und entwerfen dann Seiten für einen Flyer, der das Endprodukt des Workshops sein wird. Sie zeichnen, malen Comics, entwerfen Diagramme, schreiben Informationstexte und geben ein paar Tipps für einen nachhaltigen Umgang mit Natur und Umwelt. Es geht um „Lifehacks für eine bessere Zukunft“.

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Wo beginnt Kreativität und wo hört sie auf?

Am vierten Tag der Projektwoche werden die Schüler*innen wiederholt kreativ: in Upcyclingsessions lernen sie neue Wege kennen, bentuzte Dinge wiederzuverwenden. Über die letzten Tage haben die Schüler*innen ihren Verpackungsmüll gesammelt, der nun gesichtet, reflektiert und wiederwendet wird. Die Upcyclingprodukte sind nicht nur als Impulse für einen nachhaltigen Konsum, sondern auch als eine persönliche Erinnerung zu verstehen, die zu Hause und Freunden gezeigt werden können.

Die Schüler*innen erhalten darüber hinaus ein Umweltschutz-Starter-Kit. Wer ein paar Tage in Ho-Chi-Minh-Stadt verbringt, kommt schnell in den Genuss zahlreicher Smoothies oder anderer Getränke,  die Straßenstände in der ganzen Stadt verkaufen. Auch immer dabei: Der Plastikstrohhalm und die Plastiktüte, die extra an Getränkebecher angepasst ist und den Transport dieser auf dem Moped möglich macht. Das Umweltschutz-Starter-Kit enthält einen Bambusstrohhalm, der ins Federmäppchen passt, sowie eine Stofftragetasche passend für die Getränkebecher. Die Schüler*innen bemalen die Taschen und setzen dabei Stoff und Farbe gegen Plastik ein.

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Links: Ohrring aus Plastikstrohhalm | Rechts: Sparschwein in Mumien-Optik am Entstehen

Am letzten Tag des Sommerprojektes wird der gedruckte Flyer gefaltet und getackert und dann geht es los: Der Hitze zum Trotz laufen die Schüler*innen vom Ort des Workshops zum Goethe-Institut Ho-Chi-Minh-Stadt. Obwohl es keine Busroute gibt, wird einstimmig gegen die Nutzung von Autos gestimmt.
Das Goethe-Institut Ho-Chi-Minh-Stadt bietet eine Plattform für die Schüler*innen, um weitere Studierende zu erreichen, denn Umweltschutz hat neben dem „Ich“ auch immer etwas mit einem „Wir“ zu tun. So bietet die Präsentation des Flyers den Abschluss des Sommerprojektes. Die Krönung ist das Aufhängen des Posters der Plastik- Expert*innengruppe im Café des Instituts, welches über folgendes informiert: Das Café Goethe wird plastikfrei! Zukünftig werden keine Plastikstrohhalme mehr ausgegeben.

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Obst magst oder nicht

Allgemein, Julian | Namibia

Es ist kalt in Katima: Nachts um die 10 Grad und tagsüber um die 20.

Ein ziemlicher Temperaturabbruch im Vergleich zu dem Rest des Jahres. Umso wichtiger ist es, sich vor Erkältungen zu schützen. Aus der Kindheit ist mir der Satz:“ Kind iss doch mal ein paar Vitamine“ noch sehr präsent.
Nun bringen wir den Kindern der Mainstream Foundation einmal die Woche ein paar Kilo Orangen, Mandarinen, Äpfel und Bananen mit.

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Vitamin A,B,C,K und vieles mehr

Die Kinder freuen sich über die Abwechslung und den energiereichen Snack zwischen den Unterrichtsstunden.

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Einer nach dem Anderen

Es ist sehr bedauernswert, dass vom Office keinerlei Unterstützung zu erwarten ist. Sei es in finanzieller oder logistischer Hinsicht. Im Gegenteil, es kommt eher das Gefühl auf Gegenwind zu bekommen. Auch eine konstruktive Zusammenarbeit mit unseren Kollegen ist nicht möglich, da es in Punkten Kommunikation, Verlässlichkeit und Ambition zu große Differenzen gibt. Ich bin umso dankbarer, dass Lena und ich ein gutes Team sind und wir jeden Tag einen weiteren Schritt in unseren Projekten gehen.
Wir ziehen unseren eigenen Stiefel durch, wenn man es so will.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Keine Brunnen sondern Öfen bauen

Allgemein, Julian | Namibia

Der Rocket Lorena Stove-eine aus Uganda stammende Idee.

Das Kochen über offenem Feuer steht im Norden Namibias auf der Tagesordnung. Besonders in ländlichen Gegenden dienen drei Steine als Herdplatte. Diese jahrtausendalte Tradition des Kochens bietet den Vorteil der Einfachheit, jedoch mangelt es an Wärmeeffizienz.

