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Allgemein, Bruno | Südafrika

Obwohl das Zurückkommen ein fester Bestandteil des Auslandsjahrs ist, habe ich nie so richtig darüber nachgedacht. Bis jetzt war das Zurückkehren in meinem Kopf immer eine Art Ziel, als wäre damit alles geschafft. All die Herausforderungen gemeistert und zurück in die Sicherheit des Elternhauses, dem strukturierten Alltag. Dabei wird mir bewusst, dass die wirklichen Herausforderungen in Berlin erst auf mich warten. Südafrika ist wie eine Pause aus dem echten Leben. Ein Jahr lang raus. Aus den Problemen der Familie, der Freunde. Ein Jahr lang ohne die über allem stehende Frage, wie wird es weiter gehen? Was studiere ich, was will ich, wie werde ich glücklich und bleibe dabei meinen in Windeseile wechselnden Überzeugungen treu. Ich will noch so viel machen, sehen, erledigen, hören doch der Leistungsdruck unserer Gesellschaft, die nach dem Einfamilienhaus im Grünen, Sohn, Tochter und Jack Russel strebt, erinnert mich immer wieder daran, dass ich neunzehn bin, wenn ich wiederkomme. Das ich dann noch schneller zwanzig sein werde und mit einundzwanzig manche schon ihren Master haben. Seit wann hat ein Achtzehnjähriger schon das Gefühl, ihm würde die Zeit davon laufen? Nachdem 3/4 des Jahres vorrüber sind versuche ich mir vorzustellen, wie es wohl wirklich wird, in Berlin anzukommen. Auch wenn sich Südafrika echt anfühlt, ist es letztendlich doch egal, ob ich auf der Arbeit etwas erreiche, keine Scheiße baue, mich weiterbilde oder an die Zukunft denke. Denn hier vergisst man schnell, dass es schon bald wieder etwas anderes geben wird, als Montag im Staub der Gravelroad, mit den Kids auf der Ladefläche, zu den Grundschulen zu fahren. Sich am Wochenende zwischen den Boxen das Bier zu teilen, aufzustehen und zum „african House“ zu tanzen. In Berlin warten auf mich Entscheidungen, die nicht nur für ein Jahr gelten, sondern für mein ganzes Leben.

Andererseits, ich will nicht immer am gleichen Ort bleiben, den gleichen Job haben. Mit zwanzig wissen, wie mein Leben aussieht. Das wäre doch langweilig. Ich habe hier gelernt, dass alles möglich ist. Wenn man die Frage „bist du glücklich?“ mit „nein“ beantwortet, sollte man einfach kurzerhand seinen Koffer packen und anfangen sein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Denn letztendlich liegt es doch an uns.

 

Musik die mich umgibt.

Die Playlist auf meinem Handy hat sich komplett ausgetauscht. Es ist viel Zeit vergangen. Der amerikanischen Consciouse Rap ist weniger geworden. Eine große Anzahl Singer-Songwriter Songs überschwemmen meine Playlist. Nur Gitarre und Stimme, bloß kein Auto-Tune und am liebsten eine live Aufnahme. Ganz am Anfang befinden sich verträumte neuartige nicht einzuordnende Stücke unter dem Motto hauptsache anders und wage formulierten Musikrichtungen trip hop, fusion jazz und/oder minimal. Doch zwischen Archie Marshall oder Jerkcurb finden sich auch immer mehr Südafrikanische Künstler.

Musik charakterisiert eine Kultur. Tanzen drückt den Geist einer Kultur aus. In einem südafrikanischen Village wird gefühlt immer und überall getanzt. Es gibt melodische Call and Response Lieder, die jeder kennt und es vergeht kein Tag, an dem ich nicht eine Gruppe Kinder oder Jugendliche sehe, die mitten auf der Straße singen und tanzen. Anstatt die Bewegungen nach einem vorgegebenen Muster möglichst exakt nachzuahmen, wie zum Beispiel bei deutschen Volkstänzen, geht es hier darum möglichst individuelle, abgefahrene „Moves“ zu machen. Getanzt wird zur African House Music, die die Charts regelrecht regiert.

Distruction Boyz – Omunye – der Hit 2017 😉

Da viele keine Kopfhörer haben oder keine Musik herunterladen können, ist es schwer als Musiker außerhalb von Gospel oder House bekannt zu werden. Dagegen hat auch die Singer-Songwriter Szene viel zu bieten. Durch Zufälle bin ich zwei verschiedenen Artists begegnet.

„Umle sounds“ Nach einem Lift von den beiden Musikern aus einem Township in Port Elizabeth, kam es ein paar Wochen später zu einer Jam-Session. Gefühlvolle Gitarrenmusik, gesungen in Xhosa, geht ins Ohr und bleibt dort auch.

 

UMLE – umzuzu/ ungawari babe

„Msaki“ Macht traditions gebundene Jazz/Pop Songs featured by allen möglichen Künstlern. Ich hatte das Glück, mit ihr zusammen aufzutreten.

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Chasing Sun – Msaki

Wenn ich vermuten müsste, was mir zurück in Deutschland am meisten fehlen wird, dann ist es diese Lebensfreude, ausgedrückt in Musik und Tanz.

 

 

 

 

 

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Ich bin ein wütender Text

Leonie | Vietnam

Die erste Frage, die mir ein neuer, junger Kollege stellte, war: „Bist du verheiratet?“. Lachen, nein, nein. So schnell habe ich das auch nicht vor. Keine Ahnung, ob überhaupt. Die darauffolgende Frage ist dann meistens: „Wie alt bist du denn?“

Neulich war ich mit ein paar Studierenden meines Colleges aus. Ein zähes Gespräch, zu wenig Englisch auf der einen, zu wenig Vietnamesisch auf der anderen Seite. Also weniger Gespräch, mehr Frage-Antwort. Es ging unter anderem um Dinge, die ich an Vietnam toll finde und Dinge, die ich furchtbar finde.
Es gibt viel Tolles, hier geht es um das nicht so Tolle. Meistens sieht in Vietnam nämlich alles ein bisschen besser aus, als es ist. Ich sagte ihnen, dass ich den Druck, der Frauen den Takt des Lebens diktiert, furchtbar finde. Heiraten! So früh wie möglich! Und die Heiratszeremonie dann ein dreistündiges Abendessen, bei der Mann und Frau auf der Bühne thronen. Schau an, so sieht er also aus, endlich ist sie unter der Haube.
Sie lachen. Drei von vier Mädels grinsen und sagen: „Ich will auch bald heiraten, so in drei Jahren vielleicht!“ Die vierte erzählt mir von ihren Reiseplänen, ich mag sie.

Es ist komisch, ich bin hin und her gerissen von dem Bedürfnis,tatsächlich tolerant zu sein. Tolerant gegenüber Meinungen, die ich nicht teile. Stattdessen verachte ich die drei Mädels, so hart es klingt. Ich finde sie unsympathisch, weltfremd und unterwürfig.

Dann, ein anderer Tag, ein anderer Ort. Mir gegenüber sitzt eine junge, kluge, kritische Frau. Ich sitze auf blauem Polster, ich sitze schon so lange darauf, dass es sich anfühlt, als hätte ich nie was Anders gemacht. Wir unterhalten uns oft über die Rolle der Frau in unseren Kulturen. Es ist morgens, es ist die einzige Zeit, in der sie kann, wir sehen uns etwa zwei Mal die Woche, manchmal nur nach dem Unterricht, manchmal zum Frühstück.
Ich finde sie so toll, ich könnte sie noch ganz viele Tage mehr sehen, aber ihr Alltag ist streng getaktet. Sie muss an dem College Englischunterricht geben, dann ihre Kinder abholen, sich zu Hause um den Haushalt und ihre Eltern kümmern, am Nachmittag und Abend dann zusätzlichen Privatunterricht geben, um genug Geld zu verdienen, um dann noch den Unterricht für den nächsten Tag vorzubereiten. Ihr Mann hat mehr Freizeit als sie, er kümmert sich nicht um den Haushalt, passt nicht mal auf die Kinder auf, während sie den Privatunterricht gibt, stattdessen trifft er sich nach der Arbeit mit seinen Freunden, um dann spät nachts von seiner Affäre betrunken nach Hause zu kommen.

Es sind intime Gedanken, ich bin mir nicht sicher ob es ihre Realität verspottet, sie zu Geschichten zu machen. So komme ich mir vor, wenn ich völlig durcheinanderdie Begegnungen aufschreibe. Denn es sind keine Geschichten, es ist eine Freundin, mehr noch: ein Mensch. Aber ich befinde mich in einem Dilemma, eigentlich wollte ich hier mal Dinge aufschreiben, dei mich bewegen, und nur Dinge wie die Landschaft zu lobpreisen, ist furchtbar einseitig. Ich habe das Folgende erfolglos versucht abstrakter zu beschreiben.

Es sind Momente, in denen du stundenlang über Wörter wie „Scheidung“ redest. Man hört Sachen wie: „Oder bilde ich mir das alles nur ein? Mir ist klar, dass in Vietnam die Frau in der Ehe viel opfern muss.“ und weist dies zurück. Ein Status Quo sei nicht dafür bestimmt, für alle Ewigkeit zu halten, auch nicht jede Ehe. Ich unterliege dem Reflex, gute Ratschläge geben zu wollen. Es ist schwer, ihr dabei nicht aus meiner bequem-westlichen Perspektive von einer Leichtigkeit des Seins zu erzählen, die schlicht im Korsett dieser patriarchalischen Gesellschaft etwas ganz Anderes bedeutet. Es bedeutet: sie ist dann allein und immer noch schwanger, sie ist dann geschieden und geschiedene Frauen in Vietnam heiratet man nicht. Sie muss dann alle finanziellen Sorgen alleine tragen, sie kann auch nicht einfach ausziehen und ihr Leben allein gestalten, es ist das Haus der Eltern, es ist die Krankheit ihres Vaters. Mein Optimismus hat Kopfschmerzen, der Realismus sieht ihn mitleidig an.
Sie redet davon, dass sie eine Puppe sei, die Fäden ziehen die anderen.
Es sind Strukturen, in denen meine Freundin die Welt bereisen will und der Vater es verbietet, weil er zu viel Angst um die Tochter habe. Strukturen, in denen meine Freundin Übersetzerin werden wollte, sie schließlich diesen Beruf ausführt und mit ihrem Chef deswegen ein bisschen reist, bis ihr Mann es ihr aus Eifersucht untersagt, diesen Beruf weiter auszuüben.

