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Allgemein, Bruno | Südafrika

Manchmal esse ich Spagetti Bolognese zum Frühstück und Müsli zum Abendessen. Manchmal lasse ich das Frühstück komplett aus und mache mir abends so eine große Portion Reis mit Chakalaka, dass ich drei Tage davon esse. Manchmal sind eine Flasche Wein und Karotten das Einzige, was meinen Kühlschrank leer aussehen lässt. Das ultimative Gefühl der Freiheit. Manchmal freue ich mich auf Berlin, manchmal nicht. Manchmal habe ich eine genaue Vorstellung von den kommenden Monaten, manchmal überhaupt nicht. Manchmal fühlt sich das gut an, manchmal nicht. Woran merkt man, das die Zeit begonnen hat zu rennen und wann, dass man erwachsen ist?

Noch eine letzte Woche ist mir in dem Land geblieben, dass das große Fragezeichen hinter Afrika mit einem Ausrufezeichen ersetzt hat. Nach einem halben Jahr, mitten in den größten Herausforderungen, kamen mir weitere sechs Monate unglaublich lange vor. Doch irgendwann ging die Zeit so schnell vorbei, dass ich mich frage, wer hat an der Uhr gedreht?! Ich komme zu dem Schluss, dass es die guten Zeiten waren. Nach unglaublichen Reisen und tollen Begegnungen verging die zweite Hälfte, wie im Flug und jetzt bin ich hier. Unter einem Sternenhimmel, der, wenn ich irgendwann wieder komme, immer noch genauso unglaublich aussehen wird. Bloß, dass es nie wieder das selbe Gesicht sein wird, dass da wehmütig in die Sterne guckt. 

Dies ist, wenn mich nicht Alles tauscht, mein letzter Blogeintrag. Auch wenn es kitschig klingt, möchte ich mich bedanken. Egal. Also, danke BMZ für deine fleißige finanzielle Unterstützung. Danke Deutschland für deinen Reisepass und Berlin dafür, dass du nicht in der Nähe von …, im Umland von…, in dem und dem Bundesland liegst, sondern die coolste Stadt Deutschlands bist. Danke an alle Leser/innen, Spender/innen, Paten/innen, Freunde, Seelenverwandte und offene Ohren. Danke Mama, Papa, Family für eure ungebrochene Unterstützung, euer Vertrauen und die schlaflosen Nächte.

Orte ziehen vorbei, wie im Zug. 2017. Drei Uhr morgens mit dem Fahrrad nach Hause. Eine kleine Gasse um Mitternacht, irgendwo in Spanien. Ein verkiffter Schulabbrecher weiß den Weg und wir rennen im strömenden Regen nach Hause. Im leeren Hausflur stehen. Im Hintergrund dreht sich der Plattenspieler in Endlosschleife, bis die Vinyl plötzlich einen Kratzer hat. Bevor ich gehe, lege ich eine neue Platte auf.

Ein paar Stunden später sitze ich im Flugzeug, ohne den leisesten Schimmer, was mich erwartet.

Dreihundertfünfundsechzig Tage. Schwer zu beschreiben. Irgendetwas zwischen Tränen und Ekstase, Liebe und Hass, Kapstadt und Durban, schwarz und weiß. Ein Jahr, dass mir vorkommt, wie ein ganzes Leben und mich bestimmt für immer begleiten wird. Ich habe alles geschafft, alle Herausforderungen gemeistert und alles getan, was ich tuen wollte. Sogar noch Vieles mehr. So gesehen war dieses Jahr nicht nur besonders gut, sondern golden.

In ein paar Stunden werde ich im Flugzeug sitzen, ohne den leisesten Schimmer, was mich erwartet. Doch ich habe herausgefunden, dass so immer die besten Geschichten anfangen.

Wasser marsch!!

Allgemein, Julian | Namibia

Der Freiwilligendienst neigt sich mit bahnbrechender Geschwindigkeit dem Ende zu. Das bedeutet persönlich, wie auch arbeitstechnisch einen Abschluss finden.
Mit dem Kids Club besuchen wir die Feuerwehr Station. Dort angekommen erwarten uns die Feuerwehrmänner und geben uns Einblick in ihre Arbeitswelt.
Wir lernen die verschiedenen Fahrzeuge, die Ausrüstung und das Werkzeug der Arbeiter kennen.

