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Allgemein, Bruno | Südafrika

Manchmal esse ich Spagetti Bolognese zum Frühstück und Müsli zum Abendessen. Manchmal lasse ich das Frühstück komplett aus und mache mir abends so eine große Portion Reis mit Chakalaka, dass ich drei Tage davon esse. Manchmal sind eine Flasche Wein und Karotten das Einzige, was meinen Kühlschrank leer aussehen lässt. Das ultimative Gefühl der Freiheit. Manchmal freue ich mich auf Berlin, manchmal nicht. Manchmal habe ich eine genaue Vorstellung von den kommenden Monaten, manchmal überhaupt nicht. Manchmal fühlt sich das gut an, manchmal nicht. Woran merkt man, das die Zeit begonnen hat zu rennen und wann, dass man erwachsen ist?

Noch eine letzte Woche ist mir in dem Land geblieben, dass das große Fragezeichen hinter Afrika mit einem Ausrufezeichen ersetzt hat. Nach einem halben Jahr, mitten in den größten Herausforderungen, kamen mir weitere sechs Monate unglaublich lange vor. Doch irgendwann ging die Zeit so schnell vorbei, dass ich mich frage, wer hat an der Uhr gedreht?! Ich komme zu dem Schluss, dass es die guten Zeiten waren. Nach unglaublichen Reisen und tollen Begegnungen verging die zweite Hälfte, wie im Flug und jetzt bin ich hier. Unter einem Sternenhimmel, der, wenn ich irgendwann wieder komme, immer noch genauso unglaublich aussehen wird. Bloß, dass es nie wieder das selbe Gesicht sein wird, dass da wehmütig in die Sterne guckt. 

Dies ist, wenn mich nicht Alles tauscht, mein letzter Blogeintrag. Auch wenn es kitschig klingt, möchte ich mich bedanken. Egal. Also, danke BMZ für deine fleißige finanzielle Unterstützung. Danke Deutschland für deinen Reisepass und Berlin dafür, dass du nicht in der Nähe von …, im Umland von…, in dem und dem Bundesland liegst, sondern die coolste Stadt Deutschlands bist. Danke an alle Leser/innen, Spender/innen, Paten/innen, Freunde, Seelenverwandte und offene Ohren. Danke Mama, Papa, Family für eure ungebrochene Unterstützung, euer Vertrauen und die schlaflosen Nächte.

Orte ziehen vorbei, wie im Zug. 2017. Drei Uhr morgens mit dem Fahrrad nach Hause. Eine kleine Gasse um Mitternacht, irgendwo in Spanien. Ein verkiffter Schulabbrecher weiß den Weg und wir rennen im strömenden Regen nach Hause. Im leeren Hausflur stehen. Im Hintergrund dreht sich der Plattenspieler in Endlosschleife, bis die Vinyl plötzlich einen Kratzer hat. Bevor ich gehe, lege ich eine neue Platte auf.

Ein paar Stunden später sitze ich im Flugzeug, ohne den leisesten Schimmer, was mich erwartet.

Dreihundertfünfundsechzig Tage. Schwer zu beschreiben. Irgendetwas zwischen Tränen und Ekstase, Liebe und Hass, Kapstadt und Durban, schwarz und weiß. Ein Jahr, dass mir vorkommt, wie ein ganzes Leben und mich bestimmt für immer begleiten wird. Ich habe alles geschafft, alle Herausforderungen gemeistert und alles getan, was ich tuen wollte. Sogar noch Vieles mehr. So gesehen war dieses Jahr nicht nur besonders gut, sondern golden.

In ein paar Stunden werde ich im Flugzeug sitzen, ohne den leisesten Schimmer, was mich erwartet. Doch ich habe herausgefunden, dass so immer die besten Geschichten anfangen.

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Wasser marsch!!

Allgemein, Julian | Namibia

Der Freiwilligendienst neigt sich mit bahnbrechender Geschwindigkeit dem Ende zu. Das bedeutet persönlich, wie auch arbeitstechnisch einen Abschluss finden.
Mit dem Kids Club besuchen wir die Feuerwehr Station. Dort angekommen erwarten uns die Feuerwehrmänner und geben uns Einblick in ihre Arbeitswelt.
Wir lernen die verschiedenen Fahrzeuge, die Ausrüstung und das Werkzeug der Arbeiter kennen.

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Modernes Gerät

Mit diesem Cutter werden eingeschlossene Menschen aus ihrem Auto befreit. Um die Schneidekraft zu maximieren, wird er mit einem Generator betrieben.

 

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Interessierte Schüler

Die Feuerwehrmänner geben sich große Mühe alle Fragen zu beantworten und verständlich zu erlären. Die Arbeitskleidung darf sogar anprobiert werden.

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Eric, ein möglicher zukünftiger Feuerwehrmann?

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Jeder durfte mal spritzen

Der Besuch hat sich sehr gelohnt und war eine gelungene Abwechslung. Wir haben alle viel gelernt und sind den Feuerwehrmännern dankbar für die Möglichkeit.

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Glücklicher Kids Club

Des einen Abschied ist der Anderen Anfang, so haben wir den Kindern ein Foto von unseren Nachfreiwilligen gezeigt, die den Kids Club weiterführen werden.

 

 

Raufaser und Fetzen

Leonie | Vietnam

Viel zu viel zu viel zu schnell
vergeht die Zeit.
Noch 5 Tage Saigon, 3 Wochen Indonesien und dann sitze ich in meinem Zimmer in Berlin, die Raufasertapete blickt mich mitleidig an und ich muss mich dann stets dazu zwingen, nicht andauernd Sätze von mir zu geben,  die anfangen mit: „Also in Vietnam war das so,  dass….“.

Ich dachte zunächst an eine Fazitrunde, vermutlich als Dialog, vermutlich mit mir selbst, vermutlich mit durch Zeitformen gespaltenen Persönlichkeiten, vermutlich wäre das eine ganze Weile lang ungefähr so gegangen:

Abi-Ich: Ich mach die Tetanus-Impfung jetzt nicht mehr. Das ist doch unnötig. Oder? Okay, ich mach sie. Dauert ja nicht lange. Oh, ich treff mich doch lieber mit Freunden. Scheiß auf Tetanus. Hat Leah jetzt auch nicht mehr gemacht. Ja, Papa, wenn Leah aus dem Fenster springt, dann springe ich auch. Das gehört sich unter guten Freunden so.
Auslands-Ich: Wer braucht schon Tetanus-Impfungen? Und Reiseapotheken werden sowieso überbewertet.
Back-to-Berlin-Ich: Aber rückblickend wären so ein bisschen mehr Tabletten gegen Erbrechen schon sinnvoll gewesen, ne?
Auslands-Ich: Jetzt hör auf damit, so unappetitliche Details preiszugeben, und nur um die Machtverhältnisse klar zu stellen: Euch gibt es nur im Passiv. Ihr schreibt nicht, ihr werdet geschrieben.
Abi-Ich: (in der Mottowoche, Asitag) DIGGA, DU FÜHRST JA AUCH GESPRÄCHSRUNDEN MIT DIR SELBST. Opfer.
Auslands-Ich: Krass, mir fällt gerade auf, dass ich kein einziges vietnamesisches Schimpfwort kenne. Sagt das jetzt etwas über mich, die Menschen, die ich kenne oder die Sprache aus? Naja egal. Selber Opfer.

Oder so ähnlich. Irgendwie wurde diese Gesprächsrunde nur nicht sinnvoll, also lasse ich lieber Bilder sprechen.

– Impressionen aus Danang –

Faces of Danang from fünfachtel:ich on Vimeo.

 

 

Links: Abendliches musizieren mit dem Staff der nächsten Strandbar in Danang
Rechts: Mit Frieda (die mittlerweile in Deutschland ist – auauaua) in den Marble Mountains in Danang.

– Juli –

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– randomly Erinnerungsfetzen-

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Ich mach’s vermutlich einfach wie meine Freundin und schaue ein bisschen Waschmaschiene gegen die Abschiedstrauer. Kann sie euch auch nur empfehlen.

 

 

Einmal eine gute Zukunft, bitte!