Es fühlt sich nicht fair an, eine ganze Gesellschaft abzuwerten, als würden in Deutschland die schillernden Lösungen liegen.
Ich bin mir im Klaren, dass in Deutschland das mit der Gleichberechtigung auch noch nicht so wirklich hergestellt und die Ehe an sich ein abstruses Konstrukt ist, deren Geschichte von Unterdrückung erzählt. In der Geschichte gibt es einen Mann, der eine Frau an sich bindet, die sich in dem Eheversprechen frei entfalten kann, zumindest bis zum anderen Ende der Küche. Die Frau heiratete ein Gesetz, in dem bis 1977 der Mann die Arbeit der Frau aufkündigen konnte, sollte sie nicht ihre häuslichen Pflichten gleichzeitig erfüllen können. Man entfloh mit der Heirat einem gesellschaftlichen Druck, nur, um sich in einen neuen und in die finanzielle Abhängigkeit des Manneszu begeben, statt die der Eltern. Es war selten ein Bund der Liebe, meist ein Bund der Sicherheit. Es ist ein Vertrag, der bloß auf Gefühlen basieren will, zwei Dinge, die man nicht vermischen sollte. Frieda und ich haben einmal einen Text in irgendeinem Philosophie-Magazin gelesen, der die Ehe zusammenfasste als ein blödsinniges Versprechen: Solange wir uns lieben und zusammenbleiben wollen, versprechen wir uns, einander zu lieben und zusammen zu bleiben. Vor allem aber machen wir es einander schwerer zu gehen.

Zudem will ich nicht pauschalisieren! Es gibt sie auch, die jungen Vietnames*innen, die die Welt bereisen. Beispielsweise eine andere Freundin von mir, die entschied, im Ausland zu studieren. Nach ihrem Bachelor musste sie auf Wunsch der Eltern wieder zurück nach Vietnam, doch eines Tages entschied sie: ich will wieder nach Deutschland! Sie kündigte von einem auf den anderen Tag ihren Job und schrieb Bewerbungen. Und es gibt auch Vietnames*innen, die allein wohnen, aber das entspricht einer Minderheit. Normalerweise wohnt man bei seinen Eltern bis man heiratet, dann zieht man zur Familie des Mannes. Dazu muss Sie natürlich Jungfrau sein, doch stellen die jüngeren Generationen langsam fest, dass Sex Spaß macht und die Bedingung der Jungfräulichkeit eine Herabwürdigung der weiblichen Sexualität darstellt, und sie beugen sich nicht mehr diesem Konzept.
Gleichzeitig will ich die vielen glücklichen Familien und Ehen nicht dadurch beleidigen, dass ich ihnen unterstelle, sie wüssten es einfach nicht besser. Im Gegenteil: das Konzept eines Mehrgenerationenhauses finde ich durchaus spannend.

Ich laufe jemandem Wichtigen meines Colleges in die Arme. Meine Freundin verabschiedet sich höflich und der Mann beginnt munter zu plaudern. Es ist ein netter, älterer Mann, der in Deutschland studierte und sich über jede Gelegenheit freut, Deutsch zu reden. Wie ich nach Hause komme, will er wissen, ich würde laufen. Was! Quatsch, ich fahre dich, ruft er. Ich lehne ab, das sei sehr nett, aber nein, ich wolle gern ein bisschen spazieren. Aber es sei doch so heiß, ruft er. Wir diskutieren ein wenig, am Ende willige ich ein, steige in sein Auto und rede über die langweiligsten Themen, die die Sparte Smalltalk so bietet. Er erzählt von einem großen, westlichen Supermarkt, der bei mir in der Nähe sei. Ich kenne ihn nicht, aber es trifft sich gut, am Wochenende findet ein Workshop statt, in dem ich deutsches Essen vorkoche und ich brauche dazu noch ein paar Zutaten. Statt nach Hause fährt er mich dann also zum Supermarkt. Als ich aussteigen will, erklärt er, dass er mitkommen will. Gern würde er mich einladen! Ein bisschen perplex schaue ich ihn an, nein, das möchte ich nicht, wirklich nicht.
Ich gehe im Kopf alle Schritte durch, die mich in diese Situation gebracht haben, hätte ich den anderen Ausgang nehmen sollen? Hätte ich mit meiner vietnamesischen Freundin gleich in ein Café gehen sollen und nicht nach dem Unterricht noch ewig auf den Schulbänken sitzen? Ach, das Leben ist so furchtbar schwer in der Retroperspektive.
Ich kann ihn nicht abschütteln. Ich fühle mich sonst schon absurd schlecht, zu irgendetwas eingeladen zu werden. Ja, das Einzige, das schlimmer ist, als selbst Geld auszugeben, ist nun mal das Gefühl, dass man nun irgendjemandem etwas schuldet. Nach diesen Unterhaltungen mit meiner vietnamesischen Freundin schmeckt das alles noch schlechter. Ich fühle mich hineingedrängt in die Rolle des lächelnden Mädchens. Ich erinnere mich an die Anfangszeit in Vietnam, ich hatte mir schnell eingebildet, dass man lieber mit den männlichen Wesen um mich herum redet, eher die um Rat fragt, als mich. Irgendwann habe ich entschieden, dass das auch ziemlicher Quatsch sein kann und unfassbar subjektiv, es impliziert den Anspruch darauf, dass meine Meinung so erhaben ist, als dass sie die erste Wahl sein sollte. Wir kann ich mir anmaßen, dies zu beanspruchen? Jetzt verschiebt sich alles. Wir gehen durch den Supermarkt, ich versuche ein verkrampftes Gespräch aufrechtzuerhalten. Nein, danke, höre ich mich oft sagen, wenn er auf Dinge zeigt. Es ist irgendwie alles unangenehm, ich kotze Lächeln und hasse in diesem Moment mein Leben.
Dann halte ich kurz inne und frage mich, ob gerade wirklich mein größtes Problem ist, dass ein netter Mann, der mal in Deutschland studiert hat und sich daran erfreut, ein wenig Deutsch reden zu können, mich zu einem Supermarkt fährt und meine Einkäufe bezahlt.
Es ist doch eigentlich fast wir ein irrer, leicht schräger Traum, bei dem man am nächsten Morgen aufwacht, zu seiner Mitbewohnerin trottet und sagt: Hey, ich habe geträumt, ein Fremder habe uns ganz viel Obst und Bier gekauft. Wollen wir mal im Kühlschrank nachsehen? Und dann schaut man im Kühlschrank nach und findet Obst und Bier und merkt: hey, ich träum ja immer noch.
Und dann wacht man auf und schüttelt kurz den Kopf. Wo aus dem Unterbewusstsein kam das jetzt wohl, fragt man sich und beim nächsten Mal einkaufen denkt man, ach, diese 40 Euro hätte mein Traum-Ich jetzt gespart.

Naja, wie auch immer. Was ich damit sagen will, ist: Ja, Vietnam ist momentan meine Realität und neben all den wunderbaren tollen Dinge, wie unzählige nette Menschen, koste ich auch Dinge, die bitter schmecken. Es bleibt aber immer ein Kosten, ein kurzes Spähen über den Tellerrand. Am Ende des Tages liege ich in meinem Bett, in meiner Gemeinschaftsküche liegt ein deutsches Brot, das ein netter Mensch befohlen hat sich zahlen zu lassen, und von mir wird nicht erwartet, in den nächsten fünf Jahren jemanden zu heiraten. Ja, selbst wenn ich mich dazu entscheide, das niemals machen zu wollen, ist das auch okay. Was ich noch nicht herausgefunden habe, ist, wie ich nun damit umgehen soll, von all diesen Ungerechtigkeiten in der Welt zu wissen. So viel scheitert oft an dem Glauben der eigenen Machtlosigkeit, aber wohin und zu was konkret führt das Gegenteil und wie lebe ich dieses?

