Ich ziehe um

Leonie | Vietnam

Ich bin plötzlich wach und folge dem ersten Reflex: Ich hebe meinen Kopf und schaue aus dem Fenster. Gerade geht die Sonne über dem Meer auf. Fast hätte ich laut aufgelacht durch diese plötzliche, emporsteigende Freude. Ich spiele mit dem Gedanken, aufzustehen, meinen Bikini anzuziehen und hinauszurennen. Vielleicht lasse ich den Bikini-Part auch sein und bade gleich in meinem Pyjama, oder ach, einfach nackt, vielleicht lasse ich dabei aber eine Socke an, wer weiß! Und da soll einer nochmal sagen, das Leben ist schön. Von wegen! Das Leben ist wunderschön! Vielleicht schwimme ich so weit hinaus, bis ich an diesem großen glühenden Feuerball ankomme, der sich da gerade aus dem Meer erhebt.
Und während mein Geist voller Euphorie ist, gewinnt mein Köper an Müdigkeit, ich murmele leise zu niemandem Bestimmten „ich mach’s morgen“, senke meinen Kopf und schlafe weiter.

Noch immer kann ich nicht fassen, wo ich gerade wohne. Ich bin für zwei Monate nach Da Nang gezogen und arbeite dort nun an einem vom Goethe-Institut betreuten College. Eigentlich sollte dort für ein Jahr eine Schulwärts-Freiwillige eingesetzt werden, das sind normalerweise Lehramtsstudent*innen oder Lehrer*innen, jedoch ist dieses Jahr die Freiwillige kurzfristig ausgefallen. So wurde ich gefragt, ob ich für zwei Monate einspringen möchte. Nun bin ich hier, noch bis Anfang Juni, und dann geht es zurück nach Saigon.

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Mein Paradies hielt genau 16 Tage an. Etwas ungehalten starrte ich den jungen Mann an, der da gerade vor meinem Fenster einen Zaun errichtete. Er lächelte mich an. Ganz unschuldig tat er dabei. Ich schaute noch finsterer und wunderte mich darüber, wie fröhlich jemand sein kann, der da gerade in der prallen Sonne arbeiten musste. Noch nicht mal Netflix gucken konnte er dabei. Schadenfreude muss wohl etwas sehr Schönes sein. Je fertiger der Zaun war, der mein Fenster von seinem Blick aufs Meer trennt, desto glücklicher wurde er.
Jetzt muss ich doch tatsächlich mein Bett verlassen, um mich dem Meer nahzufühlen! Kurz bevor ich mein Zimmer verlasse, schreibe ich mir aber noch schnell eine Notiz Name, Wohnort und Familienstand von Person X ausfindig machen. Schwachstellen finden. Mopedreifen durchstechen. Du weißt schon, der übliche Kram.

Zzzt, denkst du dir sicher, ich armes, kleines Mädchen, habe nun keinen Meerblick mehr. Dabei hast du leicht reden. Der Meerblick hatte auch seine Nachteile, die ich tapfer ausgestanden habe! Du musstest dir nicht jeden Abend verliebte vietnamesische Pärchen anschauen, die sich vor deinem Bungalow niederlassen, um sich dann so zu küssen, wie ich es nur im traurigen Konjunktiv tue.
Statt Musik zu hören und mich voller Wehmut der Sehnsucht hinzugeben und an die tollen Freunde zu denken, die ich in Saigon hatte und die mich hier in Da Nang mit ihrer Abwesenheit schlechte Gedichte schreiben lassen, oder an den Menschen zu denken, der bestimmt noch viel besser küssen kann als du, führe ich einfach ein Protokoll der Liebespaare. In Calibri Light purzelten nun regelmäßig Paare über meinen Laptopbildschirm und gruselten sich darüber, dass sie in die Schriftgröße 11 passen. Das sieht in etwas so aus:

Typ, der einen Kopf größer ist als seine Freundin und bestimmt einen Kopf kleiner als Ich: Ich finde es toll, dass wir gemeinsam in die Wellen starren.
Mädchen, das wunderwunderschön ist und das ich deswegen hasse: Ja, in die Wellen starren. Juhu! Das macht Spaß. Man könnte sich fast einbilden, jede neue Welle sehe ein bisschen anders aus als die letzte. Da! Schon wieder, eine neue Welle. Herrlich.
Typ, der einen Kopf größer ist als seine Freundin und bestimmt einen Kopf kleiner als Ich:
Ganz genau! Besonders bei Nacht, die Vielfalt des Meeres ist sooo unendlich groß. Genauso wie meine Liebe zu dir! Da, siehst du diese cyanblaue Welle dahinten? 50 Shades of Blue!
Mädchen, das wunderwunderschön ist und das ich deswegen hasse: Aber ich bitte dich, das ist doch ganz klar taubenblau.

Jetzt streiten die beiden sich ein bisschen über die rechte Verwendung von Adjektiven und wundern sich darüber, dass sie auf Deutsch reden. Also wenn das Glück sein soll, dann verzichte ich!
Ich gebe zu, ich schweife ab. Das passiert, wenn man abends nur noch den Himmelschweif sieht statt das Meer. Man macht schlechte Wortspiele aber ist insgeheim ein bisschen stolz darauf. Dann schlürft man faul zur Strandbar und hat so viel schlechtes Gewissen darüber, wie gut es einem doch eigentlich geht, dass man wieder hektisch zurück in sein Zimmer rennt und eine kostenpflichtige E-Mail-Adresse kauft, die mit Öko-Strom betrieben wird. Man weint kurz bei der Überweisung des Geldes darüber, dass man sich früher noch keine Gedanken um die Welt gemacht hat, weil man dachte, dass die Erwachsenen irgendwelche Super-Wesen seien, die schon klug genug wären, das mit der Umweltverschmutzung, der Einhaltung der Menschenrechte und so weiter zu regeln, bis man gemerkt hast, dass Menschen AfD wählen oder in einem Land leben, das in Sachen Meinungs- und Pressefreiheit drei Plätze vor Nordkorea liegt, und zu einem dennoch gesagt wird „Politik interessiert mich nicht besonders“. Stattdessen will man wie früher einfach Süßigkeiten kaufen. Oder Wunder-Bälle, die tausend Zuckerschichten und innendrin Kaugummi haben. Großartig. Man will unbedingt wieder einen Wunder-Ball kaufen, den die Eltern furchtbar fanden und man selbst deswegen noch ein bisschen besser.

Am nächsten Tag geht man dann zur Arbeit, unterrichtet Deutsch und vermisst ein wenig seine alten Schüler aus Saigon, die im Deutschclub immer so schön mitgemacht haben. Man ist etwas verlegen wegen dem Lied, das die Schüler einem zum Abschied geschrieben haben, aber noch mehr ist man verdammt glücklich darüber. Hier kann man es hören.
Entgegen aller Vorsätze denkt man doch ein bisschen an vergangene Zeiten und bildet sich ein, dass das „Jetzt“ immer unglamouröser ist, als das Früher. Wenn das „Jetzt“ ein Adjektiv wäre, würde ich es bloß für ganz schlimme Dinge benutzen. Jetzt ist E-Mail beantworten und seine Auslandskrankenversicherung darum bitten, einem doch bitte das Geld für die Krankenhausrechnung rückzuerstatten. Jetzt ist Lebensmittelvergiftung und schlechte Internetverbindung. Jetzt ist auf eine U-Bahn-warten, die nie kommt, weil es in der Stadt nur Busse gibt, die nirgends ankommen. Auch wenn es in Nirgends vielleicht sehr schön ist. Man vergisst kurz, dass „Jetzt“ immer viel intensiver ist als „früher“ und „damals“. Dann bekommt man wieder ein schlechtes Gewissen, dass man nicht dankbarer ist, und setzt sich verlegen an den Strand, um in der Gesellschaft tausender Sandkörner wie ein verträumtes Liebespaar mit sich selbst über die Blautöne eines sehr schwarzen Ozeans zu debattieren.