Leonie | Vietnam

Vorwort: Es ist schon wieder zu viel passiert für einen Beitrag. Also bediene ich mich der alten Methode, ein Geschehnis ausführlich zu erzählen. Inspiriert von Julians Post, geht es hier auch um Arbeit. Für die Webiste von PASCH (Partnerschulen-Initiative der Zukunft) habe ich den folgenden Beitrag über das Sommerprojekt geschrieben, das ich allein planen, organisieren, und mit Unterstützung einer vietnamesischen Kollegin durchführen durfte. 

In der Woche vom 16. bis zum 20. Juli 2018 fand ein einwöchiges Sommerprojekt in Ho-Chi-Minh-Stadt statt. Unter dem Motto „Einmal eine gute Zukunft, bitte!“ beschäftigten sich Schüler*innen aus Ho-Chi-Minh-Stadt mit dem Thema Umwelt.

Wo beginnt die Umwelt und wo hört sie auf?

An einem Montagmorgen zur Ferienzeit treffen sich die Schüler*innen von drei verschiedenen PASCH-Schulen aus Ho-Chi-Minh-Stadt und haben ein gemeinsames Ziel: Mit ihrem Wissensdurst und Kreativität wollen sie sich eine Woche lang der Komplexität des Themas Umwelt nähern.
Die Umweltwoche beginnt mit einer Reflexion der Schüler*innen. Sie frage sich selbst und auch einander, warum Umweltschutz wichtig ist, wie man die Umwelt schützen kann und was einen davon abhält. Die Schüler*innen gehen auf Konfrontationskurs, und zwar mit sich selbst. Sie ermitteln ihren ökologischen Fußabdruck und am Ende des Tages sind sich alle einig: Umweltschutz fängt bei mir an!

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Wo beginnt das Lernen und wo hört es auf?

Ebenso werden die Schüler*innen nicht nur innerhalb, sondern auch außerhalb des Klassenzimmers mit der Thematik konfrontiert. Auf der Suche nach Möglichkeiten, die Umwelt zu schützen, besuchen die Schüler*innen an Tag Zwei des Sommerprojektes den Solar Experience Space der Bach-Khoa-Universität. Der Solar Experience Space bietet Solarzellen zum Verstehen, Anfassen und Nachdenken. Die Schüler*innen lauschen den Expert*innen, die zum Thema erneuerbare Energien einen Workshop abhalten.

Am Ende des Workshops sind die Schüler*innen mit der Thematik vertraut und bekommen von den Workshopleitenden einen Anhänger als Souvenir. Die Schüler*innen sind bereits sensibilisiert für Umweltverschmutzungen und ihnen entgeht nicht, dass die Anhänger einzeln in Plastik verpackt sind. So lernen auch die Expert*innen von den Schüler*innen: Unnötiges Plastik gilt es in jedem Falle zu vermeiden!

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Wo beginnt Nachhaltigkeit und wo hört sie auf?

In Gruppenarbeit werden die Schüler*innen zu Experten von drei Unterthemen: Wasserknappheit auf der Welt, Ernährung im Kontext des Klimawandels und Plastikverschmutzung. Die Expert*innengruppen widmen sich ihrem Thema und intensivieren anschließend ihre Lernerfahrung, indem sie ihr Wissen einander weitergeben. Eigenständig erarbeiten sie sich einen Überblick und entwerfen dann Seiten für einen Flyer, der das Endprodukt des Workshops sein wird. Sie zeichnen, malen Comics, entwerfen Diagramme, schreiben Informationstexte und geben ein paar Tipps für einen nachhaltigen Umgang mit Natur und Umwelt. Es geht um „Lifehacks für eine bessere Zukunft“.

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Wo beginnt Kreativität und wo hört sie auf?

Am vierten Tag der Projektwoche werden die Schüler*innen wiederholt kreativ: in Upcyclingsessions lernen sie neue Wege kennen, bentuzte Dinge wiederzuverwenden. Über die letzten Tage haben die Schüler*innen ihren Verpackungsmüll gesammelt, der nun gesichtet, reflektiert und wiederwendet wird. Die Upcyclingprodukte sind nicht nur als Impulse für einen nachhaltigen Konsum, sondern auch als eine persönliche Erinnerung zu verstehen, die zu Hause und Freunden gezeigt werden können.

Die Schüler*innen erhalten darüber hinaus ein Umweltschutz-Starter-Kit. Wer ein paar Tage in Ho-Chi-Minh-Stadt verbringt, kommt schnell in den Genuss zahlreicher Smoothies oder anderer Getränke,  die Straßenstände in der ganzen Stadt verkaufen. Auch immer dabei: Der Plastikstrohhalm und die Plastiktüte, die extra an Getränkebecher angepasst ist und den Transport dieser auf dem Moped möglich macht. Das Umweltschutz-Starter-Kit enthält einen Bambusstrohhalm, der ins Federmäppchen passt, sowie eine Stofftragetasche passend für die Getränkebecher. Die Schüler*innen bemalen die Taschen und setzen dabei Stoff und Farbe gegen Plastik ein.

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Links: Ohrring aus Plastikstrohhalm | Rechts: Sparschwein in Mumien-Optik am Entstehen

Am letzten Tag des Sommerprojektes wird der gedruckte Flyer gefaltet und getackert und dann geht es los: Der Hitze zum Trotz laufen die Schüler*innen vom Ort des Workshops zum Goethe-Institut Ho-Chi-Minh-Stadt. Obwohl es keine Busroute gibt, wird einstimmig gegen die Nutzung von Autos gestimmt.
Das Goethe-Institut Ho-Chi-Minh-Stadt bietet eine Plattform für die Schüler*innen, um weitere Studierende zu erreichen, denn Umweltschutz hat neben dem „Ich“ auch immer etwas mit einem „Wir“ zu tun. So bietet die Präsentation des Flyers den Abschluss des Sommerprojektes. Die Krönung ist das Aufhängen des Posters der Plastik- Expert*innengruppe im Café des Instituts, welches über folgendes informiert: Das Café Goethe wird plastikfrei! Zukünftig werden keine Plastikstrohhalme mehr ausgegeben.

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Obst magst oder nicht

Allgemein, Julian | Namibia

Es ist kalt in Katima: Nachts um die 10 Grad und tagsüber um die 20.

Ein ziemlicher Temperaturabbruch im Vergleich zu dem Rest des Jahres. Umso wichtiger ist es, sich vor Erkältungen zu schützen. Aus der Kindheit ist mir der Satz:“ Kind iss doch mal ein paar Vitamine“ noch sehr präsent.
Nun bringen wir den Kindern der Mainstream Foundation einmal die Woche ein paar Kilo Orangen, Mandarinen, Äpfel und Bananen mit.

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Vitamin A,B,C,K und vieles mehr

Die Kinder freuen sich über die Abwechslung und den energiereichen Snack zwischen den Unterrichtsstunden.

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Einer nach dem Anderen

Es ist sehr bedauernswert, dass vom Office keinerlei Unterstützung zu erwarten ist. Sei es in finanzieller oder logistischer Hinsicht. Im Gegenteil, es kommt eher das Gefühl auf Gegenwind zu bekommen. Auch eine konstruktive Zusammenarbeit mit unseren Kollegen ist nicht möglich, da es in Punkten Kommunikation, Verlässlichkeit und Ambition zu große Differenzen gibt. Ich bin umso dankbarer, dass Lena und ich ein gutes Team sind und wir jeden Tag einen weiteren Schritt in unseren Projekten gehen.
Wir ziehen unseren eigenen Stiefel durch, wenn man es so will.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Keine Brunnen sondern Öfen bauen

Allgemein, Julian | Namibia

Der Rocket Lorena Stove-eine aus Uganda stammende Idee.

Das Kochen über offenem Feuer steht im Norden Namibias auf der Tagesordnung. Besonders in ländlichen Gegenden dienen drei Steine als Herdplatte. Diese jahrtausendalte Tradition des Kochens bietet den Vorteil der Einfachheit, jedoch mangelt es an Wärmeeffizienz.

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Mit dem Konzept des Rocket Lorena Stoves soll die Hitze des Feuers besser genutzt werden. Das Schwarz-Weiß Bild schön und gut, aber wie lässt sich das in der Realität umsetzen?

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Bob der Baumeister

Der Boden besteht oft aus Sand, weswegen ein stabiles Fundament aus Lehm unumgänglich ist. Der Sand der Zambeziufer bietet eine ideale und kostenfreie Alternative zu fertig gemischtem Zement.

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Platzhalter

Bei dem Aufziehen der Mauern muss auf zwei Einsparungen geachtet werden durch die später das Feuerholz, bzw. der Wind eindringen sollen. Die Platzhalter bestehen aus Reet und einer umwickelten Plastik Folie.