Denn gleichzeitig lebe ich noch eine andere, süße Realität:
Das Leben ist leicht in Danang. Die Luft ist gut und wenn es zu heiß ist, fährt man eben ans Meer. Auf dem Weg bleibt man in Straßenküchen und an Smoothie-Ständen kleben, auf der Straße sitzen macht hier Spaß, in Saigon eher Husten. Wenn man zu einsam ist, kommt einen eben Frieda besuchen und dann lernt man eine Vietnamesin kennen, die man so toll findet, dass man unzählige Themen in ein paar Tage quetscht, weil man nicht erst mal miteinander warm werden muss.
Man fährt mit dem Moped über Landstraßen zu alten Tempeln, über Landstraßen wieder zurück. Man fragt verzückt:“Und wie sollen wir dieses Moped nennen?“ und Frieda antwortet, ob es denn ein Mann, eine Frau oder irgendwas dazwischen sei. Man überlegt kurz und sagt, dass es eine Sie sei, und dann antwortet Frieda, dass es ja auch komisch wäre, die ganze Zeit auf so ’nem Typ draufzusitzen.
Man führt nächtelang Unterhaltungen, mit Frieda kann man über Dinge, wie die Aufgabe von Literatur, philosophieren, mit Frieda kann man generell gut philosophieren, fast könnte man über das Philosophieren philosophieren.
Man zieht um, ja, auch das Zimmer ohne Klimaanlage, mit Glasfront vor der Küche, in der die Bewohner des Hauses stets sitzen, ist halb so schlimm, Privatsphäre brauchen Frieda und ich eh nicht mehr, voreinander auf die Toilette gehen ist Bestandteil des Versprechens, das in der Luft liegt und sagt: mit dir will ich noch ganz lange befreundet sein!
Die Stimme aus dem Off, die nach jedem geschaffenen Kreisel und Linksabbiegen einen dazu beglückwünscht und auch banale Dinge sagt wie: „Es ist rot, Leonie.“ und „Hier darfst du nicht links.“, ist in meinem Ohr, sie gehört zu Frieda, das tut sie doch immer.
Frieda fährt zurück nach Saigon, ich bleibe in Danang und halte mich an die Normen des Lebens: ein paar mal ausgehen mit Bekannten, die vietnamesische Freundin sehen, die ich so inspirierend finde, das Skript zu einem tollen Leben ist manchmal sehr berechenbar.
Dennoch liegt im Magen dieser Beigeschmack, diese wütenden Gedanken, die keine Lösung haben auf die Probleme meiner Freundin, keine feministische Power-Point-Präsentation machen können durch die– schwupps –  die Rolle der Frau keine Rolle mehr wäre, sondern eine individuelle Entscheidung. Ich weiß: ich würde es hassen, in dieser Gesellschaft eine Frau zu sein. Die ehrlichste Geste auf all diese Fragen in meinem Kopf wäre ein Schulterzucken. Keine Ahnung, ich habe keine, keine Ahnung, ich bin nur Zuschauerin eines Stückes, das ich nicht mag, vielleicht auch, weil ich es nicht ganz verstehe, aber wahrscheinlicher ist, dass das Stück einfach nicht fair ist.

Ich ziehe um

Leonie | Vietnam

Ich bin plötzlich wach und folge dem ersten Reflex: Ich hebe meinen Kopf und schaue aus dem Fenster. Gerade geht die Sonne über dem Meer auf. Fast hätte ich laut aufgelacht durch diese plötzliche, emporsteigende Freude. Ich spiele mit dem Gedanken, aufzustehen, meinen Bikini anzuziehen und hinauszurennen. Vielleicht lasse ich den Bikini-Part auch sein und bade gleich in meinem Pyjama, oder ach, einfach nackt, vielleicht lasse ich dabei aber eine Socke an, wer weiß! Und da soll einer nochmal sagen, das Leben ist schön. Von wegen! Das Leben ist wunderschön! Vielleicht schwimme ich so weit hinaus, bis ich an diesem großen glühenden Feuerball ankomme, der sich da gerade aus dem Meer erhebt.
Und während mein Geist voller Euphorie ist, gewinnt mein Köper an Müdigkeit, ich murmele leise zu niemandem Bestimmten „ich mach’s morgen“, senke meinen Kopf und schlafe weiter.

Noch immer kann ich nicht fassen, wo ich gerade wohne. Ich bin für zwei Monate nach Da Nang gezogen und arbeite dort nun an einem vom Goethe-Institut betreuten College. Eigentlich sollte dort für ein Jahr eine Schulwärts-Freiwillige eingesetzt werden, das sind normalerweise Lehramtsstudent*innen oder Lehrer*innen, jedoch ist dieses Jahr die Freiwillige kurzfristig ausgefallen. So wurde ich gefragt, ob ich für zwei Monate einspringen möchte. Nun bin ich hier, noch bis Anfang Juni, und dann geht es zurück nach Saigon.

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Mein Paradies hielt genau 16 Tage an. Etwas ungehalten starrte ich den jungen Mann an, der da gerade vor meinem Fenster einen Zaun errichtete. Er lächelte mich an. Ganz unschuldig tat er dabei. Ich schaute noch finsterer und wunderte mich darüber, wie fröhlich jemand sein kann, der da gerade in der prallen Sonne arbeiten musste. Noch nicht mal Netflix gucken konnte er dabei. Schadenfreude muss wohl etwas sehr Schönes sein. Je fertiger der Zaun war, der mein Fenster von seinem Blick aufs Meer trennt, desto glücklicher wurde er.
Jetzt muss ich doch tatsächlich mein Bett verlassen, um mich dem Meer nahzufühlen! Kurz bevor ich mein Zimmer verlasse, schreibe ich mir aber noch schnell eine Notiz Name, Wohnort und Familienstand von Person X ausfindig machen. Schwachstellen finden. Mopedreifen durchstechen. Du weißt schon, der übliche Kram.

Zzzt, denkst du dir sicher, ich armes, kleines Mädchen, habe nun keinen Meerblick mehr. Dabei hast du leicht reden. Der Meerblick hatte auch seine Nachteile, die ich tapfer ausgestanden habe! Du musstest dir nicht jeden Abend verliebte vietnamesische Pärchen anschauen, die sich vor deinem Bungalow niederlassen, um sich dann so zu küssen, wie ich es nur im traurigen Konjunktiv tue.
Statt Musik zu hören und mich voller Wehmut der Sehnsucht hinzugeben und an die tollen Freunde zu denken, die ich in Saigon hatte und die mich hier in Da Nang mit ihrer Abwesenheit schlechte Gedichte schreiben lassen, oder an den Menschen zu denken, der bestimmt noch viel besser küssen kann als du, führe ich einfach ein Protokoll der Liebespaare. In Calibri Light purzelten nun regelmäßig Paare über meinen Laptopbildschirm und gruselten sich darüber, dass sie in die Schriftgröße 11 passen. Das sieht in etwas so aus:

Typ, der einen Kopf größer ist als seine Freundin und bestimmt einen Kopf kleiner als Ich: Ich finde es toll, dass wir gemeinsam in die Wellen starren.
Mädchen, das wunderwunderschön ist und das ich deswegen hasse: Ja, in die Wellen starren. Juhu! Das macht Spaß. Man könnte sich fast einbilden, jede neue Welle sehe ein bisschen anders aus als die letzte. Da! Schon wieder, eine neue Welle. Herrlich.
Typ, der einen Kopf größer ist als seine Freundin und bestimmt einen Kopf kleiner als Ich:
Ganz genau! Besonders bei Nacht, die Vielfalt des Meeres ist sooo unendlich groß. Genauso wie meine Liebe zu dir! Da, siehst du diese cyanblaue Welle dahinten? 50 Shades of Blue!
Mädchen, das wunderwunderschön ist und das ich deswegen hasse: Aber ich bitte dich, das ist doch ganz klar taubenblau.

Jetzt streiten die beiden sich ein bisschen über die rechte Verwendung von Adjektiven und wundern sich darüber, dass sie auf Deutsch reden. Also wenn das Glück sein soll, dann verzichte ich!
Ich gebe zu, ich schweife ab. Das passiert, wenn man abends nur noch den Himmelschweif sieht statt das Meer. Man macht schlechte Wortspiele aber ist insgeheim ein bisschen stolz darauf. Dann schlürft man faul zur Strandbar und hat so viel schlechtes Gewissen darüber, wie gut es einem doch eigentlich geht, dass man wieder hektisch zurück in sein Zimmer rennt und eine kostenpflichtige E-Mail-Adresse kauft, die mit Öko-Strom betrieben wird. Man weint kurz bei der Überweisung des Geldes darüber, dass man sich früher noch keine Gedanken um die Welt gemacht hat, weil man dachte, dass die Erwachsenen irgendwelche Super-Wesen seien, die schon klug genug wären, das mit der Umweltverschmutzung, der Einhaltung der Menschenrechte und so weiter zu regeln, bis man gemerkt hast, dass Menschen AfD wählen oder in einem Land leben, das in Sachen Meinungs- und Pressefreiheit drei Plätze vor Nordkorea liegt, und zu einem dennoch gesagt wird „Politik interessiert mich nicht besonders“. Stattdessen will man wie früher einfach Süßigkeiten kaufen. Oder Wunder-Bälle, die tausend Zuckerschichten und innendrin Kaugummi haben. Großartig. Man will unbedingt wieder einen Wunder-Ball kaufen, den die Eltern furchtbar fanden und man selbst deswegen noch ein bisschen besser.

Am nächsten Tag geht man dann zur Arbeit, unterrichtet Deutsch und vermisst ein wenig seine alten Schüler aus Saigon, die im Deutschclub immer so schön mitgemacht haben. Man ist etwas verlegen wegen dem Lied, das die Schüler einem zum Abschied geschrieben haben, aber noch mehr ist man verdammt glücklich darüber. Hier kann man es hören.
Entgegen aller Vorsätze denkt man doch ein bisschen an vergangene Zeiten und bildet sich ein, dass das „Jetzt“ immer unglamouröser ist, als das Früher. Wenn das „Jetzt“ ein Adjektiv wäre, würde ich es bloß für ganz schlimme Dinge benutzen. Jetzt ist E-Mail beantworten und seine Auslandskrankenversicherung darum bitten, einem doch bitte das Geld für die Krankenhausrechnung rückzuerstatten. Jetzt ist Lebensmittelvergiftung und schlechte Internetverbindung. Jetzt ist auf eine U-Bahn-warten, die nie kommt, weil es in der Stadt nur Busse gibt, die nirgends ankommen. Auch wenn es in Nirgends vielleicht sehr schön ist. Man vergisst kurz, dass „Jetzt“ immer viel intensiver ist als „früher“ und „damals“. Dann bekommt man wieder ein schlechtes Gewissen, dass man nicht dankbarer ist, und setzt sich verlegen an den Strand, um in der Gesellschaft tausender Sandkörner wie ein verträumtes Liebespaar mit sich selbst über die Blautöne eines sehr schwarzen Ozeans zu debattieren.