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Mit dem Konzept des Rocket Lorena Stoves soll die Hitze des Feuers besser genutzt werden. Das Schwarz-Weiß Bild schön und gut, aber wie lässt sich das in der Realität umsetzen?

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Bob der Baumeister

Der Boden besteht oft aus Sand, weswegen ein stabiles Fundament aus Lehm unumgänglich ist. Der Sand der Zambeziufer bietet eine ideale und kostenfreie Alternative zu fertig gemischtem Zement.

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Platzhalter

Bei dem Aufziehen der Mauern muss auf zwei Einsparungen geachtet werden durch die später das Feuerholz, bzw. der Wind eindringen sollen. Die Platzhalter bestehen aus Reet und einer umwickelten Plastik Folie.

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Für das Innenleben des Herdes wird der Lehm mit Dünger vermischt. Dies erhöht die Hitzebeständigkeit, da der Dünger mit der Zeit verbrennt und Hohlräume bleiben.

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Soweto, ein unverzichtbarer Helfer

Für die Herdplatten wird Lehm entfernt, sodass ein Topf durch das Feuer direkt beheizt wird und ein Topf indirekt durch den heißen Rauch.

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Mit der Hilfe des Simbabwischen Roten Kreuzes eine machbare Aufgabe

Die Stabilität des Schornsteins wird durch das Einarbeiten von Stroh erhöht, da dieses verbrennt und kleine Hohlraume bleiben und sich somit das Gewicht verringert. Der Rauch wird durch den Schornstein kontrolliert abgegeben, sodass kaum Rauch beim Kochen eingeatmet wird.

 

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glückliche Besitzer eines neuen Herdes

Die freie Fläche neben dem Schornstein dient zum Vorbereiten von Zutaten, sodass das Essen vor Kleintieren geschützt ist.
Kurzum läuft das Projekt unter dem Schirm der Verlangsamung des Klimawandels.
Mitarbeiter des Simbabwischen Roten Kreuzes haben als Projektleiter fungiert und Namibier zu Experten ausgebildet. Diese internationale Zusammenarbeit schätze ich sehr und sehe darin ein großes Vorbild.
Jeder Ofen ist besonders, weil mit der natürlichen Vegetation eines jeden Dorfes gearbeitet wird. Es muss kein Geld ausgegeben werden und die Idee des Herdes soll in die entlegendsten Dörfer gelangen.

Back on Block

Allgemein, Bruno | Südafrika

Obwohl das Zurückkommen ein fester Bestandteil des Auslandsjahrs ist, habe ich nie so richtig darüber nachgedacht. Bis jetzt war das Zurückkehren in meinem Kopf immer eine Art Ziel, als wäre damit alles geschafft. All die Herausforderungen gemeistert und zurück in die Sicherheit des Elternhauses, dem strukturierten Alltag. Dabei wird mir bewusst, dass die wirklichen Herausforderungen in Berlin erst auf mich warten. Südafrika ist wie eine Pause aus dem echten Leben. Ein Jahr lang raus. Aus den Problemen der Familie, der Freunde. Ein Jahr lang ohne die über allem stehende Frage, wie wird es weiter gehen? Was studiere ich, was will ich, wie werde ich glücklich und bleibe dabei meinen in Windeseile wechselnden Überzeugungen treu. Ich will noch so viel machen, sehen, erledigen, hören doch der Leistungsdruck unserer Gesellschaft, die nach dem Einfamilienhaus im Grünen, Sohn, Tochter und Jack Russel strebt, erinnert mich immer wieder daran, dass ich neunzehn bin, wenn ich wiederkomme. Das ich dann noch schneller zwanzig sein werde und mit einundzwanzig manche schon ihren Master haben. Seit wann hat ein Achtzehnjähriger schon das Gefühl, ihm würde die Zeit davon laufen? Nachdem 3/4 des Jahres vorrüber sind versuche ich mir vorzustellen, wie es wohl wirklich wird, in Berlin anzukommen. Auch wenn sich Südafrika echt anfühlt, ist es letztendlich doch egal, ob ich auf der Arbeit etwas erreiche, keine Scheiße baue, mich weiterbilde oder an die Zukunft denke. Denn hier vergisst man schnell, dass es schon bald wieder etwas anderes geben wird, als Montag im Staub der Gravelroad, mit den Kids auf der Ladefläche, zu den Grundschulen zu fahren. Sich am Wochenende zwischen den Boxen das Bier zu teilen, aufzustehen und zum „african House“ zu tanzen. In Berlin warten auf mich Entscheidungen, die nicht nur für ein Jahr gelten, sondern für mein ganzes Leben.

Andererseits, ich will nicht immer am gleichen Ort bleiben, den gleichen Job haben. Mit zwanzig wissen, wie mein Leben aussieht. Das wäre doch langweilig. Ich habe hier gelernt, dass alles möglich ist. Wenn man die Frage „bist du glücklich?“ mit „nein“ beantwortet, sollte man einfach kurzerhand seinen Koffer packen und anfangen sein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Denn letztendlich liegt es doch an uns.