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Für das Innenleben des Herdes wird der Lehm mit Dünger vermischt. Dies erhöht die Hitzebeständigkeit, da der Dünger mit der Zeit verbrennt und Hohlräume bleiben.

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Soweto, ein unverzichtbarer Helfer

Für die Herdplatten wird Lehm entfernt, sodass ein Topf durch das Feuer direkt beheizt wird und ein Topf indirekt durch den heißen Rauch.

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Mit der Hilfe des Simbabwischen Roten Kreuzes eine machbare Aufgabe

Die Stabilität des Schornsteins wird durch das Einarbeiten von Stroh erhöht, da dieses verbrennt und kleine Hohlraume bleiben und sich somit das Gewicht verringert. Der Rauch wird durch den Schornstein kontrolliert abgegeben, sodass kaum Rauch beim Kochen eingeatmet wird.

 

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glückliche Besitzer eines neuen Herdes

Die freie Fläche neben dem Schornstein dient zum Vorbereiten von Zutaten, sodass das Essen vor Kleintieren geschützt ist.
Kurzum läuft das Projekt unter dem Schirm der Verlangsamung des Klimawandels.
Mitarbeiter des Simbabwischen Roten Kreuzes haben als Projektleiter fungiert und Namibier zu Experten ausgebildet. Diese internationale Zusammenarbeit schätze ich sehr und sehe darin ein großes Vorbild.
Jeder Ofen ist besonders, weil mit der natürlichen Vegetation eines jeden Dorfes gearbeitet wird. Es muss kein Geld ausgegeben werden und die Idee des Herdes soll in die entlegendsten Dörfer gelangen.

Viel zu viel Juni und noch mehr Sommer

Leonie | Vietnam

Gedankenstammeln aus Monat 10

2. Juni 2018

Ich laufe durch die Nacht und verteile Marmorskulpturen und Vasen vor fremden Häusern. Ich weiß nicht, ob sie teuer waren, ich weiß nur, dass ich das dann bestimmt nicht wissen möchte. Es sind Geschenke, die ich zum Geburtstag und zum Abschied bekommen habe. In meiner Hand liegt ein eckiges Marmorstück, um das Ornamente geschlungen sind. Der einzige Kontext der mir dazu einfällt, ist der einer Mordwaffe.
Ich fühle mich schlecht, aber ich kann das alles nicht transportieren und mein Zug fährt in einer Stunde.  Ich habe zuvor alles zusammengepackt und gehofft, dass es weniger geworden ist –  ist es nicht. Dann habe ich eine Weile auf meinem Bett gesessen und geweint, weil man das so macht bei Abschieden, damit sie sich laut und bedeutungsschwer anfühlen und das, was davor war, ein bisschen Lametta bekommt.
Jetzt sitze ich im Zug, er verschluckt mich für 17 Stunden, dann darf ich aussteigen und ein bisschen Luft einatmen, die nach Schmutz schmeckt und guten Erinnerungen. Und vor allem aber nach Verheißung, die ist immer ein gutes Argument gegen Abschiedstrauer.
Ich trage das Shirt meiner Freundin aus Danang und bin ein bisschen sauer, dass das jetzt schon Nostalgie heißen kann, im Kostüm des Präteritums sieht meine Freundin irgendwie lächerlich aus, so schnell kann doch aus einem Menschen keine Erinnerung werden.
Ich will wieder, dass es Nacht wird in diesem Schlafwagon, dann umarmt mich wenigstens die Poesie dabei, im Nachtzug durch Vietnam ein paar Tränen loszulassen.
Es ist ein Jahr voller Abschiede, von so vielen Menschen, zum Glück heißt es bei vielen nur „Bis bald!“, bei manchen wäre eher ein Schulterzucken ehrlich, wer weiß,  wann man sich nochmal sieht. Sie sind banal diese Abschiede, aber sie rütteln jedes Mal von neuem das Leben auf.
In meinem Schlafabteil sind wir zu sechst auf vier Betten, darunter zwei Kinder, die munter neben mir spielen und ab und zu still halten, um mich an zu grinsen.

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3. Juni 2018

Kurz vor Saigon, hält mein Zug. Regen. Frieda schreibt, sie sei schon am Bahnhof, ich habe ihr wieder und wieder gesagt, sie brauche mich nicht abholen, heimlich gehofft, dass sie es doch tut. (Jippi).
Ich brauche ein bisschen (Sprachbarriere), um herauszufinden was los sei: Wir warten auf den Wettergott, damit es aufhört zu regnen und  wir weiterfahren können. Ich mag den Stillstand nicht, nehme meine Sachen und steige aus dem Zug, wate durch knöcheltiefen Matsch und strömenden Regen. Den Rest fahre ich mit Grab, es ist teuer, aber immer noch bezahlbar. Frieda und ich treffen uns dann zu Hause, ich bin rundum glücklich, so neben ihr zu sitzen. Sie muss mit ins Bad kommen, während ich dusche, damit wir weiterreden können. Wir gehen mal wieder ins Lighthouse, eine der drei besten Tanzbars Saigons. Auf dem Rückweg pustet Fahrtwind und von der Brücke nach Thao Dien sehe ich die Skyline. Wunderschön. Wir führen einige Minuten lang geistreiche Dialoge (Oh, Skyline, dich mag ich, hättest du nur nicht so einen hässlichen Namen, der nach billigem Club oder möchtegern- teurem-Vodka klänge – Oh, vertrau mir, ich habe ihn mir nicht ausgesucht, das war deine Sippe, die Menschen, etc.) Mhm.  Zu viel Tofu im Organismus.

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11. Juni 2018

Auf dem Weg zu einem Tempel (da gibt es gutes Essen) komme ich an einer Demonstration vorbei. Aufgeregt mache ich (ich weiß nicht, ob legale) Fotografien davon und kann kaum erwarten herauszufinden, wofür demonstriert wird. Es geht a) um neue Wirtschaftszonen, die für 99 Jahre an chinesische Investoren verpachten werden sollen und b) um die Cyber-Security-Law, die nun ganz legal dem Gesetzgeber Kontrolle und Zensur sozialer Medien ermöglicht.
Wir wurden gebeten, uns auf unseren Blogs nicht zu der Politik in Vietnam zu äußern, das erklärt vielleicht, warum ich bisher absolut nichts dazu geschrieben habe. Auf Facebook kursieren heute Videos von Polizist*innen, die in Saigon Demonstrant*innen über den Boden schleifen und in Wagen zerren. Leute sagten: „pass lieber auf, geh da heute nicht hin.“
Die nächsten Tage sprechen alle darüber,  auf Facebook postet jemand in einer der Saigon-Gruppen, in denen ich bin, dass ein Freund, ein US-amerikanischer Staatsbürger mit vietnamesischen Wurzeln, von Polizist*innen in ein Auto gezerrt wurde und seitdem vermisst wird, ein paar Tage später ist der Post entfernt. Mehr dazu: https://www.nytimes.com/2018/06/14/world/asia/will-nguyen-vietnam-american-protest.html
Wer will, hier ein Überblick über Vietnam: https://freedomhouse.org/report/freedom-world/2018/vietnam

?. Juni 2018

Saigoner sind toll und ich liebe Saigon. Ich liebe liebe liebe diese Stadt! Es ist ein bisschen, wie nach Berlin kommen, so aus Danang. Ich schmecke den Freigeist.
Zudem gibt es im Kontrast zu Danang eine Kunstszene, die sich gerade entwickelt. Einem Vorurteil, dem sie sich stellen muss, ist, dass die Künstler*innen immer nur Kunst für andere Künstler*innen machen, und das stimmt auch halbwegs. Die Kunstszene ist nämlich recht klein für so eine riesige Stadt, man könnte zynisch von einer Bubble reden, in der sich immer wieder die selben Gesichter tummeln wodurch  Kunst zu einem exklusiven Club wird, und zwar für Eingeweihte. Dabei sollte Kunst nicht nur etwas für Eliten sein. Aber ja: wenn ich zu einem Art Space fahre, sehe ich dort die selben Menschen und weiß vorher schon, wer bestimmt wieder da sein wird.
Das macht es für mich auch irgendwie aufregend und greifbarer. Es bedeutet für mich, dass die Kunst  hier nicht anonym ist. Dadurch entstand dieses verrückte, überraschende Glücksgefühl, wenn man zu Ausstellungseröffnungen, Artist Talks oder Performances geht und die selben Gesichter antrifft, mit manchen hat man schon mal geredet, eigentlich sind alle unter ihnen Künstler*innen oder Forscher*innen der Saigoner Kunstszene und dazwischen man selbst. Es bedeutet einfach, dass du bloß anwesend sein musst und schon bist du drin, denn man muss ganz gewiss keine kluge Kunstkritikerin sein, und es ist auch kein exklusiver Club. Kunst ist nah, Kunst ist, was du fühlst und denkst beim Betrachten und Diskutieren der Arbeiten, komplizierte Wahrheiten, die einfach in ein paar simplen Adjektive stecken. Oder auch: „Was zur Hölle soll mir das sagen?“  – das nennt sich dann „Verwirrung“ und ist auch ein Gefühl.  Kunst ist einfach da –  und wenn du willst, kannst du mitmachen. In der afarm Galerie wird eine Aktfotografie hängen, die ich von einer Bekannten in Saigon aufgenommen habe.