Saigon und seine Hektik kommen einem plötzlich sehr fern vor, und wie das so ist mit Dingen, die man nicht haben kann, will man sie plötzlich sehr dringend. Ich glaube, es hat auch damit zu tun, dass diese Stadt herzlich wenig „Das will ich auch noch machen!“ hat. In Saigon war es ein Dauerbegleiter. Die Factory hat eine neue Ausstellung? Da will ich auch noch hin! Die Garküche am Ende der Le Van Sy Straße? Da will ich auch noch hin! Mit in Thin Thans Familie kommen? Da will ich auch noch hin! Die Buchmesse, bei der sich am Ende alle verlaufen und niemand Spaß hatte? Da will ich auch noch hin!
In Da Nang befindet sich der mit Abstand beste Ort am Meer. Das ist wunderwunderbar, aber ich habe plötzlich so viel Zeit. Schön, dass ich diesen Blog ein bisschen zuspamen kann und mit meinem Reichtum an Zeit auch noch Deine klauen kann – wie das so ist, die Reichen reicher!

Da, sobald ich aus Da Nang nach Saigon zurückkehre, bereits Schulferien sind, habe ich mich von den Schülern, bei denen ich nachmittags an den Schulen war, verabschieden müssen. Hier eine kleine Fotostrecke in Gedanken an die Zeit mit ihnen im Deutschclub:

Schreibwerkstatt im Deutschclub!
Thao: „Auf der Party gibt es viele Bratwürste und ich möchte sie alle essen.“
Minh: „Die echte Freiheit hast du, wenn du machen kannst, was du liebst.“
Giang: „Ich habe die Sonne im Herzen.“
Phuong: „Seine Box ist kalt wie Eis, es tut ihm weh, aber sie möchte sie dennoch brechen.“

Zeitzeugenprojekt! Die Schüler lesen den Bericht eines freiwilligen Fluchthelfers zu Zeiten der Berliner Mauer und können Fragen an den Helfer schicken. (Ja, vielleicht klingt „Zeitzeuge“ einfach viel eleganter als: ich frage meinen Vater, ob er mir kurz einen Bericht schicken kann, den er dann in Form von Whatsapp-Sprachnachrichten sendet und ich dann abtippen muss.)

Wissens- & Quizspiele im Deutschclub.

Übung macht den Meister – oder bringt zum Lachen.

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Du

Leonie | Vietnam

Schwindelerregende Glücksgefühle
Wir sind ein Haufen lachender, betrunkener Moleküle
Stehen nackt und nass auf dem Dach
Im Silvestertakt machen unsere Sektgläser Krach

Die gefallenen Konfetti malen ein abstraktes Kunstwerk
Aus Reflex halte ich Ausschau nach einem Feuerwerk
Und dann bist du meine Komplizin, gehen heimlich schwimmen
Solange, bis auch die letzten Anstandsregeln verschwimmen
Klaust du schon wieder Klopapier aus der Restauranttoilette?
Und heute Nacht essen wir wieder Instant-Nudeln, jede Wette!

Du spuckst vor Lachen das Wasser wieder auf mein Bett
Ich muss auch lachen, spucke Wasser, das Meer ist komplett
Ganz knapp verpassen wir nicht unseren Flug
Saigon und Ninh Binh im gleichen Atemzug

Unser Heizstrahler lächelt uns freundlich an
Ich fasel fiebrig irgendein Zeug, ihr nehmt mich in den Arm
Ich produziere unsaubere Reime und ihr spielt Doktor
In unserer Bambushütte kriecht die Kälte empor
Wir mieten uns Fahrräder und besteigen Berge
Von Oben sind Sorgen lächerliche Fruchtzwerge

Du fragst: „Wer ist Vin?“ du hinterfragst
Du sagst: „Bis bald!“ und umarmst
In meinem Kühlschrank finde ich dein Abschiedsgeschenk

Du bist der Mensch, der mich glücklich macht
Wie ein Nutellabrot in seiner vollen Pracht
Wie eine durchtanzte, warme Sommernacht
Wie mein Lieblingsroman, nur in nicht-ausgedacht

Du bist der Besuch, der ins Flugzeug steigt um nach Saigon zu kommen
Du bist Maia, Sassi, Vivi, Mama, Papa
Du bist der Mensch, der soviel Leben in mein Leben bringt
Du heißt Ha, Anh Thu, Tam, Phoung
Du bist die Unterhaltung, die mich inspiriert
Du nennst dich Marvin, Frieda, Paul, Eileen, Carlotta, Paula
Du bist der Halt, der mir manchmal fehlt
Und du bist auch Sehnsucht
Flüchte erfolglos vor dem Pathos

Gesichter an Füßen, fast wie Ballett
Zu dritt quetschen wir uns in mein Bett
Ihr tauft die Mücken auf sonderbare Namen
Nicht jugendfrei, unmöglich zu verraten
Du wirst für ein paar Kamele an Marvin versteigert
Und es wird sich nicht geweigert!

In Aktmalkursen und Tanzstudios ziehen wir durch die Stadt
Bún chả giò, Phở, Bánh mì macht uns satt
Wir nennen die Nacht heimlich Tag und entgehen der Hitze
Und du erzählst immer noch die besten Witze (ja, keine Sorge Vivi, ich meine dich)

Wir grillen zusammen ein letztes Mal
Ich vermisse euch, mein Humankapital
Wir dichten Lieder um und singen
Unser Abschied soll ganz laut erklingen!
Ihr seid mein Ohrwurm glücklicher Momente
Teil der interkulturellen Experimente

Ein halbes Jahr ist nun vergangen und ihr fahrt ab
Ich verabschiede euch Mitfreiwilligen vor euerem Flug nach Deutschland
Auf Wiedersehen, grüßt mir den Dönerkebab
Aber ich spüre diesen inneren Widerstand
Zurück bleiben Frieda und ich
Und dieses miserable Gedicht
Mein persönliches lyrisches Experiment
Und dein, mein, unser Fernweh brennt
Und bevor es für dich, Vivi, nach Hause geht
Reisen du und ich

nach
Malaysia

Fragen in unseren Köpfen
Verkopft, verstopft
Wir schreiben „Fragen des Tages“ in ein Notizbuch
Und wagen einen Versuch
Sie alle am Ende des Tages zu beantworten
Fragen sind oft schöner als Antworten

Darf man auch Malaie sein ohne muslimisch zu sein? Wurde Malaysia auch mal kolonialisiert? Warum gibt es noch so viele Postkoloniale Strukturen und warum wird darüber so wenig Gesprochen? Warum erwarten wir, dass die ganze Welt in der christlichen Zeitrechnung denkt und Wundern uns über das Jahr 2651?

Thailand

Traumstrände schreiben stumm Symphonien der Leichtigkeit
Das Mopedglück rauscht im Fahrtwind und hat große Ähnlichkeit
Mit der Freiheit
Frei, frei, frei
Meinungsfreiheit spielt Verstecken
Unsere Kreide malt nur Kreise
Elefantenhosen
Sie kleiden langweilige Idioten, als Backpacker getarnt
Und dann kleine, geheime Inseln ohne Strom
Wir haben das Urlaubssyndrom

Unser Bungalow steht illegal im Naturschutzgebiet
Vor unserem Fenster ein Affe
Wir müssen schüppen statt zu spülen

Nachts kuschel ich mich ganz nah an Dich

Schnorcheln und laufen durch den Dschungel
Treffen auf Yuppie, Luis und Flavia
Wir sind da

Weißt du was?

Urlaub im Jetzt ist der Schönste

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Marvin, Maia und ich fahren nach Ninh Binh – irgendwie mystisch dort.

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Maia und ich

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Ich, Maia, Paula und Marvin

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Nachdem Sassi das erste Mal allein eine Straße in Saigon überquert hat

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Sassi im Mückenhimmel

Kuala Lumpur, Malaysia:
Wir übernachten bei einer Freundin von mir und sinnieren darüber, ob wir jeh wieder nur in Deutschland leben können

Penang, Malaysia:
Wir machen die zweite Nacht durch damit wir kein Hostel bezahlen müssen (nicht nochmal).

Auf verschiedenen Inseln & Nationalparks in Thailand:

Bangkok, Thailand:
Wir stoßen auf die schlechteste Fotoaustellung, die wir je gesehen haben, auf eine sehr gute zeitgenössische Ausstellung über Vietnam, und befinden uns in dem Art und Culture Center, das eine Ausstellung über seine Angestellten macht: die Putzkräfte, den Portier, die Wächter*innen. Alles Menschen, denen wir zuvor beim Reinspazieren begegnet sind, ohne es wahrzunehmen.