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Modernes Gerät

Mit diesem Cutter werden eingeschlossene Menschen aus ihrem Auto befreit. Um die Schneidekraft zu maximieren, wird er mit einem Generator betrieben.

 

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Interessierte Schüler

Die Feuerwehrmänner geben sich große Mühe alle Fragen zu beantworten und verständlich zu erlären. Die Arbeitskleidung darf sogar anprobiert werden.

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Eric, ein möglicher zukünftiger Feuerwehrmann?

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Jeder durfte mal spritzen

Der Besuch hat sich sehr gelohnt und war eine gelungene Abwechslung. Wir haben alle viel gelernt und sind den Feuerwehrmännern dankbar für die Möglichkeit.

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Glücklicher Kids Club

Des einen Abschied ist der Anderen Anfang, so haben wir den Kindern ein Foto von unseren Nachfreiwilligen gezeigt, die den Kids Club weiterführen werden.

 

 

Obst magst oder nicht

Allgemein, Julian | Namibia

Es ist kalt in Katima: Nachts um die 10 Grad und tagsüber um die 20.

Ein ziemlicher Temperaturabbruch im Vergleich zu dem Rest des Jahres. Umso wichtiger ist es, sich vor Erkältungen zu schützen. Aus der Kindheit ist mir der Satz:“ Kind iss doch mal ein paar Vitamine“ noch sehr präsent.
Nun bringen wir den Kindern der Mainstream Foundation einmal die Woche ein paar Kilo Orangen, Mandarinen, Äpfel und Bananen mit.

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Vitamin A,B,C,K und vieles mehr

Die Kinder freuen sich über die Abwechslung und den energiereichen Snack zwischen den Unterrichtsstunden.

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Einer nach dem Anderen

Es ist sehr bedauernswert, dass vom Office keinerlei Unterstützung zu erwarten ist. Sei es in finanzieller oder logistischer Hinsicht. Im Gegenteil, es kommt eher das Gefühl auf Gegenwind zu bekommen. Auch eine konstruktive Zusammenarbeit mit unseren Kollegen ist nicht möglich, da es in Punkten Kommunikation, Verlässlichkeit und Ambition zu große Differenzen gibt. Ich bin umso dankbarer, dass Lena und ich ein gutes Team sind und wir jeden Tag einen weiteren Schritt in unseren Projekten gehen.
Wir ziehen unseren eigenen Stiefel durch, wenn man es so will.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Keine Brunnen sondern Öfen bauen

Allgemein, Julian | Namibia

Der Rocket Lorena Stove-eine aus Uganda stammende Idee.

Das Kochen über offenem Feuer steht im Norden Namibias auf der Tagesordnung. Besonders in ländlichen Gegenden dienen drei Steine als Herdplatte. Diese jahrtausendalte Tradition des Kochens bietet den Vorteil der Einfachheit, jedoch mangelt es an Wärmeeffizienz.

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Mit dem Konzept des Rocket Lorena Stoves soll die Hitze des Feuers besser genutzt werden. Das Schwarz-Weiß Bild schön und gut, aber wie lässt sich das in der Realität umsetzen?

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Bob der Baumeister

Der Boden besteht oft aus Sand, weswegen ein stabiles Fundament aus Lehm unumgänglich ist. Der Sand der Zambeziufer bietet eine ideale und kostenfreie Alternative zu fertig gemischtem Zement.

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Platzhalter

Bei dem Aufziehen der Mauern muss auf zwei Einsparungen geachtet werden durch die später das Feuerholz, bzw. der Wind eindringen sollen. Die Platzhalter bestehen aus Reet und einer umwickelten Plastik Folie.

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Für das Innenleben des Herdes wird der Lehm mit Dünger vermischt. Dies erhöht die Hitzebeständigkeit, da der Dünger mit der Zeit verbrennt und Hohlräume bleiben.

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Soweto, ein unverzichtbarer Helfer

Für die Herdplatten wird Lehm entfernt, sodass ein Topf durch das Feuer direkt beheizt wird und ein Topf indirekt durch den heißen Rauch.