Saigon und seine Hektik kommen einem plötzlich sehr fern vor, und wie das so ist mit Dingen, die man nicht haben kann, will man sie plötzlich sehr dringend. Ich glaube, es hat auch damit zu tun, dass diese Stadt herzlich wenig „Das will ich auch noch machen!“ hat. In Saigon war es ein Dauerbegleiter. Die Factory hat eine neue Ausstellung? Da will ich auch noch hin! Die Garküche am Ende der Le Van Sy Straße? Da will ich auch noch hin! Mit in Thin Thans Familie kommen? Da will ich auch noch hin! Die Buchmesse, bei der sich am Ende alle verlaufen und niemand Spaß hatte? Da will ich auch noch hin!
In Da Nang befindet sich der mit Abstand beste Ort am Meer. Das ist wunderwunderbar, aber ich habe plötzlich so viel Zeit. Schön, dass ich diesen Blog ein bisschen zuspamen kann und mit meinem Reichtum an Zeit auch noch Deine klauen kann – wie das so ist, die Reichen reicher!

Da, sobald ich aus Da Nang nach Saigon zurückkehre, bereits Schulferien sind, habe ich mich von den Schülern, bei denen ich nachmittags an den Schulen war, verabschieden müssen. Hier eine kleine Fotostrecke in Gedanken an die Zeit mit ihnen im Deutschclub:

Schreibwerkstatt im Deutschclub!
Thao: „Auf der Party gibt es viele Bratwürste und ich möchte sie alle essen.“
Minh: „Die echte Freiheit hast du, wenn du machen kannst, was du liebst.“
Giang: „Ich habe die Sonne im Herzen.“
Phuong: „Seine Box ist kalt wie Eis, es tut ihm weh, aber sie möchte sie dennoch brechen.“

Zeitzeugenprojekt! Die Schüler lesen den Bericht eines freiwilligen Fluchthelfers zu Zeiten der Berliner Mauer und können Fragen an den Helfer schicken. (Ja, vielleicht klingt „Zeitzeuge“ einfach viel eleganter als: ich frage meinen Vater, ob er mir kurz einen Bericht schicken kann, den er dann in Form von Whatsapp-Sprachnachrichten sendet und ich dann abtippen muss.)

Wissens- & Quizspiele im Deutschclub.

Übung macht den Meister – oder bringt zum Lachen.

Du

Leonie | Vietnam

Schwindelerregende Glücksgefühle
Wir sind ein Haufen lachender, betrunkener Moleküle
Stehen nackt und nass auf dem Dach
Im Silvestertakt machen unsere Sektgläser Krach

Die gefallenen Konfetti malen ein abstraktes Kunstwerk
Aus Reflex halte ich Ausschau nach einem Feuerwerk
Und dann bist du meine Komplizin, gehen heimlich schwimmen
Solange, bis auch die letzten Anstandsregeln verschwimmen
Klaust du schon wieder Klopapier aus der Restauranttoilette?
Und heute Nacht essen wir wieder Instant-Nudeln, jede Wette!

Du spuckst vor Lachen das Wasser wieder auf mein Bett
Ich muss auch lachen, spucke Wasser, das Meer ist komplett
Ganz knapp verpassen wir nicht unseren Flug
Saigon und Ninh Binh im gleichen Atemzug

Unser Heizstrahler lächelt uns freundlich an
Ich fasel fiebrig irgendein Zeug, ihr nehmt mich in den Arm
Ich produziere unsaubere Reime und ihr spielt Doktor
In unserer Bambushütte kriecht die Kälte empor
Wir mieten uns Fahrräder und besteigen Berge
Von Oben sind Sorgen lächerliche Fruchtzwerge

Du fragst: „Wer ist Vin?“ du hinterfragst
Du sagst: „Bis bald!“ und umarmst
In meinem Kühlschrank finde ich dein Abschiedsgeschenk

Du bist der Mensch, der mich glücklich macht
Wie ein Nutellabrot in seiner vollen Pracht
Wie eine durchtanzte, warme Sommernacht
Wie mein Lieblingsroman, nur in nicht-ausgedacht

Du bist der Besuch, der ins Flugzeug steigt um nach Saigon zu kommen
Du bist Maia, Sassi, Vivi, Mama, Papa
Du bist der Mensch, der soviel Leben in mein Leben bringt
Du heißt Ha, Anh Thu, Tam, Phoung
Du bist die Unterhaltung, die mich inspiriert
Du nennst dich Marvin, Frieda, Paul, Eileen, Carlotta, Paula
Du bist der Halt, der mir manchmal fehlt
Und du bist auch Sehnsucht
Flüchte erfolglos vor dem Pathos

Gesichter an Füßen, fast wie Ballett
Zu dritt quetschen wir uns in mein Bett
Ihr tauft die Mücken auf sonderbare Namen
Nicht jugendfrei, unmöglich zu verraten
Du wirst für ein paar Kamele an Marvin versteigert
Und es wird sich nicht geweigert!

In Aktmalkursen und Tanzstudios ziehen wir durch die Stadt
Bún chả giò, Phở, Bánh mì macht uns satt
Wir nennen die Nacht heimlich Tag und entgehen der Hitze
Und du erzählst immer noch die besten Witze (ja, keine Sorge Vivi, ich meine dich)

Wir grillen zusammen ein letztes Mal
Ich vermisse euch, mein Humankapital
Wir dichten Lieder um und singen
Unser Abschied soll ganz laut erklingen!
Ihr seid mein Ohrwurm glücklicher Momente
Teil der interkulturellen Experimente

Ein halbes Jahr ist nun vergangen und ihr fahrt ab
Ich verabschiede euch Mitfreiwilligen vor euerem Flug nach Deutschland
Auf Wiedersehen, grüßt mir den Dönerkebab
Aber ich spüre diesen inneren Widerstand
Zurück bleiben Frieda und ich
Und dieses miserable Gedicht
Mein persönliches lyrisches Experiment
Und dein, mein, unser Fernweh brennt
Und bevor es für dich, Vivi, nach Hause geht
Reisen du und ich

nach
Malaysia

Fragen in unseren Köpfen
Verkopft, verstopft
Wir schreiben „Fragen des Tages“ in ein Notizbuch
Und wagen einen Versuch
Sie alle am Ende des Tages zu beantworten
Fragen sind oft schöner als Antworten

Darf man auch Malaie sein ohne muslimisch zu sein? Wurde Malaysia auch mal kolonialisiert? Warum gibt es noch so viele Postkoloniale Strukturen und warum wird darüber so wenig Gesprochen? Warum erwarten wir, dass die ganze Welt in der christlichen Zeitrechnung denkt und Wundern uns über das Jahr 2651?

Thailand

Traumstrände schreiben stumm Symphonien der Leichtigkeit
Das Mopedglück rauscht im Fahrtwind und hat große Ähnlichkeit
Mit der Freiheit
Frei, frei, frei
Meinungsfreiheit spielt Verstecken
Unsere Kreide malt nur Kreise
Elefantenhosen
Sie kleiden langweilige Idioten, als Backpacker getarnt
Und dann kleine, geheime Inseln ohne Strom
Wir haben das Urlaubssyndrom

Unser Bungalow steht illegal im Naturschutzgebiet
Vor unserem Fenster ein Affe
Wir müssen schüppen statt zu spülen

Nachts kuschel ich mich ganz nah an Dich

Schnorcheln und laufen durch den Dschungel
Treffen auf Yuppie, Luis und Flavia
Wir sind da

Weißt du was?

Urlaub im Jetzt ist der Schönste

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Marvin, Maia und ich fahren nach Ninh Binh – irgendwie mystisch dort.

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Maia und ich

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Ich, Maia, Paula und Marvin

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Nachdem Sassi das erste Mal allein eine Straße in Saigon überquert hat

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Sassi im Mückenhimmel

Kuala Lumpur, Malaysia:
Wir übernachten bei einer Freundin von mir und sinnieren darüber, ob wir jeh wieder nur in Deutschland leben können

Penang, Malaysia:
Wir machen die zweite Nacht durch damit wir kein Hostel bezahlen müssen (nicht nochmal).

Auf verschiedenen Inseln & Nationalparks in Thailand:

Bangkok, Thailand:
Wir stoßen auf die schlechteste Fotoaustellung, die wir je gesehen haben, auf eine sehr gute zeitgenössische Ausstellung über Vietnam, und befinden uns in dem Art und Culture Center, das eine Ausstellung über seine Angestellten macht: die Putzkräfte, den Portier, die Wächter*innen. Alles Menschen, denen wir zuvor beim Reinspazieren begegnet sind, ohne es wahrzunehmen.

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Wir schleichen uns in ein japanisches Kinderklavierkonzert.

@Bernd & Ferdi: wir haben euch schrecklich vermisst! Happy Birthday

Alltag

Allgemein, Julian | Namibia

Heute mal kein Bericht über eine Reise. Ich möchte von meiner Arbeit beim Namibischen Roten Kreuz erzählen und kurze Einblicke in meine Freizeit ermöglichen.

Durch den groben Rahmen, den das Rote Kreuz uns Freiwilligen als Arbeit bietet, liegt es an mir diesen Raum zu nutzen und  Projekte ins Leben zu rufen.
Eine Aufgabe besteht darin Klassen 4-7 Erste-Hilfe-Unterricht zu geben. An zwei Schulen ist das Projekt abgeschlossen und an zwei weiteren läuft es gerade. Wir reden darüber, wie man den Krankenwagen ruft, sich in solchen Situationen verhält und mit Alltagsverletzungen umgeht.