Mit dem Saigon Art Book, einem Projekt von unter anderem auch dem Saigoneer, einem englischsprachigen Magazine für Saigon, wurde versucht ein größeres Publikum für die Kunstszene zu erreichen. Das Buch war zunächst kostenlos und wurde in verschiedenen hippen Cafés, in denen Saigoner gerne verkehren, vorgestellt. Das Projekt scheiterte jedoch und wurde eingestellt: zu wenig Interesse. Mittlerweile gibt es ein paar Ausgaben, die jedoch sehr teuer sind (aber wirklich verdammt,  verdammt gut!) Das Saigon Art Book ist eines der tollsten Kunstbücher, die ich je gesehen habe. Die Bücher erschienen ein paar Mal im Jahr und stellten Saigoner Künstler*innen, bzw. eine ihrer Arbeiten vor. Die Künstler*innen, die man im Saigon Art Book findet, kennt man vielleicht sogar bereits persönlich, war auf einem Artist Talk mit ihr*ihm.  Auf Hockern saß man in der Motplus Galerie und lauschte den Ausführungen.
In der #7-Edition des Artbook taucht die Künstlerin Lap Xuan mit ihrer Arbeit „Nothingness“  auf, eine Performancekünstlerin, die auch bei der afarm-Ausstellungseröffnung eine Kunstperformance machen wird (im Video unten zu finden). Beim Artist Talk  klickt sie eine Power-Point-Präsentation mit ihren Arbeiten durch, erzählt dazu, grinst an manchen Stellen und sagt auch mal, „dass das einfach intuitiv war“, anstatt allem einen bedeutungsschweren Zusammenhang aufzudrücken.
Es geht um Leidenschaft. Frieda und ich stellen fest, dass zeitgenössische Kunst in Saigon zu machen, dir keinen Ruhm oder Reichtum verspricht, den bekommt man hier nicht. Stattdessen geht es vor allem um Leidenschaft, ich habe das Gefühl, Kunst verliert hier ihre Abgehobenheit. Gleichzeitig bedeutet Kunst etwas. Sie ist ein Argument gegen den Nihilismus, der einen irgendwann beschleicht, wenn einem klar wird, dass man nur ins Land kommt, um zu gehen. Und außerdem ein Stück Freiheit. Wenn ich an Künstler*innen denke, dann stelle ich mir immer ein bisschen schräge, unkonventionelle, leicht politische Menschen vor, und wenn man solche Menschen in einem Land wie Vietnam trifft, ist das sehr erfrischend.

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?. Juni 2018

Mein neues Zuhause hat mehr als vier Wände, mehr als ein Fenster. Über meinem Bett ist eine Decke, ich schaue sie nie an, wer schaut denn auch an die Decke, dort gibt es nur Tagträume und die finde ich zu kitschig. Ich habe eine Klimaanlage und zwischen den Rotweingläsern im Schrank wispert es. Mein Futur ist voll von Altbauwohnungsfantasien, einem Plattenspieler, der Itsuro Shimoda oder Rainbow Kitten Surprise oder oder oder spielt. Ich werde wispernde Rotweingläser im Schrank haben, vielleicht auch welche in der Spüle als Relikte des gestrigen Abends.
Ich höre auf, die Decke anzuschauen.
Friedas Wasser ist Tee, meins ist Wasser, es kommt nicht aus dem Wasserhahn und erinnert mich daran, dass ich in Vietnam bin, dass meine Zukunftsfantasien und meine Gegenwartssituation im Kontrast zu so vielen vietnamesischen Realitäten stehen.

Mir gegenüber schlafen Bauarbeiter unter einer Plane, hinter ihnen ist ein Hochhaus. Auf dessen Dach ist ein Pool. Auf meinem Dach ist auch ein Pool, Frieda und ich wohnen gerade in der Wohnung einer Freundin, die für zwei Monate nicht in Saigon ist. Mein Narrativ ist immer durch Privilegien gefärbt.
Wenn ich morgens das Haus verlasse, sehe ich die Bauarbeiter. Wo es Armut trotz Arbeit gibt, stimmt etwas nicht. Das hat doch aber nichts mit mir zu tun. Das hat doch aber nichts mit den Millionen westlichen Menschen zu tun.
Fuck, doch. Die Buchstaben fallen kurz vom Blatt und wieder zurück.
Ich kann das fotografieren und die Serie „Alle Menschen sind ungleich“ nennen, oder einen Text darüber schreiben, wie ich es gerade tue. Ich kann also ein bisschen verarbeiten und reflektieren,  am Ende biege ich mir meine Welt nur wieder gerade, damit ich auf ihr laufen kann und Dinge tue wie Workshops fürs Goethe-Institut planen. Es ist ein Teufelskreis aus Schuldgefühlen, dass es mir so gut geht, sodass es mir dann nicht mehr gut geht, weswegen ich dann Schuldgefühle habe, weil ich doch alle Voraussetzungen habe, um glücklich zu sein.  Ich will gerne ein bisschen weniger fühlen.

Wenn man jedoch sehr rational darüber nachdenkt, kommt man zu folgendem Ergebnis:
Alle Menschen sind ungleich und es hat doch irgendwie irgendwas mit mir zu tun. Jetzt kann man davon gelähmt sein oder es ausblenden oder man denkt sich, dass doch alles irgendwie besser gehen kann und wer nicht utopisch ist, ist feige – Pessimismus ist lediglich der Deckmantel für Faulheit.
Also utopisch sein. Was genau bedeutet das jetzt nochmal für mich?

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Ich gebe einen Workshop zum Thema „Kreatives Schreiben“. Weil ich sonst so wenig über meine Arbeit schreibe (@ Mama), hier einmal ein etwas älterer Text, den ich für die kulturweit geschrieben habe über die Arbeit der ersten Monate in Vietnam:
https://www.kulturweit.de/freiwillige/unterwegs/%C3%BCber-das-abenteuer-das-sich-meinem-koffer-versteckte-und-mit-nach-vietnam-kam

Ansonsten organisiere ich gerade zwei PASCH-Projektwochen und dabei liegt offiziell die Federführung bei mir, ich darf mich also ein bisschen austoben und habe für das erste (Umwelt)Projekt ein Budget von 200-300 Euro bekommen und rätsle immer noch, warum das so viel Geld ist, vor allem hier in Vietnam. Ansonsten mache ich Konversationsprojekte, Aufsicht bei Prüfungen, Recherchearbeiten, arbeite mit an einer Werbekampagne, die bekannt machen soll, dass das Goethe bald umzieht, ansonsten plane ich ein Kurzfilmscreening am Institut oder mache auch Dinge, wie einen Tag lang Taschen der Prüflinge entgegennehmen und Anwesenheiten kontrollieren.