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Mit der Hilfe des Simbabwischen Roten Kreuzes eine machbare Aufgabe

Die Stabilität des Schornsteins wird durch das Einarbeiten von Stroh erhöht, da dieses verbrennt und kleine Hohlraume bleiben und sich somit das Gewicht verringert. Der Rauch wird durch den Schornstein kontrolliert abgegeben, sodass kaum Rauch beim Kochen eingeatmet wird.

 

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glückliche Besitzer eines neuen Herdes

Die freie Fläche neben dem Schornstein dient zum Vorbereiten von Zutaten, sodass das Essen vor Kleintieren geschützt ist.
Kurzum läuft das Projekt unter dem Schirm der Verlangsamung des Klimawandels.
Mitarbeiter des Simbabwischen Roten Kreuzes haben als Projektleiter fungiert und Namibier zu Experten ausgebildet. Diese internationale Zusammenarbeit schätze ich sehr und sehe darin ein großes Vorbild.
Jeder Ofen ist besonders, weil mit der natürlichen Vegetation eines jeden Dorfes gearbeitet wird. Es muss kein Geld ausgegeben werden und die Idee des Herdes soll in die entlegendsten Dörfer gelangen.

Back on Block

Allgemein, Bruno | Südafrika

Obwohl das Zurückkommen ein fester Bestandteil des Auslandsjahrs ist, habe ich nie so richtig darüber nachgedacht. Bis jetzt war das Zurückkehren in meinem Kopf immer eine Art Ziel, als wäre damit alles geschafft. All die Herausforderungen gemeistert und zurück in die Sicherheit des Elternhauses, dem strukturierten Alltag. Dabei wird mir bewusst, dass die wirklichen Herausforderungen in Berlin erst auf mich warten. Südafrika ist wie eine Pause aus dem echten Leben. Ein Jahr lang raus. Aus den Problemen der Familie, der Freunde. Ein Jahr lang ohne die über allem stehende Frage, wie wird es weiter gehen? Was studiere ich, was will ich, wie werde ich glücklich und bleibe dabei meinen in Windeseile wechselnden Überzeugungen treu. Ich will noch so viel machen, sehen, erledigen, hören doch der Leistungsdruck unserer Gesellschaft, die nach dem Einfamilienhaus im Grünen, Sohn, Tochter und Jack Russel strebt, erinnert mich immer wieder daran, dass ich neunzehn bin, wenn ich wiederkomme. Das ich dann noch schneller zwanzig sein werde und mit einundzwanzig manche schon ihren Master haben. Seit wann hat ein Achtzehnjähriger schon das Gefühl, ihm würde die Zeit davon laufen? Nachdem 3/4 des Jahres vorrüber sind versuche ich mir vorzustellen, wie es wohl wirklich wird, in Berlin anzukommen. Auch wenn sich Südafrika echt anfühlt, ist es letztendlich doch egal, ob ich auf der Arbeit etwas erreiche, keine Scheiße baue, mich weiterbilde oder an die Zukunft denke. Denn hier vergisst man schnell, dass es schon bald wieder etwas anderes geben wird, als Montag im Staub der Gravelroad, mit den Kids auf der Ladefläche, zu den Grundschulen zu fahren. Sich am Wochenende zwischen den Boxen das Bier zu teilen, aufzustehen und zum „african House“ zu tanzen. In Berlin warten auf mich Entscheidungen, die nicht nur für ein Jahr gelten, sondern für mein ganzes Leben.

Andererseits, ich will nicht immer am gleichen Ort bleiben, den gleichen Job haben. Mit zwanzig wissen, wie mein Leben aussieht. Das wäre doch langweilig. Ich habe hier gelernt, dass alles möglich ist. Wenn man die Frage „bist du glücklich?“ mit „nein“ beantwortet, sollte man einfach kurzerhand seinen Koffer packen und anfangen sein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Denn letztendlich liegt es doch an uns.

 

Musik die mich umgibt.

Die Playlist auf meinem Handy hat sich komplett ausgetauscht. Es ist viel Zeit vergangen. Der amerikanischen Consciouse Rap ist weniger geworden. Eine große Anzahl Singer-Songwriter Songs überschwemmen meine Playlist. Nur Gitarre und Stimme, bloß kein Auto-Tune und am liebsten eine live Aufnahme. Ganz am Anfang befinden sich verträumte neuartige nicht einzuordnende Stücke unter dem Motto hauptsache anders und wage formulierten Musikrichtungen trip hop, fusion jazz und/oder minimal. Doch zwischen Archie Marshall oder Jerkcurb finden sich auch immer mehr Südafrikanische Künstler.