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Wir schleichen uns in ein japanisches Kinderklavierkonzert.

@Bernd & Ferdi: wir haben euch schrecklich vermisst! Happy Birthday

Alltag

Allgemein, Julian | Namibia

Heute mal kein Bericht über eine Reise. Ich möchte von meiner Arbeit beim Namibischen Roten Kreuz erzählen und kurze Einblicke in meine Freizeit ermöglichen.

Durch den groben Rahmen, den das Rote Kreuz uns Freiwilligen als Arbeit bietet, liegt es an mir diesen Raum zu nutzen und  Projekte ins Leben zu rufen.
Eine Aufgabe besteht darin Klassen 4-7 Erste-Hilfe-Unterricht zu geben. An zwei Schulen ist das Projekt abgeschlossen und an zwei weiteren läuft es gerade. Wir reden darüber, wie man den Krankenwagen ruft, sich in solchen Situationen verhält und mit Alltagsverletzungen umgeht.

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Mit jeder Schule sind auch die Kinder anders, es ist jedes Mal spannend aufs Neue. Mal habe ich das Gefühl Chinesisch zu reden, wannanders kommen die Antworten vom laufenden Band. Klassen von bis zu über fünfzig Kindern überraschen mich immer wieder mit ihrer Disziplin und Ruhe.
Zu der Klassenstufe fünf der Katima Combined School besteht eine besondere Verbindung. Es war einer der ersten Jahrgänge, der im letzten September in den Genuss unser damals noch wackeligen Erste-Hilfe-Kurse kam. Sie machten es uns leicht, empfingen uns mit offenen Armen und wollten uns gleich am nächsten Tag wiedersehen.
Mit der Eröffnung eines Red Cross Youth Clubs möchten wir uns bei ihnen revangieren und näher kennenlernen. Seit gut fünf Wochen läuft das Projekt. Einmal die Woche besuchen um die 35 Kinder am Nachmittag ihre Schule um am Youth Club teilzunehmen. Zusammen reden wir über das Rote Kreuz, vertiefen die Kentnisse über Erste Hilfe und spielen ebenso deutsche, wie namibische Spiele.

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Salzteig kneten, versuchen kann mans ja mal

Das Mafuta Day Care Centre bietet Waisen eine Möglichkeit für lau Mittag zu essen und eine Möglichkeit Vorschulkinder an die Englische Sprache heranzuführen. Der Wunsch nach Tischen für die Kinder und mehr Diversität beim Essen waren groß. Aus diesem Grund klappern wir viele Supermärkte in der Stadt ab und bitten mithilfe offizieller Briefe um Essensspenden. In der Theorie eine runde Sache, in der Praxis ist der Manager der Supermärkte nur einmal persönlich anzutreffen. Meist wird der Brief nach Windhoek geschickt und da liegt er wahrscheinlich gut. Es zeigt sich wieder einmal, dass ein offenes persönliches Gespräch mit dem Manager am gewinnbringendsten ist. Die Supermarktkette SPAR spendet noch am selben Tag.

 

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Die Mainstream Foundation, ein Waisenhaus mit einer Einrichtung für Behinderte Kinder wird einmal wöchentlich besucht und ich habe mir das Anlegen von einem neuen Beet zur Aufgabe gemacht. Zudem fungiere ich als lebendes Klettergerüst.

Der Alltag ist durch die vielen unterschiedlichen Aufgabenfelder sehr abwechslungsreich. Ich finde jedoch,  das Wort Alltag besitzt einen trostlosen Beigeschmack. Es vermittelt ein Gefühl von Stagnation, dieses Gefühl ist mir jedoch fremd. Jeder Tag ist anders und auf seie Weise lehrreich. Klar braucht es Zeit bis der Wocheneinkauf klappt, ich meinen Garten als Projekt sehe oder ein Youth Club ins Leben gerufen wird.
In Nachhinein ist diese Entwicklung sehr interessant zu sehen. Der Fokus hat sich zunehmend schärfer gestellt und ich habe das Gefühl hier ein weiteres Zuhause gefunden zu haben. Es ist schön das sagen zu können und zu wissen, dass erst die Hälfte rum ist und noch sehr spannende Erlebnisse warten.

Am Ende noch ein Nachtrag. Nach dem Etosha Video folgt nun auch ein Kapstadt Video, grüße gehen raus an Philipp, den Cutter.

 

Arbeitstitel

Allgemein, Jasper | Ghana

Dienstag, 23. Januar 2018.

 

Worin besteht im Moment mein Lebensinhalt? Das Jahr im Ausland als lebensverändernde Erfahrung, zurückkommen als fertiger Mensch. Dann in Berlin die Kurve kriegen, keiner von diesen typischen FSJ-Gutmensch-Ökos werden und die Politikkarriere starten. Zurückkommen und einfach wissen, wer man ist, was man mal macht und dabei auch noch was Gutes getan haben.

Wenn ich jetzt mal reflektiere, wie meine Erwartungshaltung vor dem 8.9. 2017 aussah, muss ich einsehen, dass ich nicht auf dem Weg bin, auch nur annähernd eins dieser Ziele zu erfüllen. Das liegt natürlich an mir, zum Beispiel weil ich den Arsch nicht früh genug hochbekommen und mich um ein neues Projekt gekümmert habe, in dem man mehr „Gutes“ tun kann. Aber es liegt auch an den Erwartungen selbst und mit denen bin ich ja nicht mal alleine unter uns Freiwilligen. Was ist also so falsch an diesen Erwartungen?

 

Wenn man sie sich nochmal durchliest, erkennt man, dass sie an ihrer Perspektive kranken. Sie sehen das Jahr und alles, was in selbigem passiert nur in Relation zur Lebenswelt in dem Moment, in dem sie entstanden sind. Es geht gar nicht um das, was man konkret erlebt, sondern nur um die Konsequenzen der Erlebnisse für die Zeit, in der das „echte Leben“ – man könnte wohl auch sagen die Karriere – weitergeht. Es geht gar nicht ums Weggehen und schon gar nicht ums Wegsein, sondern nur ums Wiederkommen. Wer so erwartet, der geht eigentlich davon aus, Berlin (oder eine dieser anderen Städte) niemals zu verlassen. Wer so denkt, glaubt, man habe in Ghana (oder einem dieser anderen Länder) das gleich Bezugssystem wie zuhause. Der unterschätzt oder vergisst einfach den Perspektivenwechsel. Der vergisst, dass die Heimat und alle Karrierepläne nicht nur in räumliche Ferne rücken. Der unterschlägt die Gegenwärtigkeit des hier Erlebten.

 

Was soll das genau heißen? Ganz einfach: Wenn durch meine Nachbarschaft eine Herde Kühe getrieben wird, dann ist das zwar ein verrücktes Erlebnis, leider hilft mir das aber nicht unbedingt, eine Entscheidung bezüglich der Wahl meines Studiengangs zu treffen. Um solche Entscheidungen zu treffen, braucht es entweder eine gewisse Distanz, um sich einmal genau zu überlegen, was man machen will oder aber es braucht das eine Erlebnis und die unmittelbare Nähe. Eine Entscheidung als Produkt einer Emotion. Oder man macht einfach irgendwas.

 

Zumindest für mein Jahr in Ghana kann ich bis jetzt sagen, dass das ganz große, alles verändernde Erlebnis noch auf sich warten lässt. Aber es gibt viele Eindrücke, auch extreme, die auf mich einstürmen. An erster Stelle ist da sicherlich das Gespräch mit einem Straßenkind zu nennen: 17 Jahre alt, spricht kein Englisch (Amtssprache hier), 4. Klasse nicht geschafft (da war er 13), Freundin schwanger, schläft auf der Straße und wäscht in der Innenstadt Autoscheiben an roten Ampeln. Das ist dann sehr nah, so etwas aus erster Hand zu hören. So nah, dass man natürlich keine adäquaten Antworten auf das Erzählte findet. Weder für ihn noch für mich. In solchen Situationen fehlt mir auch noch Wochen nach der Begegnungen die Distanz, um das ganze so umzudeuten, dass es in meine eigene Lebensgeschichte passt. Was heißt das für mich, dass ich jetzt diese Geschichte gehört, aber in ihrer Tragweite sicher noch nicht verstanden habe. Welche Schlüsse muss ich daraus ziehen? Was muss ich mal machen, damit ich mithelfen kann, so etwas zu verhindern? Welches Studienfach muss ich jetzt wählen? Keine Ahnung.