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 16. Juni 2018

Frieda fährt für einen Sommerkurs nach Danang. Mal wieder Adieu, jedoch nur für 13 Tage – davor tanzen wir durch die Nacht, laufen am nächsten Tag smoothiesuchend durch Saigon und enden in einer Galerie, die aus einem Raum besteht, in dem gerade eine Solo-Ausstellung installiert ist: eine Raum-Installation (Cactus Desert Thirst). Es ist abends und wir sitzen Wein aus Tassen und Schüsseln trinkend zu fünft mit der Künstlerin auf dem Boden und quatschen. Die Künstlerin war früher Aktivistin, bis sie einfach nicht mehr konnte und sich dafür entschied, stattdessen Kunst zu machen. Ihre Ausstellung dreht sich um Umweltverschmutzung, aber nicht aus einer politischen Sicht: es geht um die Identitätskriese, die Wasser durchmacht, das ja eigentlich reinigend wirkt, aber plötzlich vergiftet ist und nicht mehr getrunken werden kann. Ich finde diese Perspektive irgendwie schräg und gleichzeitig originell und cool, vielleicht ein bisschen zu gewollt, aber das wäre auch ein bisschen unfair zu sagen.

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19. Juni 2018

Es hängt! Ich hatte aber nur mein schlechte Handykamera dabei, um ein Bild vom Bild zu machen, also  sorry für die Verpixelung. Ich hasse Wasserwagen. Die Räume der Galerie sind bisher halb gefüllt, ein unschuldiges Versprechen auf mehr.

Titel: Feminism in A Curtain

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24. Juni 2018

Gestern war die Ausstellungseröffnung der afarm: „all animals are equal“. Der Name afarm ist eigentlich eine Abkürzung und bezieht sich auf ein gewisses Buch von Orwell, das als Gleichnis auf die Geschichte der Sowjetunion interpretiert wird. Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher. Da macht sich zur Genehmigung des Ganzen die Abkürzung „afarm“ natürlich besser.

Es ist nicht nur die Eröffnung der Ausstellung, sondern auch der afarm selbst, die künftig als Galerie, Workshopgelände und Platz für das Artist-in-Residence-Programm dienen soll.

Ich habe versucht, ein paar Eindrücke einzufangen:

all animals are equal from fünfachtel:ich on Vimeo.

 

Back on Block

Allgemein, Bruno | Südafrika

Obwohl das Zurückkommen ein fester Bestandteil des Auslandsjahrs ist, habe ich nie so richtig darüber nachgedacht. Bis jetzt war das Zurückkehren in meinem Kopf immer eine Art Ziel, als wäre damit alles geschafft. All die Herausforderungen gemeistert und zurück in die Sicherheit des Elternhauses, dem strukturierten Alltag. Dabei wird mir bewusst, dass die wirklichen Herausforderungen in Berlin erst auf mich warten. Südafrika ist wie eine Pause aus dem echten Leben. Ein Jahr lang raus. Aus den Problemen der Familie, der Freunde. Ein Jahr lang ohne die über allem stehende Frage, wie wird es weiter gehen? Was studiere ich, was will ich, wie werde ich glücklich und bleibe dabei meinen in Windeseile wechselnden Überzeugungen treu. Ich will noch so viel machen, sehen, erledigen, hören doch der Leistungsdruck unserer Gesellschaft, die nach dem Einfamilienhaus im Grünen, Sohn, Tochter und Jack Russel strebt, erinnert mich immer wieder daran, dass ich neunzehn bin, wenn ich wiederkomme. Das ich dann noch schneller zwanzig sein werde und mit einundzwanzig manche schon ihren Master haben. Seit wann hat ein Achtzehnjähriger schon das Gefühl, ihm würde die Zeit davon laufen? Nachdem 3/4 des Jahres vorrüber sind versuche ich mir vorzustellen, wie es wohl wirklich wird, in Berlin anzukommen. Auch wenn sich Südafrika echt anfühlt, ist es letztendlich doch egal, ob ich auf der Arbeit etwas erreiche, keine Scheiße baue, mich weiterbilde oder an die Zukunft denke. Denn hier vergisst man schnell, dass es schon bald wieder etwas anderes geben wird, als Montag im Staub der Gravelroad, mit den Kids auf der Ladefläche, zu den Grundschulen zu fahren. Sich am Wochenende zwischen den Boxen das Bier zu teilen, aufzustehen und zum „african House“ zu tanzen. In Berlin warten auf mich Entscheidungen, die nicht nur für ein Jahr gelten, sondern für mein ganzes Leben.

Andererseits, ich will nicht immer am gleichen Ort bleiben, den gleichen Job haben. Mit zwanzig wissen, wie mein Leben aussieht. Das wäre doch langweilig. Ich habe hier gelernt, dass alles möglich ist. Wenn man die Frage „bist du glücklich?“ mit „nein“ beantwortet, sollte man einfach kurzerhand seinen Koffer packen und anfangen sein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Denn letztendlich liegt es doch an uns.

 

Musik die mich umgibt.

Die Playlist auf meinem Handy hat sich komplett ausgetauscht. Es ist viel Zeit vergangen. Der amerikanischen Consciouse Rap ist weniger geworden. Eine große Anzahl Singer-Songwriter Songs überschwemmen meine Playlist. Nur Gitarre und Stimme, bloß kein Auto-Tune und am liebsten eine live Aufnahme. Ganz am Anfang befinden sich verträumte neuartige nicht einzuordnende Stücke unter dem Motto hauptsache anders und wage formulierten Musikrichtungen trip hop, fusion jazz und/oder minimal. Doch zwischen Archie Marshall oder Jerkcurb finden sich auch immer mehr Südafrikanische Künstler.

Musik charakterisiert eine Kultur. Tanzen drückt den Geist einer Kultur aus. In einem südafrikanischen Village wird gefühlt immer und überall getanzt. Es gibt melodische Call and Response Lieder, die jeder kennt und es vergeht kein Tag, an dem ich nicht eine Gruppe Kinder oder Jugendliche sehe, die mitten auf der Straße singen und tanzen. Anstatt die Bewegungen nach einem vorgegebenen Muster möglichst exakt nachzuahmen, wie zum Beispiel bei deutschen Volkstänzen, geht es hier darum möglichst individuelle, abgefahrene „Moves“ zu machen. Getanzt wird zur African House Music, die die Charts regelrecht regiert.

Distruction Boyz – Omunye – der Hit 2017 😉

Da viele keine Kopfhörer haben oder keine Musik herunterladen können, ist es schwer als Musiker außerhalb von Gospel oder House bekannt zu werden. Dagegen hat auch die Singer-Songwriter Szene viel zu bieten. Durch Zufälle bin ich zwei verschiedenen Artists begegnet.

„Umle sounds“ Nach einem Lift von den beiden Musikern aus einem Township in Port Elizabeth, kam es ein paar Wochen später zu einer Jam-Session. Gefühlvolle Gitarrenmusik, gesungen in Xhosa, geht ins Ohr und bleibt dort auch.

 

UMLE – umzuzu/ ungawari babe

„Msaki“ Macht traditions gebundene Jazz/Pop Songs featured by allen möglichen Künstlern. Ich hatte das Glück, mit ihr zusammen aufzutreten.

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Chasing Sun – Msaki

Wenn ich vermuten müsste, was mir zurück in Deutschland am meisten fehlen wird, dann ist es diese Lebensfreude, ausgedrückt in Musik und Tanz.

 

 

 

 

 

Ich bin ein wütender Text

Leonie | Vietnam

Die erste Frage, die mir ein neuer, junger Kollege stellte, war: „Bist du verheiratet?“. Lachen, nein, nein. So schnell habe ich das auch nicht vor. Keine Ahnung, ob überhaupt. Die darauffolgende Frage ist dann meistens: „Wie alt bist du denn?“

Neulich war ich mit ein paar Studierenden meines Colleges aus. Ein zähes Gespräch, zu wenig Englisch auf der einen, zu wenig Vietnamesisch auf der anderen Seite. Also weniger Gespräch, mehr Frage-Antwort. Es ging unter anderem um Dinge, die ich an Vietnam toll finde und Dinge, die ich furchtbar finde.
Es gibt viel Tolles, hier geht es um das nicht so Tolle. Meistens sieht in Vietnam nämlich alles ein bisschen besser aus, als es ist. Ich sagte ihnen, dass ich den Druck, der Frauen den Takt des Lebens diktiert, furchtbar finde. Heiraten! So früh wie möglich! Und die Heiratszeremonie dann ein dreistündiges Abendessen, bei der Mann und Frau auf der Bühne thronen. Schau an, so sieht er also aus, endlich ist sie unter der Haube.
Sie lachen. Drei von vier Mädels grinsen und sagen: „Ich will auch bald heiraten, so in drei Jahren vielleicht!“ Die vierte erzählt mir von ihren Reiseplänen, ich mag sie.