 

Musik die mich umgibt.

Die Playlist auf meinem Handy hat sich komplett ausgetauscht. Es ist viel Zeit vergangen. Der amerikanischen Consciouse Rap ist weniger geworden. Eine große Anzahl Singer-Songwriter Songs überschwemmen meine Playlist. Nur Gitarre und Stimme, bloß kein Auto-Tune und am liebsten eine live Aufnahme. Ganz am Anfang befinden sich verträumte neuartige nicht einzuordnende Stücke unter dem Motto hauptsache anders und wage formulierten Musikrichtungen trip hop, fusion jazz und/oder minimal. Doch zwischen Archie Marshall oder Jerkcurb finden sich auch immer mehr Südafrikanische Künstler.

Musik charakterisiert eine Kultur. Tanzen drückt den Geist einer Kultur aus. In einem südafrikanischen Village wird gefühlt immer und überall getanzt. Es gibt melodische Call and Response Lieder, die jeder kennt und es vergeht kein Tag, an dem ich nicht eine Gruppe Kinder oder Jugendliche sehe, die mitten auf der Straße singen und tanzen. Anstatt die Bewegungen nach einem vorgegebenen Muster möglichst exakt nachzuahmen, wie zum Beispiel bei deutschen Volkstänzen, geht es hier darum möglichst individuelle, abgefahrene „Moves“ zu machen. Getanzt wird zur African House Music, die die Charts regelrecht regiert.

Distruction Boyz – Omunye – der Hit 2017 😉

Da viele keine Kopfhörer haben oder keine Musik herunterladen können, ist es schwer als Musiker außerhalb von Gospel oder House bekannt zu werden. Dagegen hat auch die Singer-Songwriter Szene viel zu bieten. Durch Zufälle bin ich zwei verschiedenen Artists begegnet.

„Umle sounds“ Nach einem Lift von den beiden Musikern aus einem Township in Port Elizabeth, kam es ein paar Wochen später zu einer Jam-Session. Gefühlvolle Gitarrenmusik, gesungen in Xhosa, geht ins Ohr und bleibt dort auch.

 

UMLE – umzuzu/ ungawari babe

„Msaki“ Macht traditions gebundene Jazz/Pop Songs featured by allen möglichen Künstlern. Ich hatte das Glück, mit ihr zusammen aufzutreten.

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Chasing Sun – Msaki

Wenn ich vermuten müsste, was mir zurück in Deutschland am meisten fehlen wird, dann ist es diese Lebensfreude, ausgedrückt in Musik und Tanz.

 

 

 

 

 

Ich ziehe um

Leonie | Vietnam

Ich bin plötzlich wach und folge dem ersten Reflex: Ich hebe meinen Kopf und schaue aus dem Fenster. Gerade geht die Sonne über dem Meer auf. Fast hätte ich laut aufgelacht durch diese plötzliche, emporsteigende Freude. Ich spiele mit dem Gedanken, aufzustehen, meinen Bikini anzuziehen und hinauszurennen. Vielleicht lasse ich den Bikini-Part auch sein und bade gleich in meinem Pyjama, oder ach, einfach nackt, vielleicht lasse ich dabei aber eine Socke an, wer weiß! Und da soll einer nochmal sagen, das Leben ist schön. Von wegen! Das Leben ist wunderschön! Vielleicht schwimme ich so weit hinaus, bis ich an diesem großen glühenden Feuerball ankomme, der sich da gerade aus dem Meer erhebt.
Und während mein Geist voller Euphorie ist, gewinnt mein Köper an Müdigkeit, ich murmele leise zu niemandem Bestimmten „ich mach’s morgen“, senke meinen Kopf und schlafe weiter.

Noch immer kann ich nicht fassen, wo ich gerade wohne. Ich bin für zwei Monate nach Da Nang gezogen und arbeite dort nun an einem vom Goethe-Institut betreuten College. Eigentlich sollte dort für ein Jahr eine Schulwärts-Freiwillige eingesetzt werden, das sind normalerweise Lehramtsstudent*innen oder Lehrer*innen, jedoch ist dieses Jahr die Freiwillige kurzfristig ausgefallen. So wurde ich gefragt, ob ich für zwei Monate einspringen möchte. Nun bin ich hier, noch bis Anfang Juni, und dann geht es zurück nach Saigon.

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Mein Paradies hielt genau 16 Tage an. Etwas ungehalten starrte ich den jungen Mann an, der da gerade vor meinem Fenster einen Zaun errichtete. Er lächelte mich an. Ganz unschuldig tat er dabei. Ich schaute noch finsterer und wunderte mich darüber, wie fröhlich jemand sein kann, der da gerade in der prallen Sonne arbeiten musste. Noch nicht mal Netflix gucken konnte er dabei. Schadenfreude muss wohl etwas sehr Schönes sein. Je fertiger der Zaun war, der mein Fenster von seinem Blick aufs Meer trennt, desto glücklicher wurde er.
Jetzt muss ich doch tatsächlich mein Bett verlassen, um mich dem Meer nahzufühlen! Kurz bevor ich mein Zimmer verlasse, schreibe ich mir aber noch schnell eine Notiz Name, Wohnort und Familienstand von Person X ausfindig machen. Schwachstellen finden. Mopedreifen durchstechen. Du weißt schon, der übliche Kram.