 

Es ist mir unmöglich, mich jetzt in den nächsten Wochen festzulegen, was ich studieren oder gar mal arbeiten will (Bewerbungsfristen für einen Studienbeginn zum Wintersemester rücken ja näher). Vielleicht wird mir irgendwann in ferner Zukunft durch die zeitliche Distanz mal klar werden, welche Bedeutung diese Begegnung für mein Leben hatte, aber jetzt habe ich keine Ahnung. Aber vielleicht ist das gerade das Gute an diesem Jahr: Man muss es nicht im Zusammenhang mit einer linearen Karriere sehen (auch wenn das vor dem Jahr bestimmt die meisten mehr oder weniger offen getan haben) es funktioniert auch als in sich abgeschlossener Lebensabschnitt. Nicht ganz in sich abgeschlossen natürlich. Irgendeinen Einfluss wird das schon haben, aber für das Jahr an sich ist es nicht wichtig, zu wissen welchen. Ein Jahr lang darf einem – finde ich – Schule, Uni, Jobben egal sein. Es muss sogar sein, sonst war man nie richtig weg. Die Probleme im Jetzt sind gerade zu Recht wichtiger und das ist etwas, was man genießen sollte. Und wenn man abgefuckt ist von seiner Arbeit, dann darf man sich dran erinnern wie entspannt das Leben gerade ist. Nicht, weil alles einfach ist, sondern weil es das Jetzt ist, um das man sich kümmern muss und nicht das Morgen.

45. Minute – Unentschieden

Allgemein, Bruno | Südafrika

Ich gehe zum Kühlschrank, mache die Tür auf und schaue hinein. Leider hat sich auch nach dem dritten Mal nachschauen kein Erdbeerjoghurt hineingeschlichen. Ich klappe die Tür zu, schlürfe zurück  zu meinem Bett und überwinde mich. Es ist Zeit für den Halbjahresbericht. Ich versuche nun schon seit mehreren Wochen, den richtigen Ton für diesen Eintrag zu treffen.

Meiner Berlin Sehnsucht wirke ich entgegen, indem ich auf Facebook alle möglichen Open-air, Rave und Festival Seiten abonniere und mir vornehme zukünftig dabei zu sein. Doch trotz dem gelegentlich aufkommenden Berlin-Patriotismus, bin ich nun, nach sechs Monaten, endlich „wirklich“ in Südafrika angekommen. Ich habe die Sprachbarriere überwältigt, Freunde gefunden, mein eigenes Projekt aufgebaut und weis, was ich mir vom restlichen Teil des Jahres wünsche, aber auch was ich noch verändern möchte. Ich habe endlich das Zugeständnis, nicht mehr gefragt zu werden, ob ich mir denn auch selber einen Salat mache, (hätte ich mal wieder Lust auf einen Feldsalat – Mama, Papa, Henry:) meine Unterkunft sauber halte, aufräume, Sport mache und und und…

Endlich. Das regt mich zum hinterfragen an. Wenn ich an die sechs Monate denke, die nun hinter mir liegen, beschreibe ich sie als „geschafft“. „Geschafft“ klingt nicht besonders positiv. Geschafft bedeutet, es war nicht immer einfach. Es bedeutet, dass ich nicht, wie uns auf dem Vorbereitungsseminar prognostiziert wurde, nach circa drei Monaten über alle schwierigen Phasen hinweg war. Ich hatte mit meinem Projekt zu kämpfen, musste mich gegenüber Rassismus behaupten, mir ein Leben außerhalb der Arbeit aufbauen, saß zweimal fast auf der Straße, weil ich aus meinem Haus geschmissen wurde, musste die Einsamkeit des Dorflebens und die viele Zeit zum nachdenken und hinterfragen mit mir selbst vereinbaren und begegnete jede Woche neuen Herausforderungen, die ich bewältigen musste. Gelungen sind mir diese mal besser, mal schlechter. Peinliche Kommunikationsproblemen, am Boden zerstört am Straßenrand sitzen,  gar depressive Sprachnachrichten (sorry Leah für die erste:) und erschöpft ins Bett fallen. Dann wieder extreme Hochgefühle, Monate in denen die Zeit verfliegt und ich es kaum erwarten konnte aus dem Bett zu kommen.

Jeden Nachmittag schleppe ich mich schwitzend den Hügel hoch zu unser Unterkunft. Häufig halte ich auf halber Strecke inne, betrachte das Village von oben und weis, dass ich diese Momente schon in ein paar Monaten schmerzlich vermissen werde. Doch in Hamburg läuft vieles schief  (das Folgende ist mal wieder eine sehr objektive Angelegenheit). Bis auf ein paar Wenige, sind hier alle arbeitslos, leben in einem Village ohne Supermarkt, ohne Hoffnung auf einen Ausweg und trinken sich jeden Tag in eine andere Welt. Sehen die großen Ferienhäuser der ausnahmslos weißen Besitzer nur von Innen, wenn sie dort den Rasen mähen oder sauber machen. Das Keiskamma Health Project, das ursprünglich HIV Prävention betreiben sollte geht kaputt, weil sich die wenigen Mitwirkenden das Geld in die eigenen Taschen gesteckt haben. Meine fünfzehnjährige Schülerin ist schwanger. Was sagt das Gewissen, wenn ich schon aus Reflex weiter gehe, als mich ein Kind nach etwas Essen fragt? Wenn du in Hamburg geboren wirst, musst du schon ein Supertalent haben, um den Weg raus zu schaffen. Eine extreme Chancenungleichheit, obwohl ich so viele tolle Menschen kennengelernt habe, die eine Förderung ihrer Fähigkeiten und Talente verdient hätten. Rassismus ist jeden Tag spürbar. Du bist schwarz aber zulu, du bist xhosa aber coloured, du bist weiß, indisch, asiatisch…Es gibt fast unendlich viele Kombinationen und jede einzelne bildet eine eigene Community, die sich gegenseitig voreingenommen begegnet. Die Bevölkerung leidet aktiv unter den Folgen einer korrupten, egozentrischen Politik, die es nicht geschafft hat, die Strukturen der Apartheid zu zerschlagen und das Werk von Nelson Mandela fortzuführen. Trotzdem wird in meinem Umfeld erstaunlich wenig über Politik diskutiert. Für viele Schwarze ist es deshalb jetzt schon entschieden, welche Partei sie wählen werden. African National Congress. Nicht, weil sie das Parteiprogramm unterstützen oder mit der bisherigen Amtszeit von Jacob Zuma zufrieden wären. Sondern, weil die ANC die Mandela Partei ist. Die Freiheitspartei, die nach der Apartheid für die Rechte der schwarzen Bevölkerung eingetreten ist. Genau wie die liberale Oppositionspartei, die Democratic Alliance, von vornherein die Partei der weißen Bevölkerung ist und aus Prinzip von vielen Schwarzen nicht gewählt wird. Es stellt sich die Frage, bis zu welchem Grad Tradition positiv ist? Verhindert sie nicht irgendwann Innovation? Die Abberufung von Expräsident Zuma ist jedoch ein Schritt in die richtige Richtung!

Mein Statement nach sechs Monaten? Es waren die härtesten Monate meines Lebens, aber ganz bestimmt auch die spannendsten! Trotz der Probleme liebe ich dieses Land, das durch seine Bevölkerung so bunt wird, wie die flatternden Wäscheleinen im Village und ich merke, dass Südafrika schon jetzt eine zweite Heimat für mich geworden ist. Endlich dreht sich meine Zeitrechnung. Ab jetzt spreche ich von „nur noch“. Nur noch sechs Monate.

 

 

Wie erlebe ich viel in kurzer Zeit? Versuchs mit Reisen.