Musik charakterisiert eine Kultur. Tanzen drückt den Geist einer Kultur aus. In einem südafrikanischen Village wird gefühlt immer und überall getanzt. Es gibt melodische Call and Response Lieder, die jeder kennt und es vergeht kein Tag, an dem ich nicht eine Gruppe Kinder oder Jugendliche sehe, die mitten auf der Straße singen und tanzen. Anstatt die Bewegungen nach einem vorgegebenen Muster möglichst exakt nachzuahmen, wie zum Beispiel bei deutschen Volkstänzen, geht es hier darum möglichst individuelle, abgefahrene „Moves“ zu machen. Getanzt wird zur African House Music, die die Charts regelrecht regiert.

Distruction Boyz – Omunye – der Hit 2017 😉

Da viele keine Kopfhörer haben oder keine Musik herunterladen können, ist es schwer als Musiker außerhalb von Gospel oder House bekannt zu werden. Dagegen hat auch die Singer-Songwriter Szene viel zu bieten. Durch Zufälle bin ich zwei verschiedenen Artists begegnet.

„Umle sounds“ Nach einem Lift von den beiden Musikern aus einem Township in Port Elizabeth, kam es ein paar Wochen später zu einer Jam-Session. Gefühlvolle Gitarrenmusik, gesungen in Xhosa, geht ins Ohr und bleibt dort auch.

 

UMLE – umzuzu/ ungawari babe

„Msaki“ Macht traditions gebundene Jazz/Pop Songs featured by allen möglichen Künstlern. Ich hatte das Glück, mit ihr zusammen aufzutreten.

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Chasing Sun – Msaki

Wenn ich vermuten müsste, was mir zurück in Deutschland am meisten fehlen wird, dann ist es diese Lebensfreude, ausgedrückt in Musik und Tanz.

 

 

 

 

 

Alltag

Allgemein, Julian | Namibia

Heute mal kein Bericht über eine Reise. Ich möchte von meiner Arbeit beim Namibischen Roten Kreuz erzählen und kurze Einblicke in meine Freizeit ermöglichen.

Durch den groben Rahmen, den das Rote Kreuz uns Freiwilligen als Arbeit bietet, liegt es an mir diesen Raum zu nutzen und  Projekte ins Leben zu rufen.
Eine Aufgabe besteht darin Klassen 4-7 Erste-Hilfe-Unterricht zu geben. An zwei Schulen ist das Projekt abgeschlossen und an zwei weiteren läuft es gerade. Wir reden darüber, wie man den Krankenwagen ruft, sich in solchen Situationen verhält und mit Alltagsverletzungen umgeht.

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Mit jeder Schule sind auch die Kinder anders, es ist jedes Mal spannend aufs Neue. Mal habe ich das Gefühl Chinesisch zu reden, wannanders kommen die Antworten vom laufenden Band. Klassen von bis zu über fünfzig Kindern überraschen mich immer wieder mit ihrer Disziplin und Ruhe.
Zu der Klassenstufe fünf der Katima Combined School besteht eine besondere Verbindung. Es war einer der ersten Jahrgänge, der im letzten September in den Genuss unser damals noch wackeligen Erste-Hilfe-Kurse kam. Sie machten es uns leicht, empfingen uns mit offenen Armen und wollten uns gleich am nächsten Tag wiedersehen.
Mit der Eröffnung eines Red Cross Youth Clubs möchten wir uns bei ihnen revangieren und näher kennenlernen. Seit gut fünf Wochen läuft das Projekt. Einmal die Woche besuchen um die 35 Kinder am Nachmittag ihre Schule um am Youth Club teilzunehmen. Zusammen reden wir über das Rote Kreuz, vertiefen die Kentnisse über Erste Hilfe und spielen ebenso deutsche, wie namibische Spiele.