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Mit jeder Schule sind auch die Kinder anders, es ist jedes Mal spannend aufs Neue. Mal habe ich das Gefühl Chinesisch zu reden, wannanders kommen die Antworten vom laufenden Band. Klassen von bis zu über fünfzig Kindern überraschen mich immer wieder mit ihrer Disziplin und Ruhe.
Zu der Klassenstufe fünf der Katima Combined School besteht eine besondere Verbindung. Es war einer der ersten Jahrgänge, der im letzten September in den Genuss unser damals noch wackeligen Erste-Hilfe-Kurse kam. Sie machten es uns leicht, empfingen uns mit offenen Armen und wollten uns gleich am nächsten Tag wiedersehen.
Mit der Eröffnung eines Red Cross Youth Clubs möchten wir uns bei ihnen revangieren und näher kennenlernen. Seit gut fünf Wochen läuft das Projekt. Einmal die Woche besuchen um die 35 Kinder am Nachmittag ihre Schule um am Youth Club teilzunehmen. Zusammen reden wir über das Rote Kreuz, vertiefen die Kentnisse über Erste Hilfe und spielen ebenso deutsche, wie namibische Spiele.

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Salzteig kneten, versuchen kann mans ja mal

Das Mafuta Day Care Centre bietet Waisen eine Möglichkeit für lau Mittag zu essen und eine Möglichkeit Vorschulkinder an die Englische Sprache heranzuführen. Der Wunsch nach Tischen für die Kinder und mehr Diversität beim Essen waren groß. Aus diesem Grund klappern wir viele Supermärkte in der Stadt ab und bitten mithilfe offizieller Briefe um Essensspenden. In der Theorie eine runde Sache, in der Praxis ist der Manager der Supermärkte nur einmal persönlich anzutreffen. Meist wird der Brief nach Windhoek geschickt und da liegt er wahrscheinlich gut. Es zeigt sich wieder einmal, dass ein offenes persönliches Gespräch mit dem Manager am gewinnbringendsten ist. Die Supermarktkette SPAR spendet noch am selben Tag.

 

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Die Mainstream Foundation, ein Waisenhaus mit einer Einrichtung für Behinderte Kinder wird einmal wöchentlich besucht und ich habe mir das Anlegen von einem neuen Beet zur Aufgabe gemacht. Zudem fungiere ich als lebendes Klettergerüst.

Der Alltag ist durch die vielen unterschiedlichen Aufgabenfelder sehr abwechslungsreich. Ich finde jedoch,  das Wort Alltag besitzt einen trostlosen Beigeschmack. Es vermittelt ein Gefühl von Stagnation, dieses Gefühl ist mir jedoch fremd. Jeder Tag ist anders und auf seie Weise lehrreich. Klar braucht es Zeit bis der Wocheneinkauf klappt, ich meinen Garten als Projekt sehe oder ein Youth Club ins Leben gerufen wird.
In Nachhinein ist diese Entwicklung sehr interessant zu sehen. Der Fokus hat sich zunehmend schärfer gestellt und ich habe das Gefühl hier ein weiteres Zuhause gefunden zu haben. Es ist schön das sagen zu können und zu wissen, dass erst die Hälfte rum ist und noch sehr spannende Erlebnisse warten.

Am Ende noch ein Nachtrag. Nach dem Etosha Video folgt nun auch ein Kapstadt Video, grüße gehen raus an Philipp, den Cutter.

 

Arbeitstitel

Allgemein, Jasper | Ghana

Dienstag, 23. Januar 2018.

 

Worin besteht im Moment mein Lebensinhalt? Das Jahr im Ausland als lebensverändernde Erfahrung, zurückkommen als fertiger Mensch. Dann in Berlin die Kurve kriegen, keiner von diesen typischen FSJ-Gutmensch-Ökos werden und die Politikkarriere starten. Zurückkommen und einfach wissen, wer man ist, was man mal macht und dabei auch noch was Gutes getan haben.

Wenn ich jetzt mal reflektiere, wie meine Erwartungshaltung vor dem 8.9. 2017 aussah, muss ich einsehen, dass ich nicht auf dem Weg bin, auch nur annähernd eins dieser Ziele zu erfüllen. Das liegt natürlich an mir, zum Beispiel weil ich den Arsch nicht früh genug hochbekommen und mich um ein neues Projekt gekümmert habe, in dem man mehr „Gutes“ tun kann. Aber es liegt auch an den Erwartungen selbst und mit denen bin ich ja nicht mal alleine unter uns Freiwilligen. Was ist also so falsch an diesen Erwartungen?

 

Wenn man sie sich nochmal durchliest, erkennt man, dass sie an ihrer Perspektive kranken. Sie sehen das Jahr und alles, was in selbigem passiert nur in Relation zur Lebenswelt in dem Moment, in dem sie entstanden sind. Es geht gar nicht um das, was man konkret erlebt, sondern nur um die Konsequenzen der Erlebnisse für die Zeit, in der das „echte Leben“ – man könnte wohl auch sagen die Karriere – weitergeht. Es geht gar nicht ums Weggehen und schon gar nicht ums Wegsein, sondern nur ums Wiederkommen. Wer so erwartet, der geht eigentlich davon aus, Berlin (oder eine dieser anderen Städte) niemals zu verlassen. Wer so denkt, glaubt, man habe in Ghana (oder einem dieser anderen Länder) das gleich Bezugssystem wie zuhause. Der unterschätzt oder vergisst einfach den Perspektivenwechsel. Der vergisst, dass die Heimat und alle Karrierepläne nicht nur in räumliche Ferne rücken. Der unterschlägt die Gegenwärtigkeit des hier Erlebten.

 

Was soll das genau heißen? Ganz einfach: Wenn durch meine Nachbarschaft eine Herde Kühe getrieben wird, dann ist das zwar ein verrücktes Erlebnis, leider hilft mir das aber nicht unbedingt, eine Entscheidung bezüglich der Wahl meines Studiengangs zu treffen. Um solche Entscheidungen zu treffen, braucht es entweder eine gewisse Distanz, um sich einmal genau zu überlegen, was man machen will oder aber es braucht das eine Erlebnis und die unmittelbare Nähe. Eine Entscheidung als Produkt einer Emotion. Oder man macht einfach irgendwas.

 

Zumindest für mein Jahr in Ghana kann ich bis jetzt sagen, dass das ganz große, alles verändernde Erlebnis noch auf sich warten lässt. Aber es gibt viele Eindrücke, auch extreme, die auf mich einstürmen. An erster Stelle ist da sicherlich das Gespräch mit einem Straßenkind zu nennen: 17 Jahre alt, spricht kein Englisch (Amtssprache hier), 4. Klasse nicht geschafft (da war er 13), Freundin schwanger, schläft auf der Straße und wäscht in der Innenstadt Autoscheiben an roten Ampeln. Das ist dann sehr nah, so etwas aus erster Hand zu hören. So nah, dass man natürlich keine adäquaten Antworten auf das Erzählte findet. Weder für ihn noch für mich. In solchen Situationen fehlt mir auch noch Wochen nach der Begegnungen die Distanz, um das ganze so umzudeuten, dass es in meine eigene Lebensgeschichte passt. Was heißt das für mich, dass ich jetzt diese Geschichte gehört, aber in ihrer Tragweite sicher noch nicht verstanden habe. Welche Schlüsse muss ich daraus ziehen? Was muss ich mal machen, damit ich mithelfen kann, so etwas zu verhindern? Welches Studienfach muss ich jetzt wählen? Keine Ahnung.

 

Es ist mir unmöglich, mich jetzt in den nächsten Wochen festzulegen, was ich studieren oder gar mal arbeiten will (Bewerbungsfristen für einen Studienbeginn zum Wintersemester rücken ja näher). Vielleicht wird mir irgendwann in ferner Zukunft durch die zeitliche Distanz mal klar werden, welche Bedeutung diese Begegnung für mein Leben hatte, aber jetzt habe ich keine Ahnung. Aber vielleicht ist das gerade das Gute an diesem Jahr: Man muss es nicht im Zusammenhang mit einer linearen Karriere sehen (auch wenn das vor dem Jahr bestimmt die meisten mehr oder weniger offen getan haben) es funktioniert auch als in sich abgeschlossener Lebensabschnitt. Nicht ganz in sich abgeschlossen natürlich. Irgendeinen Einfluss wird das schon haben, aber für das Jahr an sich ist es nicht wichtig, zu wissen welchen. Ein Jahr lang darf einem – finde ich – Schule, Uni, Jobben egal sein. Es muss sogar sein, sonst war man nie richtig weg. Die Probleme im Jetzt sind gerade zu Recht wichtiger und das ist etwas, was man genießen sollte. Und wenn man abgefuckt ist von seiner Arbeit, dann darf man sich dran erinnern wie entspannt das Leben gerade ist. Nicht, weil alles einfach ist, sondern weil es das Jetzt ist, um das man sich kümmern muss und nicht das Morgen.

45. Minute – Unentschieden

Allgemein, Bruno | Südafrika

Ich gehe zum Kühlschrank, mache die Tür auf und schaue hinein. Leider hat sich auch nach dem dritten Mal nachschauen kein Erdbeerjoghurt hineingeschlichen. Ich klappe die Tür zu, schlürfe zurück  zu meinem Bett und überwinde mich. Es ist Zeit für den Halbjahresbericht. Ich versuche nun schon seit mehreren Wochen, den richtigen Ton für diesen Eintrag zu treffen.