Allgemein, Julian | Namibia

Swakopmund ruft mal wieder und diesmal machen sich alle Rot Kreuz Freiwilligen auf den Weg, es steht ja Weihnachten vor der Tür. Um richtig in Weihnachtsstimmung zu kommen, besuchen wir am 22.Dezember ein Festival, bei dem wir an einem Volleyballtunier teilnehmen. Die perfekte Abkühlung zwischen den Spielen bietet das Meer mit Blick auf die Dünen. Angefeuert vom Team Namibia und den pulsierenden Bässen erzielen wir den 4. Platz.
Der 24. startet mit einem Tennistunier und die weihnachtliche Stimmung erreicht ihren Höhepunkt beim Döner Essen am Mittag.
Das Wichteln nachmittags füllt bei den Meisten den Shampoovorrat wieder auf und das Singen in der Kirche treibt manche zu gesanglichen Höchstleistungen.
Den Abend lassen wir mit einem typisch namibischen Braai ausklingen.
Ich denke genau diese Verbindung von typisch Namibia und zum Beispiel den deutschen Cafés ist, was Swakopmund zu einem besonderen Ort macht.

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Team Katima in traditionellen Gewändern

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Team Quäse

Kapstadt (243)

Es weihnachtet sehr

Der nächste besondere Ort befindet sich in Südafrika und heißt Kapstadt.
Appartements mit Pool, Möglichkeiten zum Kochen, fast alle Rot Kreuz Freiwilligen und Silvester vor der Tür. Famose Aussichten.
Seit Berlin wieder eine Milionenstadt zu sehen tut definitiv gut. Mit über drei Millionen Einwohnern hat Kapstadt mehr als ganz Namibia.

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Relikt von der WM 2010

Wir erkunden die Stadt per Fuß, Sightseeingbus und Quantum.
Das Stadtviertel Bo-Kaap, welches im 18. Jahrhundert von freigelassenen Sklaven erbaut wurde bietet uns einen historischen Einblick in die doch sehr moderne Großstadt. Bekannt ist das Viertel für die vielen bunten Häuser und Moscheen.

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Besuch aus Deuschland

Mit einem Sightseeingbus unternehmen wir eine Tour, die uns einmal um den Tafelberg führt. Ein Stopp im Botanischen Garten wird eingelegt und mir wird bewusst, wie nah sich Großstadt, Berg und Meer sind. Eine Kombination, die es nur in wenigen Städten der Welt gibt.

 

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Auf einer Brücke durch die Baumwipfel ist der Blick genial

 

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Eine Open Air Bühne, die zum Träumen anregt

Weiter geht die Fahrt im Bus, sodass der Tafelberg von allen Seiten abgelichtet werden kann. Die Diversität der Vegetation und das Relief während der Fahrt beglücken mich sehr. Zum einen 30 Meter hohe Bäume, Palmen oder Sträucher und zum Anderen das Meer, Täler und Berge.

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Eine andere Sightseeingtour führt uns an den südwestlichsten Punkt Afrikas, dem Kap der guten Hoffnung. Auf der Fahrt dorthin macht uns der Nebel über dem Meer bewusst, dass wir für Urlaub früh dran sind.

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mystisch

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Kapstadt (1910)

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Team Berlin, sind ja nur 9575km nach Hause

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Team Namibia

Auf dem Rückweg vom Kap der guten Hoffnung schauen wir noch in Simons Town vorbei.

 

 

Kapstadt (1998)

Kapstadt (1985)

Bild aus dem Reiseführer…?

Dann steht auch schon das neue Jahr vor der Tür.
Wie auch schon in Swakopmund zaubern Louis und ich, besser bekannt als Arne und Olli, für das Team diverse Gerichte.

 

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Silvesterdinner

Für einen gelungenen Einstieg ins Jahr 2018 gehen wir zur Waterfront und bekommen ein kurzes aber knackiges Feuerwerk über dem Meer. In der Longstreet, vergleichbar mit dem Ku’damm, bietet uns ein Club Gelegenheit die ersten Momente des Jahres zu genießen.

Der letzte Programmpunkt in Kapstadt ist die Besteigung des Tafelbergs. Eine Wanderung, die eine gute Stunde dauert fordert den Wasserhaushalt des Körpers heraus.

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umso schöner die Aussicht

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Es war ne starke Zeit, danke!

Diese schönen Erlebnisse in Kapstadt hätte ich auch sehr gerne mit einem bestimmten Ghanaer geteilt, doch man sollte die intrakontinentalen Flugpreise nicht unterschätzen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit dem Wiedervereinigungsexpress durch Vietnam

Leonie | Vietnam

Da ist diese Welt, die mir immer noch fremd und zugleich so vertraut ist. Sie wartet auf mich, sobald ich die Augen aufmache, und hüllt mich in ihre übliche tropische Wärme. Sie lächelt mich an und spricht dann mit mir in einer Sprache, die ich nicht verstehe.
Wenn Sprache Türen öffnet, dann ist meine verschlossen, mit ganz vielen, dicken Schlössern. Ich rüttle an ihr und glaube ab und an, einen Blick hinter sie werfen zu können, aber am Ende bleiben nur ich und meine Frustration zurück.
Der Sprachkurs, in dem ich mich zu Beginn eingeschrieben habe, zeigt mir nun zwei Mal die Woche, dass ich diese Sprache nicht kann. Vietnamesisch ist eine tonale Sprache: es ist nicht sechs Mal das gleiche Wort nur anders ausgesprochen, es ist für Vietnamesen ein ganz anderes Wort. Wie Tomate und Apfel. Wenn ich also (in nicht gerade sehr touristischen Orten) versuche, die Sätze zu wiederholen, die ich gelernt habe, werde ich in der Hälfte der Fälle nicht verstanden. Und das frustriert.

Die Luftverschmutzung in Saigon ist unerträglich. Ich ertappe mich immer öfter dabei, wie ich im Kopf zähle, wie lange ich die Luft anhalten kann. Ich bilde mir dann ein, das Atmen auf zu Hause verschieben zu können.
Dennoch atme ich unterwegs den Feinstaub, er legt sich auf meine Zunge und schmeckt nach einer Lunge, die plötzlich dazu verdammt ist, ein Jahr lang praktisch Kette zu rauchen. Und dann ist da noch der Lärm.
Es ist laut. So, so laut. Ja, eines nachts habe sogar versucht, mir Tampons ins Ohr zu stopfen, um schlafen zu können. (Funktioniert nicht sehr gut).

Saigon ist von diesem interkulturellen Experiment zu meinem Zuhause geworden, und ich merke, wie ich kleine Dinge nicht mehr einfach so verzeihe, sondern es mich aufregt, wenn mein Uber-Fahrer den mit Abstand größten Umweg fährt und ich ihn dann leiten muss, obwohl da vorne an seinem Armaturenbrett doch ein verdammtes Navigationsgerät hängt.

Ich habe diesen Text, in dem ich über Dinge schreibe, die mich stören,schon vor einiger Zeit geschrieben. Statt ihn hochzuladen, habe ich ihn vor der Außenwelt und mir selbst im Datenstrom meines Laptops versteckt. Warum eigentlich? Vielleicht ist da dieses Gefühl, diese selbsterlegte Pflicht, alles toller klingen zu lassen, als es ist. Bin ich verletzend, politisch unkorrekt oder arrogant, wenn ich anfange über Dinge zu jammern und Dinge zu kritisieren? Ich bin immer noch Gast in diesem Land, egal wie zu Hause ich mich hier schon von Anfang an gefühlt habe.

Fürs Protokoll: ich liebe Saigon. Sich aber in den Zug zu setzen und hinaus zu fahren, war wunderbar.
Zu viert machen wir uns auf die Reise, wir haben ein Schlafabteil in dem Wiedervereinigungsexpress, der uns vom Süden in den Norden bringt. Den ersten Stopp machen wir nach 24 Stunden Fahrtzeit, in denen Marvin und ich unser kulturweit-Projekt umsetzen.

Kulturweit -Projekt, das
Ein Projekt, das der/die Freiwillige in seinem Aufenthalt im Gastland umsetzt und protokolliert. Keine Pflicht, aber ausdrücklich erwünscht.