Es ist komisch, ich bin hin und her gerissen von dem Bedürfnis,tatsächlich tolerant zu sein. Tolerant gegenüber Meinungen, die ich nicht teile. Stattdessen verachte ich die drei Mädels, so hart es klingt. Ich finde sie unsympathisch, weltfremd und unterwürfig.

Dann, ein anderer Tag, ein anderer Ort. Mir gegenüber sitzt eine junge, kluge, kritische Frau. Ich sitze auf blauem Polster, ich sitze schon so lange darauf, dass es sich anfühlt, als hätte ich nie was Anders gemacht. Wir unterhalten uns oft über die Rolle der Frau in unseren Kulturen. Es ist morgens, es ist die einzige Zeit, in der sie kann, wir sehen uns etwa zwei Mal die Woche, manchmal nur nach dem Unterricht, manchmal zum Frühstück.
Ich finde sie so toll, ich könnte sie noch ganz viele Tage mehr sehen, aber ihr Alltag ist streng getaktet. Sie muss an dem College Englischunterricht geben, dann ihre Kinder abholen, sich zu Hause um den Haushalt und ihre Eltern kümmern, am Nachmittag und Abend dann zusätzlichen Privatunterricht geben, um genug Geld zu verdienen, um dann noch den Unterricht für den nächsten Tag vorzubereiten. Ihr Mann hat mehr Freizeit als sie, er kümmert sich nicht um den Haushalt, passt nicht mal auf die Kinder auf, während sie den Privatunterricht gibt, stattdessen trifft er sich nach der Arbeit mit seinen Freunden, um dann spät nachts von seiner Affäre betrunken nach Hause zu kommen.

Es sind intime Gedanken, ich bin mir nicht sicher ob es ihre Realität verspottet, sie zu Geschichten zu machen. So komme ich mir vor, wenn ich völlig durcheinanderdie Begegnungen aufschreibe. Denn es sind keine Geschichten, es ist eine Freundin, mehr noch: ein Mensch. Aber ich befinde mich in einem Dilemma, eigentlich wollte ich hier mal Dinge aufschreiben, dei mich bewegen, und nur Dinge wie die Landschaft zu lobpreisen, ist furchtbar einseitig. Ich habe das Folgende erfolglos versucht abstrakter zu beschreiben.

Es sind Momente, in denen du stundenlang über Wörter wie „Scheidung“ redest. Man hört Sachen wie: „Oder bilde ich mir das alles nur ein? Mir ist klar, dass in Vietnam die Frau in der Ehe viel opfern muss.“ und weist dies zurück. Ein Status Quo sei nicht dafür bestimmt, für alle Ewigkeit zu halten, auch nicht jede Ehe. Ich unterliege dem Reflex, gute Ratschläge geben zu wollen. Es ist schwer, ihr dabei nicht aus meiner bequem-westlichen Perspektive von einer Leichtigkeit des Seins zu erzählen, die schlicht im Korsett dieser patriarchalischen Gesellschaft etwas ganz Anderes bedeutet. Es bedeutet: sie ist dann allein und immer noch schwanger, sie ist dann geschieden und geschiedene Frauen in Vietnam heiratet man nicht. Sie muss dann alle finanziellen Sorgen alleine tragen, sie kann auch nicht einfach ausziehen und ihr Leben allein gestalten, es ist das Haus der Eltern, es ist die Krankheit ihres Vaters. Mein Optimismus hat Kopfschmerzen, der Realismus sieht ihn mitleidig an.
Sie redet davon, dass sie eine Puppe sei, die Fäden ziehen die anderen.
Es sind Strukturen, in denen meine Freundin die Welt bereisen will und der Vater es verbietet, weil er zu viel Angst um die Tochter habe. Strukturen, in denen meine Freundin Übersetzerin werden wollte, sie schließlich diesen Beruf ausführt und mit ihrem Chef deswegen ein bisschen reist, bis ihr Mann es ihr aus Eifersucht untersagt, diesen Beruf weiter auszuüben.

Es fühlt sich nicht fair an, eine ganze Gesellschaft abzuwerten, als würden in Deutschland die schillernden Lösungen liegen.
Ich bin mir im Klaren, dass in Deutschland das mit der Gleichberechtigung auch noch nicht so wirklich hergestellt und die Ehe an sich ein abstruses Konstrukt ist, deren Geschichte von Unterdrückung erzählt. In der Geschichte gibt es einen Mann, der eine Frau an sich bindet, die sich in dem Eheversprechen frei entfalten kann, zumindest bis zum anderen Ende der Küche. Die Frau heiratete ein Gesetz, in dem bis 1977 der Mann die Arbeit der Frau aufkündigen konnte, sollte sie nicht ihre häuslichen Pflichten gleichzeitig erfüllen können. Man entfloh mit der Heirat einem gesellschaftlichen Druck, nur, um sich in einen neuen und in die finanzielle Abhängigkeit des Manneszu begeben, statt die der Eltern. Es war selten ein Bund der Liebe, meist ein Bund der Sicherheit. Es ist ein Vertrag, der bloß auf Gefühlen basieren will, zwei Dinge, die man nicht vermischen sollte. Frieda und ich haben einmal einen Text in irgendeinem Philosophie-Magazin gelesen, der die Ehe zusammenfasste als ein blödsinniges Versprechen: Solange wir uns lieben und zusammenbleiben wollen, versprechen wir uns, einander zu lieben und zusammen zu bleiben. Vor allem aber machen wir es einander schwerer zu gehen.

Zudem will ich nicht pauschalisieren! Es gibt sie auch, die jungen Vietnames*innen, die die Welt bereisen. Beispielsweise eine andere Freundin von mir, die entschied, im Ausland zu studieren. Nach ihrem Bachelor musste sie auf Wunsch der Eltern wieder zurück nach Vietnam, doch eines Tages entschied sie: ich will wieder nach Deutschland! Sie kündigte von einem auf den anderen Tag ihren Job und schrieb Bewerbungen. Und es gibt auch Vietnames*innen, die allein wohnen, aber das entspricht einer Minderheit. Normalerweise wohnt man bei seinen Eltern bis man heiratet, dann zieht man zur Familie des Mannes. Dazu muss Sie natürlich Jungfrau sein, doch stellen die jüngeren Generationen langsam fest, dass Sex Spaß macht und die Bedingung der Jungfräulichkeit eine Herabwürdigung der weiblichen Sexualität darstellt, und sie beugen sich nicht mehr diesem Konzept.
Gleichzeitig will ich die vielen glücklichen Familien und Ehen nicht dadurch beleidigen, dass ich ihnen unterstelle, sie wüssten es einfach nicht besser. Im Gegenteil: das Konzept eines Mehrgenerationenhauses finde ich durchaus spannend.