Meiner Berlin Sehnsucht wirke ich entgegen, indem ich auf Facebook alle möglichen Open-air, Rave und Festival Seiten abonniere und mir vornehme zukünftig dabei zu sein. Doch trotz dem gelegentlich aufkommenden Berlin-Patriotismus, bin ich nun, nach sechs Monaten, endlich „wirklich“ in Südafrika angekommen. Ich habe die Sprachbarriere überwältigt, Freunde gefunden, mein eigenes Projekt aufgebaut und weis, was ich mir vom restlichen Teil des Jahres wünsche, aber auch was ich noch verändern möchte. Ich habe endlich das Zugeständnis, nicht mehr gefragt zu werden, ob ich mir denn auch selber einen Salat mache, (hätte ich mal wieder Lust auf einen Feldsalat – Mama, Papa, Henry:) meine Unterkunft sauber halte, aufräume, Sport mache und und und…

Endlich. Das regt mich zum hinterfragen an. Wenn ich an die sechs Monate denke, die nun hinter mir liegen, beschreibe ich sie als „geschafft“. „Geschafft“ klingt nicht besonders positiv. Geschafft bedeutet, es war nicht immer einfach. Es bedeutet, dass ich nicht, wie uns auf dem Vorbereitungsseminar prognostiziert wurde, nach circa drei Monaten über alle schwierigen Phasen hinweg war. Ich hatte mit meinem Projekt zu kämpfen, musste mich gegenüber Rassismus behaupten, mir ein Leben außerhalb der Arbeit aufbauen, saß zweimal fast auf der Straße, weil ich aus meinem Haus geschmissen wurde, musste die Einsamkeit des Dorflebens und die viele Zeit zum nachdenken und hinterfragen mit mir selbst vereinbaren und begegnete jede Woche neuen Herausforderungen, die ich bewältigen musste. Gelungen sind mir diese mal besser, mal schlechter. Peinliche Kommunikationsproblemen, am Boden zerstört am Straßenrand sitzen,  gar depressive Sprachnachrichten (sorry Leah für die erste:) und erschöpft ins Bett fallen. Dann wieder extreme Hochgefühle, Monate in denen die Zeit verfliegt und ich es kaum erwarten konnte aus dem Bett zu kommen.

Jeden Nachmittag schleppe ich mich schwitzend den Hügel hoch zu unser Unterkunft. Häufig halte ich auf halber Strecke inne, betrachte das Village von oben und weis, dass ich diese Momente schon in ein paar Monaten schmerzlich vermissen werde. Doch in Hamburg läuft vieles schief  (das Folgende ist mal wieder eine sehr objektive Angelegenheit). Bis auf ein paar Wenige, sind hier alle arbeitslos, leben in einem Village ohne Supermarkt, ohne Hoffnung auf einen Ausweg und trinken sich jeden Tag in eine andere Welt. Sehen die großen Ferienhäuser der ausnahmslos weißen Besitzer nur von Innen, wenn sie dort den Rasen mähen oder sauber machen. Das Keiskamma Health Project, das ursprünglich HIV Prävention betreiben sollte geht kaputt, weil sich die wenigen Mitwirkenden das Geld in die eigenen Taschen gesteckt haben. Meine fünfzehnjährige Schülerin ist schwanger. Was sagt das Gewissen, wenn ich schon aus Reflex weiter gehe, als mich ein Kind nach etwas Essen fragt? Wenn du in Hamburg geboren wirst, musst du schon ein Supertalent haben, um den Weg raus zu schaffen. Eine extreme Chancenungleichheit, obwohl ich so viele tolle Menschen kennengelernt habe, die eine Förderung ihrer Fähigkeiten und Talente verdient hätten. Rassismus ist jeden Tag spürbar. Du bist schwarz aber zulu, du bist xhosa aber coloured, du bist weiß, indisch, asiatisch…Es gibt fast unendlich viele Kombinationen und jede einzelne bildet eine eigene Community, die sich gegenseitig voreingenommen begegnet. Die Bevölkerung leidet aktiv unter den Folgen einer korrupten, egozentrischen Politik, die es nicht geschafft hat, die Strukturen der Apartheid zu zerschlagen und das Werk von Nelson Mandela fortzuführen. Trotzdem wird in meinem Umfeld erstaunlich wenig über Politik diskutiert. Für viele Schwarze ist es deshalb jetzt schon entschieden, welche Partei sie wählen werden. African National Congress. Nicht, weil sie das Parteiprogramm unterstützen oder mit der bisherigen Amtszeit von Jacob Zuma zufrieden wären. Sondern, weil die ANC die Mandela Partei ist. Die Freiheitspartei, die nach der Apartheid für die Rechte der schwarzen Bevölkerung eingetreten ist. Genau wie die liberale Oppositionspartei, die Democratic Alliance, von vornherein die Partei der weißen Bevölkerung ist und aus Prinzip von vielen Schwarzen nicht gewählt wird. Es stellt sich die Frage, bis zu welchem Grad Tradition positiv ist? Verhindert sie nicht irgendwann Innovation? Die Abberufung von Expräsident Zuma ist jedoch ein Schritt in die richtige Richtung!

Mein Statement nach sechs Monaten? Es waren die härtesten Monate meines Lebens, aber ganz bestimmt auch die spannendsten! Trotz der Probleme liebe ich dieses Land, das durch seine Bevölkerung so bunt wird, wie die flatternden Wäscheleinen im Village und ich merke, dass Südafrika schon jetzt eine zweite Heimat für mich geworden ist. Endlich dreht sich meine Zeitrechnung. Ab jetzt spreche ich von „nur noch“. Nur noch sechs Monate.

 

 

Wie erlebe ich viel in kurzer Zeit? Versuchs mit Reisen.

Allgemein, Julian | Namibia

Swakopmund ruft mal wieder und diesmal machen sich alle Rot Kreuz Freiwilligen auf den Weg, es steht ja Weihnachten vor der Tür. Um richtig in Weihnachtsstimmung zu kommen, besuchen wir am 22.Dezember ein Festival, bei dem wir an einem Volleyballtunier teilnehmen. Die perfekte Abkühlung zwischen den Spielen bietet das Meer mit Blick auf die Dünen. Angefeuert vom Team Namibia und den pulsierenden Bässen erzielen wir den 4. Platz.
Der 24. startet mit einem Tennistunier und die weihnachtliche Stimmung erreicht ihren Höhepunkt beim Döner Essen am Mittag.
Das Wichteln nachmittags füllt bei den Meisten den Shampoovorrat wieder auf und das Singen in der Kirche treibt manche zu gesanglichen Höchstleistungen.
Den Abend lassen wir mit einem typisch namibischen Braai ausklingen.
Ich denke genau diese Verbindung von typisch Namibia und zum Beispiel den deutschen Cafés ist, was Swakopmund zu einem besonderen Ort macht.

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Team Katima in traditionellen Gewändern

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Team Quäse

Kapstadt (243)

Es weihnachtet sehr

Der nächste besondere Ort befindet sich in Südafrika und heißt Kapstadt.
Appartements mit Pool, Möglichkeiten zum Kochen, fast alle Rot Kreuz Freiwilligen und Silvester vor der Tür. Famose Aussichten.
Seit Berlin wieder eine Milionenstadt zu sehen tut definitiv gut. Mit über drei Millionen Einwohnern hat Kapstadt mehr als ganz Namibia.

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Relikt von der WM 2010

Wir erkunden die Stadt per Fuß, Sightseeingbus und Quantum.
Das Stadtviertel Bo-Kaap, welches im 18. Jahrhundert von freigelassenen Sklaven erbaut wurde bietet uns einen historischen Einblick in die doch sehr moderne Großstadt. Bekannt ist das Viertel für die vielen bunten Häuser und Moscheen.

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Besuch aus Deuschland

Mit einem Sightseeingbus unternehmen wir eine Tour, die uns einmal um den Tafelberg führt. Ein Stopp im Botanischen Garten wird eingelegt und mir wird bewusst, wie nah sich Großstadt, Berg und Meer sind. Eine Kombination, die es nur in wenigen Städten der Welt gibt.

 

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Auf einer Brücke durch die Baumwipfel ist der Blick genial

 

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Eine Open Air Bühne, die zum Träumen anregt

Weiter geht die Fahrt im Bus, sodass der Tafelberg von allen Seiten abgelichtet werden kann. Die Diversität der Vegetation und das Relief während der Fahrt beglücken mich sehr. Zum einen 30 Meter hohe Bäume, Palmen oder Sträucher und zum Anderen das Meer, Täler und Berge.

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Eine andere Sightseeingtour führt uns an den südwestlichsten Punkt Afrikas, dem Kap der guten Hoffnung. Auf der Fahrt dorthin macht uns der Nebel über dem Meer bewusst, dass wir für Urlaub früh dran sind.

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mystisch

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Kapstadt (1910)

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Team Berlin, sind ja nur 9575km nach Hause

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Team Namibia

Auf dem Rückweg vom Kap der guten Hoffnung schauen wir noch in Simons Town vorbei.

 

 

Kapstadt (1998)

Kapstadt (1985)

Bild aus dem Reiseführer…?

Dann steht auch schon das neue Jahr vor der Tür.
Wie auch schon in Swakopmund zaubern Louis und ich, besser bekannt als Arne und Olli, für das Team diverse Gerichte.

 

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Silvesterdinner

Für einen gelungenen Einstieg ins Jahr 2018 gehen wir zur Waterfront und bekommen ein kurzes aber knackiges Feuerwerk über dem Meer. In der Longstreet, vergleichbar mit dem Ku’damm, bietet uns ein Club Gelegenheit die ersten Momente des Jahres zu genießen.

Der letzte Programmpunkt in Kapstadt ist die Besteigung des Tafelbergs. Eine Wanderung, die eine gute Stunde dauert fordert den Wasserhaushalt des Körpers heraus.

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umso schöner die Aussicht

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Es war ne starke Zeit, danke!

Diese schönen Erlebnisse in Kapstadt hätte ich auch sehr gerne mit einem bestimmten Ghanaer geteilt, doch man sollte die intrakontinentalen Flugpreise nicht unterschätzen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit dem Wiedervereinigungsexpress durch Vietnam

Leonie | Vietnam

Da ist diese Welt, die mir immer noch fremd und zugleich so vertraut ist. Sie wartet auf mich, sobald ich die Augen aufmache, und hüllt mich in ihre übliche tropische Wärme. Sie lächelt mich an und spricht dann mit mir in einer Sprache, die ich nicht verstehe.
Wenn Sprache Türen öffnet, dann ist meine verschlossen, mit ganz vielen, dicken Schlössern. Ich rüttle an ihr und glaube ab und an, einen Blick hinter sie werfen zu können, aber am Ende bleiben nur ich und meine Frustration zurück.
Der Sprachkurs, in dem ich mich zu Beginn eingeschrieben habe, zeigt mir nun zwei Mal die Woche, dass ich diese Sprache nicht kann. Vietnamesisch ist eine tonale Sprache: es ist nicht sechs Mal das gleiche Wort nur anders ausgesprochen, es ist für Vietnamesen ein ganz anderes Wort. Wie Tomate und Apfel. Wenn ich also (in nicht gerade sehr touristischen Orten) versuche, die Sätze zu wiederholen, die ich gelernt habe, werde ich in der Hälfte der Fälle nicht verstanden. Und das frustriert.