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Salzteig kneten, versuchen kann mans ja mal

Das Mafuta Day Care Centre bietet Waisen eine Möglichkeit für lau Mittag zu essen und eine Möglichkeit Vorschulkinder an die Englische Sprache heranzuführen. Der Wunsch nach Tischen für die Kinder und mehr Diversität beim Essen waren groß. Aus diesem Grund klappern wir viele Supermärkte in der Stadt ab und bitten mithilfe offizieller Briefe um Essensspenden. In der Theorie eine runde Sache, in der Praxis ist der Manager der Supermärkte nur einmal persönlich anzutreffen. Meist wird der Brief nach Windhoek geschickt und da liegt er wahrscheinlich gut. Es zeigt sich wieder einmal, dass ein offenes persönliches Gespräch mit dem Manager am gewinnbringendsten ist. Die Supermarktkette SPAR spendet noch am selben Tag.

 

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Die Mainstream Foundation, ein Waisenhaus mit einer Einrichtung für Behinderte Kinder wird einmal wöchentlich besucht und ich habe mir das Anlegen von einem neuen Beet zur Aufgabe gemacht. Zudem fungiere ich als lebendes Klettergerüst.

Der Alltag ist durch die vielen unterschiedlichen Aufgabenfelder sehr abwechslungsreich. Ich finde jedoch,  das Wort Alltag besitzt einen trostlosen Beigeschmack. Es vermittelt ein Gefühl von Stagnation, dieses Gefühl ist mir jedoch fremd. Jeder Tag ist anders und auf seie Weise lehrreich. Klar braucht es Zeit bis der Wocheneinkauf klappt, ich meinen Garten als Projekt sehe oder ein Youth Club ins Leben gerufen wird.
In Nachhinein ist diese Entwicklung sehr interessant zu sehen. Der Fokus hat sich zunehmend schärfer gestellt und ich habe das Gefühl hier ein weiteres Zuhause gefunden zu haben. Es ist schön das sagen zu können und zu wissen, dass erst die Hälfte rum ist und noch sehr spannende Erlebnisse warten.

Am Ende noch ein Nachtrag. Nach dem Etosha Video folgt nun auch ein Kapstadt Video, grüße gehen raus an Philipp, den Cutter.

 

Arbeitstitel

Allgemein, Jasper | Ghana

Dienstag, 23. Januar 2018.

 

Worin besteht im Moment mein Lebensinhalt? Das Jahr im Ausland als lebensverändernde Erfahrung, zurückkommen als fertiger Mensch. Dann in Berlin die Kurve kriegen, keiner von diesen typischen FSJ-Gutmensch-Ökos werden und die Politikkarriere starten. Zurückkommen und einfach wissen, wer man ist, was man mal macht und dabei auch noch was Gutes getan haben.

Wenn ich jetzt mal reflektiere, wie meine Erwartungshaltung vor dem 8.9. 2017 aussah, muss ich einsehen, dass ich nicht auf dem Weg bin, auch nur annähernd eins dieser Ziele zu erfüllen. Das liegt natürlich an mir, zum Beispiel weil ich den Arsch nicht früh genug hochbekommen und mich um ein neues Projekt gekümmert habe, in dem man mehr „Gutes“ tun kann. Aber es liegt auch an den Erwartungen selbst und mit denen bin ich ja nicht mal alleine unter uns Freiwilligen. Was ist also so falsch an diesen Erwartungen?

 

Wenn man sie sich nochmal durchliest, erkennt man, dass sie an ihrer Perspektive kranken. Sie sehen das Jahr und alles, was in selbigem passiert nur in Relation zur Lebenswelt in dem Moment, in dem sie entstanden sind. Es geht gar nicht um das, was man konkret erlebt, sondern nur um die Konsequenzen der Erlebnisse für die Zeit, in der das „echte Leben“ – man könnte wohl auch sagen die Karriere – weitergeht. Es geht gar nicht ums Weggehen und schon gar nicht ums Wegsein, sondern nur ums Wiederkommen. Wer so erwartet, der geht eigentlich davon aus, Berlin (oder eine dieser anderen Städte) niemals zu verlassen. Wer so denkt, glaubt, man habe in Ghana (oder einem dieser anderen Länder) das gleich Bezugssystem wie zuhause. Der unterschätzt oder vergisst einfach den Perspektivenwechsel. Der vergisst, dass die Heimat und alle Karrierepläne nicht nur in räumliche Ferne rücken. Der unterschlägt die Gegenwärtigkeit des hier Erlebten.