Am Ende unseres Projektes soll ein Bildband stehen. Wir wollen die Passagiere im Wiedervereinigungsexpress portraitieren und einen Gedanken, eine Meinung, eine kleine Anekdote rund um das Thema Wiedervereinigung von ihnen abdrucken. Im Vorfeld haben wir einen Info-Text, Fragebögen und ein Formular, dass wir die Rechte an den Fotografien haben dürfen, auf vietnamesisch übersetzen lassen. Auf der Suche nach interessanten Menschen stolpern wir durch die Abteile und bekommen mal mehr, mal weniger Antworten. Im Zug lerne ich viel über das Land. Je weiter wir in den Norden fahren, desto karger werden die Antworten. Wir verursachen einen Auflauf in einem Abteil, mittendrin wir zwei und eine Frau aus dem Norden, die leidenschaftlich erklärt, dass die Lobeshymnen auf die Wiedervereinigung Vietnams nicht nur Propaganda seien. Ein paar Mal werden wir von Schaffnern streng beäugt, ein paar Mal rutscht mir das Herz in die Hose, ein paar Mal wird uns unser Info-Text aus der Hand gerissen und zu Aufsehern gebracht, die ihn auf seinen Inhalt überprüfen, ehe wir weiter machen dürfen.

Szenen der Zugfahrt:

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Am nächsten Morgen. Sophia und Ich schauen aus dem Fenster, der Joghurt ist gefroren.

 

Erster Stopp: Dong Hoi
Von Dong Hoi aus fahren wir in den Nationalpark PhongNha. Wir haben das mit den Jahreszeiten im Norden Vietnams nicht bei der Reiseplanung bedacht und frieren. Wir quetschen uns zu viert in ein Bett um etwas Wärme abzubekommen. Die Haushälterin in unserem Homestay kommt einmal völlig betrunken in unser Zimmer und unter viel Gelächter bezieht sie unsere Bettdecke, während wir unter ihr liegen.
Wir mieten uns zwei Mopeds und fahren abwechselnd durch den Nationalpark. Völlig verzückt von diesen Dingen geben wir unseren Mopeds Namen.

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Paula und ich spielen Sommer nach.

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Tatsächlich befriedigt so ein Moped beim Aufdrehen des Motors einen ganz tief sitzenden, primitiven Instinkt.

Die Rebellion und ich sind jetzt per du:

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„Danger – No Entry“

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„Do not climb the waterfall“

WASSER


Zweiter Stopp: Hanoi

In der Hauptstadt Vietnams angekommen finden wir uns in einem kleinen, stinkendenHostel-Zimmer wieder. Der Typ oben rechts neben mir schnarcht. Das weiß ich, weil ich nicht geschlafen habe. Wir haben uns im billigsten Hostel Hanois einquartiert, um unsere Nacht auf dem Boot in der Halong-Bucht auszugleichen, die unsere Kontostände dezent ruiniert hat.
Am Morgen besuchen wir das Mausoleum von Ho Chi Minh. Wir laufen in Zweierreihen über das große Gelände, links und rechts kann der aufgeregte Tourist in strenge Gesichter in Uniform blicken. Handys werden einem abgenommen, sobald jemand aus der Reihe schreitet, wird er lautstark dazu aufgefordert, sich sofort wieder einzureihen – das perfekte Timing also für Nasenbluten und einen Lachflash. Kurz bevor wir endlich in das Mausoleum eintreten können, tritt mein altbekannter Freund, das Nasenbluten auf. Hektisch kramen wir alle nach einem Taschentuch, Marvin bietet mir sogar seine Jacke an, bevor sich doch noch ein letztes Tuch finden lässt, das ich mir unauffällig an die Nase zu pressen versuche. Marvin erzählt dann noch eine Geschichte, wie er einmal auf dem Weg zu seinem Praktikum im Bundestag, in Anzughose und Hemd, im Bus plötzlich starkes Nasenbluten bekommt und er sich nicht zu helfen weiß, sodass er schließlich kurzerhand seinen Schuh auszieht und sich seine Socke in die Nase stopft. Es ist um mich geschehen, ich versuche vergebens mein Lachen zu unterdrücken und wir taumeln neben dem toten Ho Chi Minh mit angestrengten Gesichtern und Händen vor den Mündern vorbei.

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Im Literaturtempel

Dritter Stopp: Halong-Bucht
Wir schlafen auf dem Deck unter den Sternen ein, die ich in Saigon nicht sehen kann und schon fast vergessen habe.

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Vierter Stopp: Da Nang
Es ist Weihnachten. Durch das Loch in dem Tisch vor mir kann ich den Schuh des Polizisten mir Gegenüber sehen. Ich schaue auf und sehe in zwei Gesichter der Polizeibeamten, die nicht verstehen, was wir von Ihnen wollen. Marvin wurde bestohlen und wir verbringen Weihnachten auf dem Polizeirevier, um für die Versicherung eine Anzeige aufzugeben. Das kleine Drama hat drei Akte.
Nach dem ersten Treffen und ein paar Stunden Lebenszeit heißt es: morgen wiederkommen.
Nach dem zweiten Treffen denken wir: die warten darauf, bestochen zu werden.
Nach dem dritten Treffen: Marvin kann seine Anzeige aufgeben.

Bevor der Abend zu Ende geht, wird die Weihnachtsstimmung mit Wein aufgefüllt, wir fahren noch schnell in ein indisches Restaurant und bestellen die Speisekarte hoch und runter. Die Kellnerin sagt: „I’m afraid the table is not big enough“ und wir müssen uns umsetzen. Sophia und ich laufen eine Stunde am Meer entlang und reimen.

Der Tropensturm hat unser Airbnb auf dem Gewissen:

Fünfter Stopp: Hue
Wir fahren zu dem Restaurant Madame Thu und sind im kulinarischen Himmel. Die Kaiserstadt ist Begleiterscheinung.

Die Orgie in Hue hat einen Namen: Madame Thu. Dies ist nicht Madame Thu, steht aber stellvertretend für jeden foodporn, der mir hier in Vietnam schon unter die Augen gekommen ist.
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Sechster Stopp: Hoi An
Hoi An ist eines dieser Städtchen, die vollkommen auf Tourismus ausgerichtet sind, aber dennoch wunderschön. Beinahe so, als wolle es einem mit aller Macht zeigen, dass man hier mit den Menschen sein sollte, die man liebt. Als keiner hinguckt, strecke ich den Laternen heimlich die Zunge raus.

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Markierungen an der Wand vom Wasserstand der Überschwemmungen. Die dritte von oben ist drei Wochen bevor wir da waren entstanden.

Wieder in Saigon
Ganz einfach: Bevor du dich einsam fühlst, importiere einfach Menschen!
In Saigon wartet in meinem Hausflur nicht nur ein kitschig blinkender Weihnachtsbaum, sondern auch Maia.

 