Ich laufe jemandem Wichtigen meines Colleges in die Arme. Meine Freundin verabschiedet sich höflich und der Mann beginnt munter zu plaudern. Es ist ein netter, älterer Mann, der in Deutschland studierte und sich über jede Gelegenheit freut, Deutsch zu reden. Wie ich nach Hause komme, will er wissen, ich würde laufen. Was! Quatsch, ich fahre dich, ruft er. Ich lehne ab, das sei sehr nett, aber nein, ich wolle gern ein bisschen spazieren. Aber es sei doch so heiß, ruft er. Wir diskutieren ein wenig, am Ende willige ich ein, steige in sein Auto und rede über die langweiligsten Themen, die die Sparte Smalltalk so bietet. Er erzählt von einem großen, westlichen Supermarkt, der bei mir in der Nähe sei. Ich kenne ihn nicht, aber es trifft sich gut, am Wochenende findet ein Workshop statt, in dem ich deutsches Essen vorkoche und ich brauche dazu noch ein paar Zutaten. Statt nach Hause fährt er mich dann also zum Supermarkt. Als ich aussteigen will, erklärt er, dass er mitkommen will. Gern würde er mich einladen! Ein bisschen perplex schaue ich ihn an, nein, das möchte ich nicht, wirklich nicht.
Ich gehe im Kopf alle Schritte durch, die mich in diese Situation gebracht haben, hätte ich den anderen Ausgang nehmen sollen? Hätte ich mit meiner vietnamesischen Freundin gleich in ein Café gehen sollen und nicht nach dem Unterricht noch ewig auf den Schulbänken sitzen? Ach, das Leben ist so furchtbar schwer in der Retroperspektive.
Ich kann ihn nicht abschütteln. Ich fühle mich sonst schon absurd schlecht, zu irgendetwas eingeladen zu werden. Ja, das Einzige, das schlimmer ist, als selbst Geld auszugeben, ist nun mal das Gefühl, dass man nun irgendjemandem etwas schuldet. Nach diesen Unterhaltungen mit meiner vietnamesischen Freundin schmeckt das alles noch schlechter. Ich fühle mich hineingedrängt in die Rolle des lächelnden Mädchens. Ich erinnere mich an die Anfangszeit in Vietnam, ich hatte mir schnell eingebildet, dass man lieber mit den männlichen Wesen um mich herum redet, eher die um Rat fragt, als mich. Irgendwann habe ich entschieden, dass das auch ziemlicher Quatsch sein kann und unfassbar subjektiv, es impliziert den Anspruch darauf, dass meine Meinung so erhaben ist, als dass sie die erste Wahl sein sollte. Wir kann ich mir anmaßen, dies zu beanspruchen? Jetzt verschiebt sich alles. Wir gehen durch den Supermarkt, ich versuche ein verkrampftes Gespräch aufrechtzuerhalten. Nein, danke, höre ich mich oft sagen, wenn er auf Dinge zeigt. Es ist irgendwie alles unangenehm, ich kotze Lächeln und hasse in diesem Moment mein Leben.
Dann halte ich kurz inne und frage mich, ob gerade wirklich mein größtes Problem ist, dass ein netter Mann, der mal in Deutschland studiert hat und sich daran erfreut, ein wenig Deutsch reden zu können, mich zu einem Supermarkt fährt und meine Einkäufe bezahlt.
Es ist doch eigentlich fast wir ein irrer, leicht schräger Traum, bei dem man am nächsten Morgen aufwacht, zu seiner Mitbewohnerin trottet und sagt: Hey, ich habe geträumt, ein Fremder habe uns ganz viel Obst und Bier gekauft. Wollen wir mal im Kühlschrank nachsehen? Und dann schaut man im Kühlschrank nach und findet Obst und Bier und merkt: hey, ich träum ja immer noch.
Und dann wacht man auf und schüttelt kurz den Kopf. Wo aus dem Unterbewusstsein kam das jetzt wohl, fragt man sich und beim nächsten Mal einkaufen denkt man, ach, diese 40 Euro hätte mein Traum-Ich jetzt gespart.

Naja, wie auch immer. Was ich damit sagen will, ist: Ja, Vietnam ist momentan meine Realität und neben all den wunderbaren tollen Dinge, wie unzählige nette Menschen, koste ich auch Dinge, die bitter schmecken. Es bleibt aber immer ein Kosten, ein kurzes Spähen über den Tellerrand. Am Ende des Tages liege ich in meinem Bett, in meiner Gemeinschaftsküche liegt ein deutsches Brot, das ein netter Mensch befohlen hat sich zahlen zu lassen, und von mir wird nicht erwartet, in den nächsten fünf Jahren jemanden zu heiraten. Ja, selbst wenn ich mich dazu entscheide, das niemals machen zu wollen, ist das auch okay. Was ich noch nicht herausgefunden habe, ist, wie ich nun damit umgehen soll, von all diesen Ungerechtigkeiten in der Welt zu wissen. So viel scheitert oft an dem Glauben der eigenen Machtlosigkeit, aber wohin und zu was konkret führt das Gegenteil und wie lebe ich dieses?

Denn gleichzeitig lebe ich noch eine andere, süße Realität:
Das Leben ist leicht in Danang. Die Luft ist gut und wenn es zu heiß ist, fährt man eben ans Meer. Auf dem Weg bleibt man in Straßenküchen und an Smoothie-Ständen kleben, auf der Straße sitzen macht hier Spaß, in Saigon eher Husten. Wenn man zu einsam ist, kommt einen eben Frieda besuchen und dann lernt man eine Vietnamesin kennen, die man so toll findet, dass man unzählige Themen in ein paar Tage quetscht, weil man nicht erst mal miteinander warm werden muss.
Man fährt mit dem Moped über Landstraßen zu alten Tempeln, über Landstraßen wieder zurück. Man fragt verzückt:“Und wie sollen wir dieses Moped nennen?“ und Frieda antwortet, ob es denn ein Mann, eine Frau oder irgendwas dazwischen sei. Man überlegt kurz und sagt, dass es eine Sie sei, und dann antwortet Frieda, dass es ja auch komisch wäre, die ganze Zeit auf so ’nem Typ draufzusitzen.
Man führt nächtelang Unterhaltungen, mit Frieda kann man über Dinge, wie die Aufgabe von Literatur, philosophieren, mit Frieda kann man generell gut philosophieren, fast könnte man über das Philosophieren philosophieren.
Man zieht um, ja, auch das Zimmer ohne Klimaanlage, mit Glasfront vor der Küche, in der die Bewohner des Hauses stets sitzen, ist halb so schlimm, Privatsphäre brauchen Frieda und ich eh nicht mehr, voreinander auf die Toilette gehen ist Bestandteil des Versprechens, das in der Luft liegt und sagt: mit dir will ich noch ganz lange befreundet sein!
Die Stimme aus dem Off, die nach jedem geschaffenen Kreisel und Linksabbiegen einen dazu beglückwünscht und auch banale Dinge sagt wie: „Es ist rot, Leonie.“ und „Hier darfst du nicht links.“, ist in meinem Ohr, sie gehört zu Frieda, das tut sie doch immer.
Frieda fährt zurück nach Saigon, ich bleibe in Danang und halte mich an die Normen des Lebens: ein paar mal ausgehen mit Bekannten, die vietnamesische Freundin sehen, die ich so inspirierend finde, das Skript zu einem tollen Leben ist manchmal sehr berechenbar.
Dennoch liegt im Magen dieser Beigeschmack, diese wütenden Gedanken, die keine Lösung haben auf die Probleme meiner Freundin, keine feministische Power-Point-Präsentation machen können durch die– schwupps –  die Rolle der Frau keine Rolle mehr wäre, sondern eine individuelle Entscheidung. Ich weiß: ich würde es hassen, in dieser Gesellschaft eine Frau zu sein. Die ehrlichste Geste auf all diese Fragen in meinem Kopf wäre ein Schulterzucken. Keine Ahnung, ich habe keine, keine Ahnung, ich bin nur Zuschauerin eines Stückes, das ich nicht mag, vielleicht auch, weil ich es nicht ganz verstehe, aber wahrscheinlicher ist, dass das Stück einfach nicht fair ist.

Ich ziehe um

Leonie | Vietnam

Ich bin plötzlich wach und folge dem ersten Reflex: Ich hebe meinen Kopf und schaue aus dem Fenster. Gerade geht die Sonne über dem Meer auf. Fast hätte ich laut aufgelacht durch diese plötzliche, emporsteigende Freude. Ich spiele mit dem Gedanken, aufzustehen, meinen Bikini anzuziehen und hinauszurennen. Vielleicht lasse ich den Bikini-Part auch sein und bade gleich in meinem Pyjama, oder ach, einfach nackt, vielleicht lasse ich dabei aber eine Socke an, wer weiß! Und da soll einer nochmal sagen, das Leben ist schön. Von wegen! Das Leben ist wunderschön! Vielleicht schwimme ich so weit hinaus, bis ich an diesem großen glühenden Feuerball ankomme, der sich da gerade aus dem Meer erhebt.
Und während mein Geist voller Euphorie ist, gewinnt mein Köper an Müdigkeit, ich murmele leise zu niemandem Bestimmten „ich mach’s morgen“, senke meinen Kopf und schlafe weiter.

Noch immer kann ich nicht fassen, wo ich gerade wohne. Ich bin für zwei Monate nach Da Nang gezogen und arbeite dort nun an einem vom Goethe-Institut betreuten College. Eigentlich sollte dort für ein Jahr eine Schulwärts-Freiwillige eingesetzt werden, das sind normalerweise Lehramtsstudent*innen oder Lehrer*innen, jedoch ist dieses Jahr die Freiwillige kurzfristig ausgefallen. So wurde ich gefragt, ob ich für zwei Monate einspringen möchte. Nun bin ich hier, noch bis Anfang Juni, und dann geht es zurück nach Saigon.