Zzzt, denkst du dir sicher, ich armes, kleines Mädchen, habe nun keinen Meerblick mehr. Dabei hast du leicht reden. Der Meerblick hatte auch seine Nachteile, die ich tapfer ausgestanden habe! Du musstest dir nicht jeden Abend verliebte vietnamesische Pärchen anschauen, die sich vor deinem Bungalow niederlassen, um sich dann so zu küssen, wie ich es nur im traurigen Konjunktiv tue.
Statt Musik zu hören und mich voller Wehmut der Sehnsucht hinzugeben und an die tollen Freunde zu denken, die ich in Saigon hatte und die mich hier in Da Nang mit ihrer Abwesenheit schlechte Gedichte schreiben lassen, oder an den Menschen zu denken, der bestimmt noch viel besser küssen kann als du, führe ich einfach ein Protokoll der Liebespaare. In Calibri Light purzelten nun regelmäßig Paare über meinen Laptopbildschirm und gruselten sich darüber, dass sie in die Schriftgröße 11 passen. Das sieht in etwas so aus:

Typ, der einen Kopf größer ist als seine Freundin und bestimmt einen Kopf kleiner als Ich: Ich finde es toll, dass wir gemeinsam in die Wellen starren.
Mädchen, das wunderwunderschön ist und das ich deswegen hasse: Ja, in die Wellen starren. Juhu! Das macht Spaß. Man könnte sich fast einbilden, jede neue Welle sehe ein bisschen anders aus als die letzte. Da! Schon wieder, eine neue Welle. Herrlich.
Typ, der einen Kopf größer ist als seine Freundin und bestimmt einen Kopf kleiner als Ich:
Ganz genau! Besonders bei Nacht, die Vielfalt des Meeres ist sooo unendlich groß. Genauso wie meine Liebe zu dir! Da, siehst du diese cyanblaue Welle dahinten? 50 Shades of Blue!
Mädchen, das wunderwunderschön ist und das ich deswegen hasse: Aber ich bitte dich, das ist doch ganz klar taubenblau.

Jetzt streiten die beiden sich ein bisschen über die rechte Verwendung von Adjektiven und wundern sich darüber, dass sie auf Deutsch reden. Also wenn das Glück sein soll, dann verzichte ich!
Ich gebe zu, ich schweife ab. Das passiert, wenn man abends nur noch den Himmelschweif sieht statt das Meer. Man macht schlechte Wortspiele aber ist insgeheim ein bisschen stolz darauf. Dann schlürft man faul zur Strandbar und hat so viel schlechtes Gewissen darüber, wie gut es einem doch eigentlich geht, dass man wieder hektisch zurück in sein Zimmer rennt und eine kostenpflichtige E-Mail-Adresse kauft, die mit Öko-Strom betrieben wird. Man weint kurz bei der Überweisung des Geldes darüber, dass man sich früher noch keine Gedanken um die Welt gemacht hat, weil man dachte, dass die Erwachsenen irgendwelche Super-Wesen seien, die schon klug genug wären, das mit der Umweltverschmutzung, der Einhaltung der Menschenrechte und so weiter zu regeln, bis man gemerkt hast, dass Menschen AfD wählen oder in einem Land leben, das in Sachen Meinungs- und Pressefreiheit drei Plätze vor Nordkorea liegt, und zu einem dennoch gesagt wird „Politik interessiert mich nicht besonders“. Stattdessen will man wie früher einfach Süßigkeiten kaufen. Oder Wunder-Bälle, die tausend Zuckerschichten und innendrin Kaugummi haben. Großartig. Man will unbedingt wieder einen Wunder-Ball kaufen, den die Eltern furchtbar fanden und man selbst deswegen noch ein bisschen besser.