100

Allgemein, Jasper | Ghana

Mehr als 100 Tage bin ich jetzt in Ghana – beinahe ein Drittel meiner Zeit hier ist schon rum. Ich habe Ferien, Weihnachten ist nur noch ein paar Tage entfernt und das Jahr neigt sich dem Ende. Zeit für ein erstes Fazit. Wo fängt man da am besten an? Beim Essen. Das ist schonmal richtig gut und ich weiß, dass ich es in Berlin vermissen werde. Damit wäre das wichtigste geklärt. Davon abgesehen gibt es diese Momente, in denen mich alles ankotzt: Die Arbeit mit den eigentlich coolen Kollegen und reichen Kindern, die zwar Sicherheit, Routine und daher eigentlich Sorgenfreiheit offeriert, auf der anderen Seite aber auch der Bezeichnung „soziales Projekt“ kaum gerecht wird, da sie ja im Grunde ein Unternehmen und keine NGO ist, Gewinn erwirtschaftet und mir fast all meine Zeit raubt. Das stürzt einen in eine Existenzkrise: „Wozu bin ich hier eigentlich gut?“ Aber nicht nur die Arbeit auch diese Stadt; Accra das Moloch. Während ich schreibe, sitze ich mal wieder im Trotro und genieße seit 1 1/2 Stunden Stop and Go – mit der Aussicht auf noch mindestens eine weitere Stunde – bin eingeklemmt auf meinem Sitz zwischen zwei dicken Frauen „im besten Alter“, die ich leise auf Deutsch murmelnd leidentschaftlich für ihre Körperfülle und ihre Frechheit, sich dann ausgerechnet  neben mich zu setzen, verfluche. Ich schwitze, wie meine Nachbarinnen auch, atme die von Abgasen, Staub, Hitze und Feuchtigkeit schwere Luft. Diese Stadt ohne Grünflächen, mit wenigen schönen Häusern, die lieber mit Straßen punktet, die sich in zwei Kategorien einteilen lassen: Leer dafür nicht asphaltiert, staubig, nach Regen teilweise kaum passierbar und ein Albtraum für die Federung eines jeden Fahrzeugs oder mit schönem Straßenbelag, dafür zu den Stoßzeiten (in manchen Fällen auch einfach immer) verstopft. Der Müll in den offenen Rain Gutters, die in der Hitze fröhlich vor sich hin stinken. Der brennende Plastikmüll und die Schwaden puren Krebs, die man als dessen Produkt einatmet. Die aufdringlichen Verkäufer in Madina, der Sexismus, die arbeitenden Kinder, die Religion! Und zu guter letzt diese merkwürdige Einstellung zur afrikanischen (Entwicklungs-) Politik, die mir schon mehrmals in Gesprächen begegnet ist, die Verschwendung und Korruption als „afrikanische Mentalität“ bezeichnet und afrikanischen Polit-Eliten die Fähigkeit abspricht, für nachhaltige Entwicklung zu sorgen. Das klingt nach einem selbstzerstörerischen, umgekehrten Rassismus, nach einer Art panafrikanischem Selbsthass. Sicher, das sind starke Worte und natürlich darf man das so nicht pauschalisieren, aber solche oder ähnliche Denkmuster begegnen mir immer wieder in Gesprächen sei es mit Kollegen, der Familie oder mit Leuten, die ich auf der Straße treffe. Das heißt also nicht Ghanaer hassen Afrika, sondern zeigt (post-)kolonial-rassistische Denkmuster der Europäer spielen auch hier eine fatale Rolle (das AFS-Vorbereitungsseminar lässt grüßen). Das manifestiert sich auch in Leuten, die rufen: „Ey Obruni!(=Weißer/Nicht-Afrikaner)“, einen dann scherzhaft nach Geld fragen oder dein „Freund“ werden wollen oder einem eine andersartige Sonderbehandlung zu kommen lassen, weil man weiß ist. Bei Kindern ist das noch irgendwie verständlich, weil man ja so offensichtlich anders ist. Bei Erwachsenen hingegen ist jede Form der (positiven) Sonderbehandlung, die über Gastfreundschaft hinaus geht, ziemlich unangebracht und im Grunde nur sehr, sehr traurig. Eine solche Aufwertung eines Weißen ist ja auch immer irgendwie eine Abwertung eines Ghanaers. Dabei gibt es herausragende politische Persönlichkeiten auch in der ghanaischen Geschichte. Als offensichtlichstes Beispiel ist hier natürlich Kwame Nkrumah zu nennen, der Ghana 1957 als erste afrikanische Kolonie in die Unabhängigkeit führte. Im Kwame Nkrumah Memorial Park bekommt man einen kleinen Einblick in seine politischen Überzeugungen. Offensichtlich anti-kolonialistische Einstellung, vom Panafrikanismus beseelt und scheinbar mit Hang zum Sozialismus. Nicht zu vergessen Ex-UN-Generalsekretär Kofi Annan. Eigentlich der Beweis, dass Ghana große Politiker hervorbringen kann. Trotzdem überwiegt bei vielen, die ich bis jetzt gesprochen habe, die Frustration über Korruption und nicht eine politische Aufbruchsstimmung. Aber die ghanaische Demokratie ist noch jung. Das kommt noch. Bestimmt.
Das klingt so, als hätte ich ein richtig beschissenes Jahr. Doch jetzt kommt natürlich das große Aber. Neulich habe ich seit langem mal wieder „Schwarz zu blau“ gehört. Ich rede hier viel über Berlin. Wenn ich an Heimat denke, denke ich an Berlin – nicht so sehr an Deutschland. Hier im Ausland bildet sich eine ganz merkwürdige Heimatverbundenheit heraus. Ich will, dass die Leute, die ich treffe, wissen, wo ich herkomme und wie cool es da ist. In Berlin war ich längst nicht so ein Berlin-Enthusiast wie ich es hier geworden bin. Als Enthusiast neigt man dazu, die Wahrheit ein bisschen zu beschönigen. Das wurde mir klar als ich diesen Song wieder gehört habe. Und mir wurde klar, dass man Berlin nicht liebt, weil es so schön. Man liebt es (auch) für seine Hässlichkeit. Man liebt Steglitz/Friedenau dafür, dass es so langweilig ist in einer krassen Stadt. Man liebt sogar Spandau dafür, dass es so am Arsch der Welt ist. Nun ist Accra Berlin in Sachen Hässlichkeit noch um einiges voraus. Aber es ist lebendig, immer in Bewegung, immer laut. Es ist divers: Shopping Malls und Märkte, auf denen der Fisch in der Äquatorsonne stinkt. Wenn ich also aus dem Trotro steige, von der belebten Hauptstraße auf die ruhigen und staubigen Rough Roads einbiege, ahne ich, dass am Ende dieses Jahres Accra eine weitere Heimat sein wird. Accra ist vielleicht kein optimales Urlaubsziel, aber ich mache ja auch keinen Urlaub. Ich arbeite hier. Ich lebe hier. Ich habe hier das spannendste Jahr meines Lebens, das meine Blickwinkel ändert auf Geschichte,  Politik, Umweltschutz, Religion und auf so ziemlich alles andere auch. Zum Glück besteht mein Dasein hier aber nicht nur aus Accra, denn Accra ist noch viel weniger Ghana als Berlin Deutschland ist. So langsam lerne ich auch den Rest Ghanas kennen und klappere die Küste ab. Ich schreibe diese letzten Zeilen am Strand von Cape Coast, einem touristischen Highlight Ghanas, in einer Hängematte am Strand unter Palmen. Die Hängematte schaukelt im Takt der großen Atlantikbrecher. Cape Coast ist ganz anders als Accra. Die Straßen sind gut, die Gebäude mehrstöckig und schon älter. Es gibt eine alte Burg, ein Fort und alte Kirchen. Insgesamt ist Cape Coast, das noch einen schönen Strand zu bieten hat, ein beschauliches Städtchen. Gestern war ich im St. George’s Castle in Elmina (der nachbarstadt), dem ältesten europäischen Bauwerk südlich der Sahara (erbaut 1482), und in der Burg in Cape Coast. Diese eindrucksvollen und merkwürdig verschiedenen Bauwerke spielten Schlüsselrollen im transatlantischen Sklavenhandel und vereinen auf faszinierende und verstörende Weise die Schönheit der Landschaft und der Architektur und die Grausamkeit der Briten, Dänen, Niederländer und Portugiesen, die in diesen Burgen lebten, und ihrer Taten. Beide Besuche waren wirklich bewegend. Der heutige Tag konnte den gestrigen aber noch übertreffen. Noch vor acht (kurz mal aus der African Time ausgebrochen) waren wir am Kakum Nationalpark. In einer kleinen Gruppe konnten wir deshalb als erste heute die größte Tourismusattraktion des Landes erleben. Den Kanopy Walkway. Auf gut 40m Höhe läuft man über 300m auf schwingenden Hängebrücken zwischen den Wipfeln der Regenwaldriesen. Unvergesslich dieser Blick. Die anschließende einstündige Führung durch den Regenwald – wir zwei Berliner sind allein mit einem Guide (2+1=3 quick maths) unterwegs – steht dem Kanopy Walkway allerdings in nichts nach. Als wir aus dem Regenwald zum Besuchercenter zurückkehren lärmen gerade die ersten Touristengruppen zwischen den Baumwipfeln. Schwer vorstellbar, dass diese Leute ein ähnlich intensives Erlebnis haben werden wie wir. Was ist also das Résumé am Ende des alten und am Anfang des neuen Jahres? Es gibt einiges, was ich verändern kann und muss, um dieses Jahr noch sinnvoller und intensiver zu machen aber vieles ist einfach nur gut so wie es ist. Ich bin hier am richtigen Ort. Ach ja und an Julian, Leah, Bruno und all die anderen, die da waren: Niemand braucht Cape Town, wenn man Cape Coast haben kann.