Die Luftverschmutzung in Saigon ist unerträglich. Ich ertappe mich immer öfter dabei, wie ich im Kopf zähle, wie lange ich die Luft anhalten kann. Ich bilde mir dann ein, das Atmen auf zu Hause verschieben zu können.
Dennoch atme ich unterwegs den Feinstaub, er legt sich auf meine Zunge und schmeckt nach einer Lunge, die plötzlich dazu verdammt ist, ein Jahr lang praktisch Kette zu rauchen. Und dann ist da noch der Lärm.
Es ist laut. So, so laut. Ja, eines nachts habe sogar versucht, mir Tampons ins Ohr zu stopfen, um schlafen zu können. (Funktioniert nicht sehr gut).

Saigon ist von diesem interkulturellen Experiment zu meinem Zuhause geworden, und ich merke, wie ich kleine Dinge nicht mehr einfach so verzeihe, sondern es mich aufregt, wenn mein Uber-Fahrer den mit Abstand größten Umweg fährt und ich ihn dann leiten muss, obwohl da vorne an seinem Armaturenbrett doch ein verdammtes Navigationsgerät hängt.

Ich habe diesen Text, in dem ich über Dinge schreibe, die mich stören,schon vor einiger Zeit geschrieben. Statt ihn hochzuladen, habe ich ihn vor der Außenwelt und mir selbst im Datenstrom meines Laptops versteckt. Warum eigentlich? Vielleicht ist da dieses Gefühl, diese selbsterlegte Pflicht, alles toller klingen zu lassen, als es ist. Bin ich verletzend, politisch unkorrekt oder arrogant, wenn ich anfange über Dinge zu jammern und Dinge zu kritisieren? Ich bin immer noch Gast in diesem Land, egal wie zu Hause ich mich hier schon von Anfang an gefühlt habe.

Fürs Protokoll: ich liebe Saigon. Sich aber in den Zug zu setzen und hinaus zu fahren, war wunderbar.
Zu viert machen wir uns auf die Reise, wir haben ein Schlafabteil in dem Wiedervereinigungsexpress, der uns vom Süden in den Norden bringt. Den ersten Stopp machen wir nach 24 Stunden Fahrtzeit, in denen Marvin und ich unser kulturweit-Projekt umsetzen.

Kulturweit -Projekt, das
Ein Projekt, das der/die Freiwillige in seinem Aufenthalt im Gastland umsetzt und protokolliert. Keine Pflicht, aber ausdrücklich erwünscht.

Am Ende unseres Projektes soll ein Bildband stehen. Wir wollen die Passagiere im Wiedervereinigungsexpress portraitieren und einen Gedanken, eine Meinung, eine kleine Anekdote rund um das Thema Wiedervereinigung von ihnen abdrucken. Im Vorfeld haben wir einen Info-Text, Fragebögen und ein Formular, dass wir die Rechte an den Fotografien haben dürfen, auf vietnamesisch übersetzen lassen. Auf der Suche nach interessanten Menschen stolpern wir durch die Abteile und bekommen mal mehr, mal weniger Antworten. Im Zug lerne ich viel über das Land. Je weiter wir in den Norden fahren, desto karger werden die Antworten. Wir verursachen einen Auflauf in einem Abteil, mittendrin wir zwei und eine Frau aus dem Norden, die leidenschaftlich erklärt, dass die Lobeshymnen auf die Wiedervereinigung Vietnams nicht nur Propaganda seien. Ein paar Mal werden wir von Schaffnern streng beäugt, ein paar Mal rutscht mir das Herz in die Hose, ein paar Mal wird uns unser Info-Text aus der Hand gerissen und zu Aufsehern gebracht, die ihn auf seinen Inhalt überprüfen, ehe wir weiter machen dürfen.

Szenen der Zugfahrt:

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Am nächsten Morgen. Sophia und Ich schauen aus dem Fenster, der Joghurt ist gefroren.

 

Erster Stopp: Dong Hoi
Von Dong Hoi aus fahren wir in den Nationalpark PhongNha. Wir haben das mit den Jahreszeiten im Norden Vietnams nicht bei der Reiseplanung bedacht und frieren. Wir quetschen uns zu viert in ein Bett um etwas Wärme abzubekommen. Die Haushälterin in unserem Homestay kommt einmal völlig betrunken in unser Zimmer und unter viel Gelächter bezieht sie unsere Bettdecke, während wir unter ihr liegen.
Wir mieten uns zwei Mopeds und fahren abwechselnd durch den Nationalpark. Völlig verzückt von diesen Dingen geben wir unseren Mopeds Namen.

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Paula und ich spielen Sommer nach.

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Tatsächlich befriedigt so ein Moped beim Aufdrehen des Motors einen ganz tief sitzenden, primitiven Instinkt.

Die Rebellion und ich sind jetzt per du:

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„Danger – No Entry“

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„Do not climb the waterfall“

WASSER


Zweiter Stopp: Hanoi

In der Hauptstadt Vietnams angekommen finden wir uns in einem kleinen, stinkendenHostel-Zimmer wieder. Der Typ oben rechts neben mir schnarcht. Das weiß ich, weil ich nicht geschlafen habe. Wir haben uns im billigsten Hostel Hanois einquartiert, um unsere Nacht auf dem Boot in der Halong-Bucht auszugleichen, die unsere Kontostände dezent ruiniert hat.
Am Morgen besuchen wir das Mausoleum von Ho Chi Minh. Wir laufen in Zweierreihen über das große Gelände, links und rechts kann der aufgeregte Tourist in strenge Gesichter in Uniform blicken. Handys werden einem abgenommen, sobald jemand aus der Reihe schreitet, wird er lautstark dazu aufgefordert, sich sofort wieder einzureihen – das perfekte Timing also für Nasenbluten und einen Lachflash. Kurz bevor wir endlich in das Mausoleum eintreten können, tritt mein altbekannter Freund, das Nasenbluten auf. Hektisch kramen wir alle nach einem Taschentuch, Marvin bietet mir sogar seine Jacke an, bevor sich doch noch ein letztes Tuch finden lässt, das ich mir unauffällig an die Nase zu pressen versuche. Marvin erzählt dann noch eine Geschichte, wie er einmal auf dem Weg zu seinem Praktikum im Bundestag, in Anzughose und Hemd, im Bus plötzlich starkes Nasenbluten bekommt und er sich nicht zu helfen weiß, sodass er schließlich kurzerhand seinen Schuh auszieht und sich seine Socke in die Nase stopft. Es ist um mich geschehen, ich versuche vergebens mein Lachen zu unterdrücken und wir taumeln neben dem toten Ho Chi Minh mit angestrengten Gesichtern und Händen vor den Mündern vorbei.

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Im Literaturtempel

Dritter Stopp: Halong-Bucht
Wir schlafen auf dem Deck unter den Sternen ein, die ich in Saigon nicht sehen kann und schon fast vergessen habe.

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Vierter Stopp: Da Nang
Es ist Weihnachten. Durch das Loch in dem Tisch vor mir kann ich den Schuh des Polizisten mir Gegenüber sehen. Ich schaue auf und sehe in zwei Gesichter der Polizeibeamten, die nicht verstehen, was wir von Ihnen wollen. Marvin wurde bestohlen und wir verbringen Weihnachten auf dem Polizeirevier, um für die Versicherung eine Anzeige aufzugeben. Das kleine Drama hat drei Akte.
Nach dem ersten Treffen und ein paar Stunden Lebenszeit heißt es: morgen wiederkommen.
Nach dem zweiten Treffen denken wir: die warten darauf, bestochen zu werden.
Nach dem dritten Treffen: Marvin kann seine Anzeige aufgeben.

Bevor der Abend zu Ende geht, wird die Weihnachtsstimmung mit Wein aufgefüllt, wir fahren noch schnell in ein indisches Restaurant und bestellen die Speisekarte hoch und runter. Die Kellnerin sagt: „I’m afraid the table is not big enough“ und wir müssen uns umsetzen. Sophia und ich laufen eine Stunde am Meer entlang und reimen.

Der Tropensturm hat unser Airbnb auf dem Gewissen:

Fünfter Stopp: Hue
Wir fahren zu dem Restaurant Madame Thu und sind im kulinarischen Himmel. Die Kaiserstadt ist Begleiterscheinung.

Die Orgie in Hue hat einen Namen: Madame Thu. Dies ist nicht Madame Thu, steht aber stellvertretend für jeden foodporn, der mir hier in Vietnam schon unter die Augen gekommen ist.
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Sechster Stopp: Hoi An
Hoi An ist eines dieser Städtchen, die vollkommen auf Tourismus ausgerichtet sind, aber dennoch wunderschön. Beinahe so, als wolle es einem mit aller Macht zeigen, dass man hier mit den Menschen sein sollte, die man liebt. Als keiner hinguckt, strecke ich den Laternen heimlich die Zunge raus.

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Markierungen an der Wand vom Wasserstand der Überschwemmungen. Die dritte von oben ist drei Wochen bevor wir da waren entstanden.

Wieder in Saigon
Ganz einfach: Bevor du dich einsam fühlst, importiere einfach Menschen!
In Saigon wartet in meinem Hausflur nicht nur ein kitschig blinkender Weihnachtsbaum, sondern auch Maia.