Am nächsten Tag geht man dann zur Arbeit, unterrichtet Deutsch und vermisst ein wenig seine alten Schüler aus Saigon, die im Deutschclub immer so schön mitgemacht haben. Man ist etwas verlegen wegen dem Lied, das die Schüler einem zum Abschied geschrieben haben, aber noch mehr ist man verdammt glücklich darüber. Hier kann man es hören.
Entgegen aller Vorsätze denkt man doch ein bisschen an vergangene Zeiten und bildet sich ein, dass das „Jetzt“ immer unglamouröser ist, als das Früher. Wenn das „Jetzt“ ein Adjektiv wäre, würde ich es bloß für ganz schlimme Dinge benutzen. Jetzt ist E-Mail beantworten und seine Auslandskrankenversicherung darum bitten, einem doch bitte das Geld für die Krankenhausrechnung rückzuerstatten. Jetzt ist Lebensmittelvergiftung und schlechte Internetverbindung. Jetzt ist auf eine U-Bahn-warten, die nie kommt, weil es in der Stadt nur Busse gibt, die nirgends ankommen. Auch wenn es in Nirgends vielleicht sehr schön ist. Man vergisst kurz, dass „Jetzt“ immer viel intensiver ist als „früher“ und „damals“. Dann bekommt man wieder ein schlechtes Gewissen, dass man nicht dankbarer ist, und setzt sich verlegen an den Strand, um in der Gesellschaft tausender Sandkörner wie ein verträumtes Liebespaar mit sich selbst über die Blautöne eines sehr schwarzen Ozeans zu debattieren.

Saigon und seine Hektik kommen einem plötzlich sehr fern vor, und wie das so ist mit Dingen, die man nicht haben kann, will man sie plötzlich sehr dringend. Ich glaube, es hat auch damit zu tun, dass diese Stadt herzlich wenig „Das will ich auch noch machen!“ hat. In Saigon war es ein Dauerbegleiter. Die Factory hat eine neue Ausstellung? Da will ich auch noch hin! Die Garküche am Ende der Le Van Sy Straße? Da will ich auch noch hin! Mit in Thin Thans Familie kommen? Da will ich auch noch hin! Die Buchmesse, bei der sich am Ende alle verlaufen und niemand Spaß hatte? Da will ich auch noch hin!
In Da Nang befindet sich der mit Abstand beste Ort am Meer. Das ist wunderwunderbar, aber ich habe plötzlich so viel Zeit. Schön, dass ich diesen Blog ein bisschen zuspamen kann und mit meinem Reichtum an Zeit auch noch Deine klauen kann – wie das so ist, die Reichen reicher!

Da, sobald ich aus Da Nang nach Saigon zurückkehre, bereits Schulferien sind, habe ich mich von den Schülern, bei denen ich nachmittags an den Schulen war, verabschieden müssen. Hier eine kleine Fotostrecke in Gedanken an die Zeit mit ihnen im Deutschclub:

Schreibwerkstatt im Deutschclub!
Thao: „Auf der Party gibt es viele Bratwürste und ich möchte sie alle essen.“
Minh: „Die echte Freiheit hast du, wenn du machen kannst, was du liebst.“
Giang: „Ich habe die Sonne im Herzen.“
Phuong: „Seine Box ist kalt wie Eis, es tut ihm weh, aber sie möchte sie dennoch brechen.“

Zeitzeugenprojekt! Die Schüler lesen den Bericht eines freiwilligen Fluchthelfers zu Zeiten der Berliner Mauer und können Fragen an den Helfer schicken. (Ja, vielleicht klingt „Zeitzeuge“ einfach viel eleganter als: ich frage meinen Vater, ob er mir kurz einen Bericht schicken kann, den er dann in Form von Whatsapp-Sprachnachrichten sendet und ich dann abtippen muss.)

Wissens- & Quizspiele im Deutschclub.

Übung macht den Meister – oder bringt zum Lachen.

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Leonie | Vietnam

Schwindelerregende Glücksgefühle
Wir sind ein Haufen lachender, betrunkener Moleküle
Stehen nackt und nass auf dem Dach
Im Silvestertakt machen unsere Sektgläser Krach

Die gefallenen Konfetti malen ein abstraktes Kunstwerk
Aus Reflex halte ich Ausschau nach einem Feuerwerk
Und dann bist du meine Komplizin, gehen heimlich schwimmen
Solange, bis auch die letzten Anstandsregeln verschwimmen
Klaust du schon wieder Klopapier aus der Restauranttoilette?
Und heute Nacht essen wir wieder Instant-Nudeln, jede Wette!

Du spuckst vor Lachen das Wasser wieder auf mein Bett
Ich muss auch lachen, spucke Wasser, das Meer ist komplett
Ganz knapp verpassen wir nicht unseren Flug
Saigon und Ninh Binh im gleichen Atemzug

Unser Heizstrahler lächelt uns freundlich an
Ich fasel fiebrig irgendein Zeug, ihr nehmt mich in den Arm
Ich produziere unsaubere Reime und ihr spielt Doktor
In unserer Bambushütte kriecht die Kälte empor
Wir mieten uns Fahrräder und besteigen Berge
Von Oben sind Sorgen lächerliche Fruchtzwerge

Du fragst: „Wer ist Vin?“ du hinterfragst
Du sagst: „Bis bald!“ und umarmst
In meinem Kühlschrank finde ich dein Abschiedsgeschenk

Du bist der Mensch, der mich glücklich macht
Wie ein Nutellabrot in seiner vollen Pracht
Wie eine durchtanzte, warme Sommernacht
Wie mein Lieblingsroman, nur in nicht-ausgedacht