 

 

Get ready with me

Paula | Paraguay

Es ist halb 7 und mein Wecker klingelt. Ich drücke auf “schlummern” und schlafe weiter. Fünf Minuten später werde ich erneut von Simple Plan und Sean Paul geweckt, die ironischerweise vom “Summer Paradies” singen. Ich hasse dieses Lied. “Was für ein Paradies”, frage ich mich und bemitleide mich selbst und mein hartes Leben. Nachdem es jetzt bereits fast 7 ist, schäle ich mich aus dem Bett. Die Nacht habe ich sogar fast durchgeschlafen. Nur durch das ständige Wassertrinken renne ich 1 bis 4 mal in der Nacht auf die Toilette. Nachdem ich es aus der Dusche und in meine Klamotten geschafft habe (seitdem ich hier bin verfluche ich meinen “all-black-everything” Kleiderschrank), trinke und esse ich schnell etwas und stelle erschreckt fest, dass ich schon wieder viel zu spät bin. Mein zweiter Gedanke ist dann: der Bus kommt eh nicht, also ist es auch egal wann ich losgehe. Ich weiß ganz falsche Herangehensweise, dadurch komme ich auch jeden Tag mindestens 15 bis 30 Minuten zu spät, aber man muss sich ja auch anpassen. Trotzdem verlangsame ich meine Schritte, als ich das Haus verlasse und schlender eher zur “Bushaltestelle” ( aka ich stelle mich an den Straßenrand, wo immer ich auch will ). Heute habe ich mal richtig Glück und nach ein kurzen und knackigen Wartezeit von nur 40 Minuten, entdecke ich meinen Bus. Uhrzeitupdate: 8:02 Uhr. Meine Arbeit beginnt um 8 Uhr. Eigentlich. Im Mercardo in San Lorenzo ist heute nicht so viel los, daher bin ich fast pünktlich um 8:26 Uhr in der Guardería. Ich werde freundlich von meinen Arbeitskolleginnen begrüßt, mit einem herzlichen “Hola Tia Paula!” von den Nonnen willkommen geheißen und durch Schreien, Rennen und An-mich-ranhängen von den Kindern empfangen. Ab jetzt beginnt mein Tag. Ich bastel, tröste, renne, putze, male, schimpfe, lache, frage mich warum ich das alles freiwillig mache, singe Kinder in den Schlaf, tanze, atme durch, verfluche die Hitze, halte inne und bin dankbar wie noch nie für eine Klimaanlage, bete, singe, stelle meiner Kleiderauswahl in Frage: “Was hab ich mir dabei gedacht diese lange schwarze Hose anzuziehen?”, lobe und bin einfach da für jeden, der mich braucht. Nach offiziellen 8 Stunden bin ich fertig. Mit den Nerven und auch sonst. Ich verabschiede mich von allen und freu mich schon auf den Heimweg. Ich öffne die Tür und blinzeln in die glühend brennende Mittagssonne. “Toll”, denke ich, “Hautkrebsprävention wird ja sowieso überbewertet”. Irgendwie schaffe ich es dann nach Hause. Nach einer erneuten unendlich lange Wartezeit, dem Leiden im Bus, der einfach auch gerne mal 10 Minuten in der fast im Zenit stehenden Sonne verweilt und der Freude den 50 Grad heißen Bus zu verlassen und in der 37 Grad heißen Umgebung abzukühlen. Auch zu Hause werde ich stürmisch begrüßt. 6 Hunde. Und eine glücklich flötende Gastmama “Hola Señorita, qué tal?”. Erschöpft lasse ich mich auf den Stuhl fallen. Die 20 Kinder in meiner Gruppe, die Hitze und die lange Wartezeit haben diesen Zustand kreiert. Ich unterhalte mich noch mit meiner Gastmama, die sich ein weiteres Mal darüber amüsiert, dass ich 37 Grad als Hitze bezeichne und belehrt mich, dass der Sommer noch kommt. Ick freu mich. Noch mehr freue ich mich über die kalte Dusche und mein Bett. Wenigstens für eine halbe Stunde…

Mama und Papa, das ist euer Weihnachtsgeschenk 2017 ich hoffe es gefällt euch, frohe Weihnachten!

Kirche

Allgemein, Leah | Südafrika

Sonntag, kurz nach neun Uhr morgens- an vielen Orten auf der Welt machen sich um diese Zeit wahrscheinlich viele Menschen auf den Weg in die Kirche.                                  An einem Sonntag Ende im November hetzten auch Kira und ich, nach ewigem Hin und Her, was wir denn nun anziehen dürfen( nur Rock ist erlaubt, am besten lang, Schultern bedeckt, Kopfbedeckung-ja oder nein?), zur Kirche. Wir rennen die zehn Minuten Fußweg ins Township, wo wir uns mit Noni treffen wollen, weil wir eigentlich schon ein bisschen spät waren. Dort warten wir dann aber erstmal noch ein bisschen, bis sie noch ihren Schlafanzug tragend kommt und wir dann bei ihr zu Hause noch warten, bis sie sich ihre Uniform für die Kirche angezogen hat. African Time eben.

Heute ist ein besonderer Tag. Noni und ein paar andere Frauen werden in einer Zeremonie in den engeren Kreis der Kirche eingeweiht, weshalb alle ihre traditionellen Uniformen tragen müssen. Wir laufen dann nocheinmal ungefähr zehn Minuten bis zu der Hütte, wo die Kirche ist. So weit drinnen im Township war ich vorher auch noch nie. In dem Moment, als wir durch die Tür treten, wird uns klar, dass wir die „gemütliche“ passive Zuschauerrolle von Anfang an abschreiben können.                                                    In dem Raum befinden sich schon ein paar Frauen (die Männer ziehen erst ein, wenn alle Frauen schon sitzen) und von jeder werden wir einzeln begrüßt. Wir dürfen uns hinten auf Bänke sitzen, denn die Stühle davor sind nur für die Frauen, die schon so eine Zeremonie hatten und die Männer sitzen noch mal weiter vorne und seitlich. Aber gesessen wird während des viereinhalbstündigen Gottesdienstes eh sehr wenig.

Mindestens alle vier Sätze fängt irgendjemand an, bestimmte Melodien oder Worte zu singen und dann stimmen alle ein und fangen an zu tanzen. Ungefähr jedes zweite Mal, wenn das passiert, kommen dann alle vorne in der Mitte zusammen und es werden bestimmte Tanzschritte im Kreis ausgeführt(Langsam wundert es mich auch nicht mehr, wie die angekündigte Länge des Gottesdienstes zu Stande kommt) Zu jedem Lied hauen alle im Rhythmus auf ein Kissen aus Leder. Noch während des ersten Liedes bekommen Kira und ich solch ein Kissen in die Hand gedrückt und uns wird symbolisiert, dass wir mit nach vorne in den Kreis kommen sollten. Nach anfänglicher Überforderung- der Gottesdienst wird in Xhosa abgehalten, sodass wir außer ein paar Übersetzungen von Noni und meiner Sitznachbarin so gut wie nichts verstehen- haben wir nach den vier Stunden das ständige Aufstehen, das Klatschen, die Tanzschritte im Kreis und einige Melodien und Xhosa-Lieder ganz gut drauf.

Dieser Ablauf wird unterbrochen, als alle anfangen zu beten. Ich kannte bis jetzt Beten so, dass jeder leise und für sich ist, weshalb ich mich kurz erschrecke, als alle anfangen zu schreien, zu flehen und einige sich so in Rage reden, dass sie anfangen, zu weinen und zu zittern. Und genau das gleich beobachte ich auch bei Noni, als sie nach vorne gehen darf, um die Predigt zu halten.

Auch wird mir wird erst klar, wie besonders es für viele ist, dass wir da sind, als exrta nur für uns beide gebetet und ein Englisches Lied gesungen wird. Erst nach dem Gottesdienst wird mir erzählt, während wir mit Pfarrer und den Kirchenältesten fotografiert werden und gefragt werden, wann wir denn das nächste Mal kommen würden, dass wir die ersten Weißen sind, die dort waren.

Nach den viereinhalb Stunden Gottesdienst und einem gemeinsamen Mittagessen in der Kirche, laufen Kira und ich dann völlig erschöpft und überwältigt von dem Vormittag und auch von der Dankbarkeit und Gastfreundschaft, die uns entgegengebracht wurde, wieder nach Hause.