 

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Allgemein, Jasper | Ghana

Mehr als 100 Tage bin ich jetzt in Ghana – beinahe ein Drittel meiner Zeit hier ist schon rum. Ich habe Ferien, Weihnachten ist nur noch ein paar Tage entfernt und das Jahr neigt sich dem Ende. Zeit für ein erstes Fazit. Wo fängt man da am besten an? Beim Essen. Das ist schonmal richtig gut und ich weiß, dass ich es in Berlin vermissen werde. Damit wäre das wichtigste geklärt. Davon abgesehen gibt es diese Momente, in denen mich alles ankotzt: Die Arbeit mit den eigentlich coolen Kollegen und reichen Kindern, die zwar Sicherheit, Routine und daher eigentlich Sorgenfreiheit offeriert, auf der anderen Seite aber auch der Bezeichnung „soziales Projekt“ kaum gerecht wird, da sie ja im Grunde ein Unternehmen und keine NGO ist, Gewinn erwirtschaftet und mir fast all meine Zeit raubt. Das stürzt einen in eine Existenzkrise: „Wozu bin ich hier eigentlich gut?“ Aber nicht nur die Arbeit auch diese Stadt; Accra das Moloch. Während ich schreibe, sitze ich mal wieder im Trotro und genieße seit 1 1/2 Stunden Stop and Go – mit der Aussicht auf noch mindestens eine weitere Stunde – bin eingeklemmt auf meinem Sitz zwischen zwei dicken Frauen „im besten Alter“, die ich leise auf Deutsch murmelnd leidentschaftlich für ihre Körperfülle und ihre Frechheit, sich dann ausgerechnet  neben mich zu setzen, verfluche. Ich schwitze, wie meine Nachbarinnen auch, atme die von Abgasen, Staub, Hitze und Feuchtigkeit schwere Luft. Diese Stadt ohne Grünflächen, mit wenigen schönen Häusern, die lieber mit Straßen punktet, die sich in zwei Kategorien einteilen lassen: Leer dafür nicht asphaltiert, staubig, nach Regen teilweise kaum passierbar und ein Albtraum für die Federung eines jeden Fahrzeugs oder mit schönem Straßenbelag, dafür zu den Stoßzeiten (in manchen Fällen auch einfach immer) verstopft. Der Müll in den offenen Rain Gutters, die in der Hitze fröhlich vor sich hin stinken. Der brennende Plastikmüll und die Schwaden puren Krebs, die man als dessen Produkt einatmet. Die aufdringlichen Verkäufer in Madina, der Sexismus, die arbeitenden Kinder, die Religion! Und zu guter letzt diese merkwürdige Einstellung zur afrikanischen (Entwicklungs-) Politik, die mir schon mehrmals in Gesprächen begegnet ist, die Verschwendung und Korruption als „afrikanische Mentalität“ bezeichnet und afrikanischen Polit-Eliten die Fähigkeit abspricht, für nachhaltige Entwicklung zu sorgen. Das klingt nach einem selbstzerstörerischen, umgekehrten Rassismus, nach einer Art panafrikanischem Selbsthass. Sicher, das sind starke Worte und natürlich darf man das so nicht pauschalisieren, aber solche oder ähnliche Denkmuster begegnen mir immer wieder in Gesprächen sei es mit Kollegen, der Familie oder mit Leuten, die ich auf der Straße treffe. Das heißt also nicht Ghanaer hassen Afrika, sondern zeigt (post-)kolonial-rassistische Denkmuster der Europäer spielen auch hier eine fatale Rolle (das AFS-Vorbereitungsseminar lässt grüßen). Das manifestiert sich auch in Leuten, die rufen: „Ey Obruni!(=Weißer/Nicht-Afrikaner)“, einen dann scherzhaft nach Geld fragen oder dein „Freund“ werden wollen oder einem eine andersartige Sonderbehandlung zu kommen lassen, weil man weiß ist. Bei Kindern ist das noch irgendwie verständlich, weil man ja so offensichtlich anders ist. Bei Erwachsenen hingegen ist jede Form der (positiven) Sonderbehandlung, die über Gastfreundschaft hinaus geht, ziemlich unangebracht und im Grunde nur sehr, sehr traurig. Eine solche Aufwertung eines Weißen ist ja auch immer irgendwie eine Abwertung eines Ghanaers. Dabei gibt es herausragende politische Persönlichkeiten auch in der ghanaischen Geschichte. Als offensichtlichstes Beispiel ist hier natürlich Kwame Nkrumah zu nennen, der Ghana 1957 als erste afrikanische Kolonie in die Unabhängigkeit führte. Im Kwame Nkrumah Memorial Park bekommt man einen kleinen Einblick in seine politischen Überzeugungen. Offensichtlich anti-kolonialistische Einstellung, vom Panafrikanismus beseelt und scheinbar mit Hang zum Sozialismus. Nicht zu vergessen Ex-UN-Generalsekretär Kofi Annan. Eigentlich der Beweis, dass Ghana große Politiker hervorbringen kann. Trotzdem überwiegt bei vielen, die ich bis jetzt gesprochen habe, die Frustration über Korruption und nicht eine politische Aufbruchsstimmung. Aber die ghanaische Demokratie ist noch jung. Das kommt noch. Bestimmt.
Das klingt so, als hätte ich ein richtig beschissenes Jahr. Doch jetzt kommt natürlich das große Aber. Neulich habe ich seit langem mal wieder „Schwarz zu blau“ gehört. Ich rede hier viel über Berlin. Wenn ich an Heimat denke, denke ich an Berlin – nicht so sehr an Deutschland. Hier im Ausland bildet sich eine ganz merkwürdige Heimatverbundenheit heraus. Ich will, dass die Leute, die ich treffe, wissen, wo ich herkomme und wie cool es da ist. In Berlin war ich längst nicht so ein Berlin-Enthusiast wie ich es hier geworden bin. Als Enthusiast neigt man dazu, die Wahrheit ein bisschen zu beschönigen. Das wurde mir klar als ich diesen Song wieder gehört habe. Und mir wurde klar, dass man Berlin nicht liebt, weil es so schön. Man liebt es (auch) für seine Hässlichkeit. Man liebt Steglitz/Friedenau dafür, dass es so langweilig ist in einer krassen Stadt. Man liebt sogar Spandau dafür, dass es so am Arsch der Welt ist. Nun ist Accra Berlin in Sachen Hässlichkeit noch um einiges voraus. Aber es ist lebendig, immer in Bewegung, immer laut. Es ist divers: Shopping Malls und Märkte, auf denen der Fisch in der Äquatorsonne stinkt. Wenn ich also aus dem Trotro steige, von der belebten Hauptstraße auf die ruhigen und staubigen Rough Roads einbiege, ahne ich, dass am Ende dieses Jahres Accra eine weitere Heimat sein wird. Accra ist vielleicht kein optimales Urlaubsziel, aber ich mache ja auch keinen Urlaub. Ich arbeite hier. Ich lebe hier. Ich habe hier das spannendste Jahr meines Lebens, das meine Blickwinkel ändert auf Geschichte,  Politik, Umweltschutz, Religion und auf so ziemlich alles andere auch. Zum Glück besteht mein Dasein hier aber nicht nur aus Accra, denn Accra ist noch viel weniger Ghana als Berlin Deutschland ist. So langsam lerne ich auch den Rest Ghanas kennen und klappere die Küste ab. Ich schreibe diese letzten Zeilen am Strand von Cape Coast, einem touristischen Highlight Ghanas, in einer Hängematte am Strand unter Palmen. Die Hängematte schaukelt im Takt der großen Atlantikbrecher. Cape Coast ist ganz anders als Accra. Die Straßen sind gut, die Gebäude mehrstöckig und schon älter. Es gibt eine alte Burg, ein Fort und alte Kirchen. Insgesamt ist Cape Coast, das noch einen schönen Strand zu bieten hat, ein beschauliches Städtchen. Gestern war ich im St. George’s Castle in Elmina (der nachbarstadt), dem ältesten europäischen Bauwerk südlich der Sahara (erbaut 1482), und in der Burg in Cape Coast. Diese eindrucksvollen und merkwürdig verschiedenen Bauwerke spielten Schlüsselrollen im transatlantischen Sklavenhandel und vereinen auf faszinierende und verstörende Weise die Schönheit der Landschaft und der Architektur und die Grausamkeit der Briten, Dänen, Niederländer und Portugiesen, die in diesen Burgen lebten, und ihrer Taten. Beide Besuche waren wirklich bewegend. Der heutige Tag konnte den gestrigen aber noch übertreffen. Noch vor acht (kurz mal aus der African Time ausgebrochen) waren wir am Kakum Nationalpark. In einer kleinen Gruppe konnten wir deshalb als erste heute die größte Tourismusattraktion des Landes erleben. Den Kanopy Walkway. Auf gut 40m Höhe läuft man über 300m auf schwingenden Hängebrücken zwischen den Wipfeln der Regenwaldriesen. Unvergesslich dieser Blick. Die anschließende einstündige Führung durch den Regenwald – wir zwei Berliner sind allein mit einem Guide (2+1=3 quick maths) unterwegs – steht dem Kanopy Walkway allerdings in nichts nach. Als wir aus dem Regenwald zum Besuchercenter zurückkehren lärmen gerade die ersten Touristengruppen zwischen den Baumwipfeln. Schwer vorstellbar, dass diese Leute ein ähnlich intensives Erlebnis haben werden wie wir. Was ist also das Résumé am Ende des alten und am Anfang des neuen Jahres? Es gibt einiges, was ich verändern kann und muss, um dieses Jahr noch sinnvoller und intensiver zu machen aber vieles ist einfach nur gut so wie es ist. Ich bin hier am richtigen Ort. Ach ja und an Julian, Leah, Bruno und all die anderen, die da waren: Niemand braucht Cape Town, wenn man Cape Coast haben kann.