Du bist der Besuch, der ins Flugzeug steigt um nach Saigon zu kommen
Du bist Maia, Sassi, Vivi, Mama, Papa
Du bist der Mensch, der soviel Leben in mein Leben bringt
Du heißt Ha, Anh Thu, Tam, Phoung
Du bist die Unterhaltung, die mich inspiriert
Du nennst dich Marvin, Frieda, Paul, Eileen, Carlotta, Paula
Du bist der Halt, der mir manchmal fehlt
Und du bist auch Sehnsucht
Flüchte erfolglos vor dem Pathos

Gesichter an Füßen, fast wie Ballett
Zu dritt quetschen wir uns in mein Bett
Ihr tauft die Mücken auf sonderbare Namen
Nicht jugendfrei, unmöglich zu verraten
Du wirst für ein paar Kamele an Marvin versteigert
Und es wird sich nicht geweigert!

In Aktmalkursen und Tanzstudios ziehen wir durch die Stadt
Bún chả giò, Phở, Bánh mì macht uns satt
Wir nennen die Nacht heimlich Tag und entgehen der Hitze
Und du erzählst immer noch die besten Witze (ja, keine Sorge Vivi, ich meine dich)

Wir grillen zusammen ein letztes Mal
Ich vermisse euch, mein Humankapital
Wir dichten Lieder um und singen
Unser Abschied soll ganz laut erklingen!
Ihr seid mein Ohrwurm glücklicher Momente
Teil der interkulturellen Experimente

Ein halbes Jahr ist nun vergangen und ihr fahrt ab
Ich verabschiede euch Mitfreiwilligen vor euerem Flug nach Deutschland
Auf Wiedersehen, grüßt mir den Dönerkebab
Aber ich spüre diesen inneren Widerstand
Zurück bleiben Frieda und ich
Und dieses miserable Gedicht
Mein persönliches lyrisches Experiment
Und dein, mein, unser Fernweh brennt
Und bevor es für dich, Vivi, nach Hause geht
Reisen du und ich

nach
Malaysia

Fragen in unseren Köpfen
Verkopft, verstopft
Wir schreiben „Fragen des Tages“ in ein Notizbuch
Und wagen einen Versuch
Sie alle am Ende des Tages zu beantworten
Fragen sind oft schöner als Antworten

Darf man auch Malaie sein ohne muslimisch zu sein? Wurde Malaysia auch mal kolonialisiert? Warum gibt es noch so viele Postkoloniale Strukturen und warum wird darüber so wenig Gesprochen? Warum erwarten wir, dass die ganze Welt in der christlichen Zeitrechnung denkt und Wundern uns über das Jahr 2651?

Thailand

Traumstrände schreiben stumm Symphonien der Leichtigkeit
Das Mopedglück rauscht im Fahrtwind und hat große Ähnlichkeit
Mit der Freiheit
Frei, frei, frei
Meinungsfreiheit spielt Verstecken
Unsere Kreide malt nur Kreise
Elefantenhosen
Sie kleiden langweilige Idioten, als Backpacker getarnt
Und dann kleine, geheime Inseln ohne Strom
Wir haben das Urlaubssyndrom

Unser Bungalow steht illegal im Naturschutzgebiet
Vor unserem Fenster ein Affe
Wir müssen schüppen statt zu spülen

Nachts kuschel ich mich ganz nah an Dich

Schnorcheln und laufen durch den Dschungel
Treffen auf Yuppie, Luis und Flavia
Wir sind da

Weißt du was?

Urlaub im Jetzt ist der Schönste

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Marvin, Maia und ich fahren nach Ninh Binh – irgendwie mystisch dort.

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Maia und ich

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Ich, Maia, Paula und Marvin

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Nachdem Sassi das erste Mal allein eine Straße in Saigon überquert hat

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Sassi im Mückenhimmel

Kuala Lumpur, Malaysia:
Wir übernachten bei einer Freundin von mir und sinnieren darüber, ob wir jeh wieder nur in Deutschland leben können

Penang, Malaysia:
Wir machen die zweite Nacht durch damit wir kein Hostel bezahlen müssen (nicht nochmal).

Auf verschiedenen Inseln & Nationalparks in Thailand:

Bangkok, Thailand:
Wir stoßen auf die schlechteste Fotoaustellung, die wir je gesehen haben, auf eine sehr gute zeitgenössische Ausstellung über Vietnam, und befinden uns in dem Art und Culture Center, das eine Ausstellung über seine Angestellten macht: die Putzkräfte, den Portier, die Wächter*innen. Alles Menschen, denen wir zuvor beim Reinspazieren begegnet sind, ohne es wahrzunehmen.

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Wir schleichen uns in ein japanisches Kinderklavierkonzert.