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Mein Paradies hielt genau 16 Tage an. Etwas ungehalten starrte ich den jungen Mann an, der da gerade vor meinem Fenster einen Zaun errichtete. Er lächelte mich an. Ganz unschuldig tat er dabei. Ich schaute noch finsterer und wunderte mich darüber, wie fröhlich jemand sein kann, der da gerade in der prallen Sonne arbeiten musste. Noch nicht mal Netflix gucken konnte er dabei. Schadenfreude muss wohl etwas sehr Schönes sein. Je fertiger der Zaun war, der mein Fenster von seinem Blick aufs Meer trennt, desto glücklicher wurde er.
Jetzt muss ich doch tatsächlich mein Bett verlassen, um mich dem Meer nahzufühlen! Kurz bevor ich mein Zimmer verlasse, schreibe ich mir aber noch schnell eine Notiz Name, Wohnort und Familienstand von Person X ausfindig machen. Schwachstellen finden. Mopedreifen durchstechen. Du weißt schon, der übliche Kram.

Zzzt, denkst du dir sicher, ich armes, kleines Mädchen, habe nun keinen Meerblick mehr. Dabei hast du leicht reden. Der Meerblick hatte auch seine Nachteile, die ich tapfer ausgestanden habe! Du musstest dir nicht jeden Abend verliebte vietnamesische Pärchen anschauen, die sich vor deinem Bungalow niederlassen, um sich dann so zu küssen, wie ich es nur im traurigen Konjunktiv tue.
Statt Musik zu hören und mich voller Wehmut der Sehnsucht hinzugeben und an die tollen Freunde zu denken, die ich in Saigon hatte und die mich hier in Da Nang mit ihrer Abwesenheit schlechte Gedichte schreiben lassen, oder an den Menschen zu denken, der bestimmt noch viel besser küssen kann als du, führe ich einfach ein Protokoll der Liebespaare. In Calibri Light purzelten nun regelmäßig Paare über meinen Laptopbildschirm und gruselten sich darüber, dass sie in die Schriftgröße 11 passen. Das sieht in etwas so aus:

Typ, der einen Kopf größer ist als seine Freundin und bestimmt einen Kopf kleiner als Ich: Ich finde es toll, dass wir gemeinsam in die Wellen starren.
Mädchen, das wunderwunderschön ist und das ich deswegen hasse: Ja, in die Wellen starren. Juhu! Das macht Spaß. Man könnte sich fast einbilden, jede neue Welle sehe ein bisschen anders aus als die letzte. Da! Schon wieder, eine neue Welle. Herrlich.
Typ, der einen Kopf größer ist als seine Freundin und bestimmt einen Kopf kleiner als Ich:
Ganz genau! Besonders bei Nacht, die Vielfalt des Meeres ist sooo unendlich groß. Genauso wie meine Liebe zu dir! Da, siehst du diese cyanblaue Welle dahinten? 50 Shades of Blue!
Mädchen, das wunderwunderschön ist und das ich deswegen hasse: Aber ich bitte dich, das ist doch ganz klar taubenblau.

Jetzt streiten die beiden sich ein bisschen über die rechte Verwendung von Adjektiven und wundern sich darüber, dass sie auf Deutsch reden. Also wenn das Glück sein soll, dann verzichte ich!
Ich gebe zu, ich schweife ab. Das passiert, wenn man abends nur noch den Himmelschweif sieht statt das Meer. Man macht schlechte Wortspiele aber ist insgeheim ein bisschen stolz darauf. Dann schlürft man faul zur Strandbar und hat so viel schlechtes Gewissen darüber, wie gut es einem doch eigentlich geht, dass man wieder hektisch zurück in sein Zimmer rennt und eine kostenpflichtige E-Mail-Adresse kauft, die mit Öko-Strom betrieben wird. Man weint kurz bei der Überweisung des Geldes darüber, dass man sich früher noch keine Gedanken um die Welt gemacht hat, weil man dachte, dass die Erwachsenen irgendwelche Super-Wesen seien, die schon klug genug wären, das mit der Umweltverschmutzung, der Einhaltung der Menschenrechte und so weiter zu regeln, bis man gemerkt hast, dass Menschen AfD wählen oder in einem Land leben, das in Sachen Meinungs- und Pressefreiheit drei Plätze vor Nordkorea liegt, und zu einem dennoch gesagt wird „Politik interessiert mich nicht besonders“. Stattdessen will man wie früher einfach Süßigkeiten kaufen. Oder Wunder-Bälle, die tausend Zuckerschichten und innendrin Kaugummi haben. Großartig. Man will unbedingt wieder einen Wunder-Ball kaufen, den die Eltern furchtbar fanden und man selbst deswegen noch ein bisschen besser.

Am nächsten Tag geht man dann zur Arbeit, unterrichtet Deutsch und vermisst ein wenig seine alten Schüler aus Saigon, die im Deutschclub immer so schön mitgemacht haben. Man ist etwas verlegen wegen dem Lied, das die Schüler einem zum Abschied geschrieben haben, aber noch mehr ist man verdammt glücklich darüber. Hier kann man es hören.
Entgegen aller Vorsätze denkt man doch ein bisschen an vergangene Zeiten und bildet sich ein, dass das „Jetzt“ immer unglamouröser ist, als das Früher. Wenn das „Jetzt“ ein Adjektiv wäre, würde ich es bloß für ganz schlimme Dinge benutzen. Jetzt ist E-Mail beantworten und seine Auslandskrankenversicherung darum bitten, einem doch bitte das Geld für die Krankenhausrechnung rückzuerstatten. Jetzt ist Lebensmittelvergiftung und schlechte Internetverbindung. Jetzt ist auf eine U-Bahn-warten, die nie kommt, weil es in der Stadt nur Busse gibt, die nirgends ankommen. Auch wenn es in Nirgends vielleicht sehr schön ist. Man vergisst kurz, dass „Jetzt“ immer viel intensiver ist als „früher“ und „damals“. Dann bekommt man wieder ein schlechtes Gewissen, dass man nicht dankbarer ist, und setzt sich verlegen an den Strand, um in der Gesellschaft tausender Sandkörner wie ein verträumtes Liebespaar mit sich selbst über die Blautöne eines sehr schwarzen Ozeans zu debattieren.

Saigon und seine Hektik kommen einem plötzlich sehr fern vor, und wie das so ist mit Dingen, die man nicht haben kann, will man sie plötzlich sehr dringend. Ich glaube, es hat auch damit zu tun, dass diese Stadt herzlich wenig „Das will ich auch noch machen!“ hat. In Saigon war es ein Dauerbegleiter. Die Factory hat eine neue Ausstellung? Da will ich auch noch hin! Die Garküche am Ende der Le Van Sy Straße? Da will ich auch noch hin! Mit in Thin Thans Familie kommen? Da will ich auch noch hin! Die Buchmesse, bei der sich am Ende alle verlaufen und niemand Spaß hatte? Da will ich auch noch hin!
In Da Nang befindet sich der mit Abstand beste Ort am Meer. Das ist wunderwunderbar, aber ich habe plötzlich so viel Zeit. Schön, dass ich diesen Blog ein bisschen zuspamen kann und mit meinem Reichtum an Zeit auch noch Deine klauen kann – wie das so ist, die Reichen reicher!

Da, sobald ich aus Da Nang nach Saigon zurückkehre, bereits Schulferien sind, habe ich mich von den Schülern, bei denen ich nachmittags an den Schulen war, verabschieden müssen. Hier eine kleine Fotostrecke in Gedanken an die Zeit mit ihnen im Deutschclub:

Schreibwerkstatt im Deutschclub!
Thao: „Auf der Party gibt es viele Bratwürste und ich möchte sie alle essen.“
Minh: „Die echte Freiheit hast du, wenn du machen kannst, was du liebst.“
Giang: „Ich habe die Sonne im Herzen.“
Phuong: „Seine Box ist kalt wie Eis, es tut ihm weh, aber sie möchte sie dennoch brechen.“

Zeitzeugenprojekt! Die Schüler lesen den Bericht eines freiwilligen Fluchthelfers zu Zeiten der Berliner Mauer und können Fragen an den Helfer schicken. (Ja, vielleicht klingt „Zeitzeuge“ einfach viel eleganter als: ich frage meinen Vater, ob er mir kurz einen Bericht schicken kann, den er dann in Form von Whatsapp-Sprachnachrichten sendet und ich dann abtippen muss.)

Wissens- & Quizspiele im Deutschclub.

Übung macht den Meister – oder bringt zum Lachen.