@Bernd & Ferdi: wir haben euch schrecklich vermisst! Happy Birthday

Alltag

Allgemein, Julian | Namibia

Heute mal kein Bericht über eine Reise. Ich möchte von meiner Arbeit beim Namibischen Roten Kreuz erzählen und kurze Einblicke in meine Freizeit ermöglichen.

Durch den groben Rahmen, den das Rote Kreuz uns Freiwilligen als Arbeit bietet, liegt es an mir diesen Raum zu nutzen und  Projekte ins Leben zu rufen.
Eine Aufgabe besteht darin Klassen 4-7 Erste-Hilfe-Unterricht zu geben. An zwei Schulen ist das Projekt abgeschlossen und an zwei weiteren läuft es gerade. Wir reden darüber, wie man den Krankenwagen ruft, sich in solchen Situationen verhält und mit Alltagsverletzungen umgeht.

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Mit jeder Schule sind auch die Kinder anders, es ist jedes Mal spannend aufs Neue. Mal habe ich das Gefühl Chinesisch zu reden, wannanders kommen die Antworten vom laufenden Band. Klassen von bis zu über fünfzig Kindern überraschen mich immer wieder mit ihrer Disziplin und Ruhe.
Zu der Klassenstufe fünf der Katima Combined School besteht eine besondere Verbindung. Es war einer der ersten Jahrgänge, der im letzten September in den Genuss unser damals noch wackeligen Erste-Hilfe-Kurse kam. Sie machten es uns leicht, empfingen uns mit offenen Armen und wollten uns gleich am nächsten Tag wiedersehen.
Mit der Eröffnung eines Red Cross Youth Clubs möchten wir uns bei ihnen revangieren und näher kennenlernen. Seit gut fünf Wochen läuft das Projekt. Einmal die Woche besuchen um die 35 Kinder am Nachmittag ihre Schule um am Youth Club teilzunehmen. Zusammen reden wir über das Rote Kreuz, vertiefen die Kentnisse über Erste Hilfe und spielen ebenso deutsche, wie namibische Spiele.

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Salzteig kneten, versuchen kann mans ja mal

Das Mafuta Day Care Centre bietet Waisen eine Möglichkeit für lau Mittag zu essen und eine Möglichkeit Vorschulkinder an die Englische Sprache heranzuführen. Der Wunsch nach Tischen für die Kinder und mehr Diversität beim Essen waren groß. Aus diesem Grund klappern wir viele Supermärkte in der Stadt ab und bitten mithilfe offizieller Briefe um Essensspenden. In der Theorie eine runde Sache, in der Praxis ist der Manager der Supermärkte nur einmal persönlich anzutreffen. Meist wird der Brief nach Windhoek geschickt und da liegt er wahrscheinlich gut. Es zeigt sich wieder einmal, dass ein offenes persönliches Gespräch mit dem Manager am gewinnbringendsten ist. Die Supermarktkette SPAR spendet noch am selben Tag.

 

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Die Mainstream Foundation, ein Waisenhaus mit einer Einrichtung für Behinderte Kinder wird einmal wöchentlich besucht und ich habe mir das Anlegen von einem neuen Beet zur Aufgabe gemacht. Zudem fungiere ich als lebendes Klettergerüst.

Der Alltag ist durch die vielen unterschiedlichen Aufgabenfelder sehr abwechslungsreich. Ich finde jedoch,  das Wort Alltag besitzt einen trostlosen Beigeschmack. Es vermittelt ein Gefühl von Stagnation, dieses Gefühl ist mir jedoch fremd. Jeder Tag ist anders und auf seie Weise lehrreich. Klar braucht es Zeit bis der Wocheneinkauf klappt, ich meinen Garten als Projekt sehe oder ein Youth Club ins Leben gerufen wird.
In Nachhinein ist diese Entwicklung sehr interessant zu sehen. Der Fokus hat sich zunehmend schärfer gestellt und ich habe das Gefühl hier ein weiteres Zuhause gefunden zu haben. Es ist schön das sagen zu können und zu wissen, dass erst die Hälfte rum ist und noch sehr spannende Erlebnisse warten.

Am Ende noch ein Nachtrag. Nach dem Etosha Video folgt nun auch ein Kapstadt Video, grüße gehen raus an Philipp, den Cutter.

 

Arbeitstitel

Allgemein, Jasper | Ghana

Dienstag, 23. Januar 2018.

 

Worin besteht im Moment mein Lebensinhalt? Das Jahr im Ausland als lebensverändernde Erfahrung, zurückkommen als fertiger Mensch. Dann in Berlin die Kurve kriegen, keiner von diesen typischen FSJ-Gutmensch-Ökos werden und die Politikkarriere starten. Zurückkommen und einfach wissen, wer man ist, was man mal macht und dabei auch noch was Gutes getan haben.

Wenn ich jetzt mal reflektiere, wie meine Erwartungshaltung vor dem 8.9. 2017 aussah, muss ich einsehen, dass ich nicht auf dem Weg bin, auch nur annähernd eins dieser Ziele zu erfüllen. Das liegt natürlich an mir, zum Beispiel weil ich den Arsch nicht früh genug hochbekommen und mich um ein neues Projekt gekümmert habe, in dem man mehr „Gutes“ tun kann. Aber es liegt auch an den Erwartungen selbst und mit denen bin ich ja nicht mal alleine unter uns Freiwilligen. Was ist also so falsch an diesen Erwartungen?

 

Wenn man sie sich nochmal durchliest, erkennt man, dass sie an ihrer Perspektive kranken. Sie sehen das Jahr und alles, was in selbigem passiert nur in Relation zur Lebenswelt in dem Moment, in dem sie entstanden sind. Es geht gar nicht um das, was man konkret erlebt, sondern nur um die Konsequenzen der Erlebnisse für die Zeit, in der das „echte Leben“ – man könnte wohl auch sagen die Karriere – weitergeht. Es geht gar nicht ums Weggehen und schon gar nicht ums Wegsein, sondern nur ums Wiederkommen. Wer so erwartet, der geht eigentlich davon aus, Berlin (oder eine dieser anderen Städte) niemals zu verlassen. Wer so denkt, glaubt, man habe in Ghana (oder einem dieser anderen Länder) das gleich Bezugssystem wie zuhause. Der unterschätzt oder vergisst einfach den Perspektivenwechsel. Der vergisst, dass die Heimat und alle Karrierepläne nicht nur in räumliche Ferne rücken. Der unterschlägt die Gegenwärtigkeit des hier Erlebten.

 

Was soll das genau heißen? Ganz einfach: Wenn durch meine Nachbarschaft eine Herde Kühe getrieben wird, dann ist das zwar ein verrücktes Erlebnis, leider hilft mir das aber nicht unbedingt, eine Entscheidung bezüglich der Wahl meines Studiengangs zu treffen. Um solche Entscheidungen zu treffen, braucht es entweder eine gewisse Distanz, um sich einmal genau zu überlegen, was man machen will oder aber es braucht das eine Erlebnis und die unmittelbare Nähe. Eine Entscheidung als Produkt einer Emotion. Oder man macht einfach irgendwas.

 

Zumindest für mein Jahr in Ghana kann ich bis jetzt sagen, dass das ganz große, alles verändernde Erlebnis noch auf sich warten lässt. Aber es gibt viele Eindrücke, auch extreme, die auf mich einstürmen. An erster Stelle ist da sicherlich das Gespräch mit einem Straßenkind zu nennen: 17 Jahre alt, spricht kein Englisch (Amtssprache hier), 4. Klasse nicht geschafft (da war er 13), Freundin schwanger, schläft auf der Straße und wäscht in der Innenstadt Autoscheiben an roten Ampeln. Das ist dann sehr nah, so etwas aus erster Hand zu hören. So nah, dass man natürlich keine adäquaten Antworten auf das Erzählte findet. Weder für ihn noch für mich. In solchen Situationen fehlt mir auch noch Wochen nach der Begegnungen die Distanz, um das ganze so umzudeuten, dass es in meine eigene Lebensgeschichte passt. Was heißt das für mich, dass ich jetzt diese Geschichte gehört, aber in ihrer Tragweite sicher noch nicht verstanden habe. Welche Schlüsse muss ich daraus ziehen? Was muss ich mal machen, damit ich mithelfen kann, so etwas zu verhindern? Welches Studienfach muss ich jetzt wählen? Keine Ahnung.

 

Es ist mir unmöglich, mich jetzt in den nächsten Wochen festzulegen, was ich studieren oder gar mal arbeiten will (Bewerbungsfristen für einen Studienbeginn zum Wintersemester rücken ja näher). Vielleicht wird mir irgendwann in ferner Zukunft durch die zeitliche Distanz mal klar werden, welche Bedeutung diese Begegnung für mein Leben hatte, aber jetzt habe ich keine Ahnung. Aber vielleicht ist das gerade das Gute an diesem Jahr: Man muss es nicht im Zusammenhang mit einer linearen Karriere sehen (auch wenn das vor dem Jahr bestimmt die meisten mehr oder weniger offen getan haben) es funktioniert auch als in sich abgeschlossener Lebensabschnitt. Nicht ganz in sich abgeschlossen natürlich. Irgendeinen Einfluss wird das schon haben, aber für das Jahr an sich ist es nicht wichtig, zu wissen welchen. Ein Jahr lang darf einem – finde ich – Schule, Uni, Jobben egal sein. Es muss sogar sein, sonst war man nie richtig weg. Die Probleme im Jetzt sind gerade zu Recht wichtiger und das ist etwas, was man genießen sollte. Und wenn man abgefuckt ist von seiner Arbeit, dann darf man sich dran erinnern wie entspannt das Leben gerade ist. Nicht, weil alles einfach ist, sondern weil es das Jetzt ist, um das man sich kümmern muss und nicht das Morgen.