 

Was soll das genau heißen? Ganz einfach: Wenn durch meine Nachbarschaft eine Herde Kühe getrieben wird, dann ist das zwar ein verrücktes Erlebnis, leider hilft mir das aber nicht unbedingt, eine Entscheidung bezüglich der Wahl meines Studiengangs zu treffen. Um solche Entscheidungen zu treffen, braucht es entweder eine gewisse Distanz, um sich einmal genau zu überlegen, was man machen will oder aber es braucht das eine Erlebnis und die unmittelbare Nähe. Eine Entscheidung als Produkt einer Emotion. Oder man macht einfach irgendwas.

 

Zumindest für mein Jahr in Ghana kann ich bis jetzt sagen, dass das ganz große, alles verändernde Erlebnis noch auf sich warten lässt. Aber es gibt viele Eindrücke, auch extreme, die auf mich einstürmen. An erster Stelle ist da sicherlich das Gespräch mit einem Straßenkind zu nennen: 17 Jahre alt, spricht kein Englisch (Amtssprache hier), 4. Klasse nicht geschafft (da war er 13), Freundin schwanger, schläft auf der Straße und wäscht in der Innenstadt Autoscheiben an roten Ampeln. Das ist dann sehr nah, so etwas aus erster Hand zu hören. So nah, dass man natürlich keine adäquaten Antworten auf das Erzählte findet. Weder für ihn noch für mich. In solchen Situationen fehlt mir auch noch Wochen nach der Begegnungen die Distanz, um das ganze so umzudeuten, dass es in meine eigene Lebensgeschichte passt. Was heißt das für mich, dass ich jetzt diese Geschichte gehört, aber in ihrer Tragweite sicher noch nicht verstanden habe. Welche Schlüsse muss ich daraus ziehen? Was muss ich mal machen, damit ich mithelfen kann, so etwas zu verhindern? Welches Studienfach muss ich jetzt wählen? Keine Ahnung.

 

Es ist mir unmöglich, mich jetzt in den nächsten Wochen festzulegen, was ich studieren oder gar mal arbeiten will (Bewerbungsfristen für einen Studienbeginn zum Wintersemester rücken ja näher). Vielleicht wird mir irgendwann in ferner Zukunft durch die zeitliche Distanz mal klar werden, welche Bedeutung diese Begegnung für mein Leben hatte, aber jetzt habe ich keine Ahnung. Aber vielleicht ist das gerade das Gute an diesem Jahr: Man muss es nicht im Zusammenhang mit einer linearen Karriere sehen (auch wenn das vor dem Jahr bestimmt die meisten mehr oder weniger offen getan haben) es funktioniert auch als in sich abgeschlossener Lebensabschnitt. Nicht ganz in sich abgeschlossen natürlich. Irgendeinen Einfluss wird das schon haben, aber für das Jahr an sich ist es nicht wichtig, zu wissen welchen. Ein Jahr lang darf einem – finde ich – Schule, Uni, Jobben egal sein. Es muss sogar sein, sonst war man nie richtig weg. Die Probleme im Jetzt sind gerade zu Recht wichtiger und das ist etwas, was man genießen sollte. Und wenn man abgefuckt ist von seiner Arbeit, dann darf man sich dran erinnern wie entspannt das Leben gerade ist. Nicht, weil alles einfach ist, sondern weil es das Jetzt ist, um das man sich kümmern muss und nicht das Morgen.

45. Minute – Unentschieden

Allgemein, Bruno | Südafrika

Ich gehe zum Kühlschrank, mache die Tür auf und schaue hinein. Leider hat sich auch nach dem dritten Mal nachschauen kein Erdbeerjoghurt hineingeschlichen. Ich klappe die Tür zu, schlürfe zurück  zu meinem Bett und überwinde mich. Es ist Zeit für den Halbjahresbericht. Ich versuche nun schon seit mehreren Wochen, den richtigen Ton für diesen Eintrag zu treffen.

Meiner Berlin Sehnsucht wirke ich entgegen, indem ich auf Facebook alle möglichen Open-air, Rave und Festival Seiten abonniere und mir vornehme zukünftig dabei zu sein. Doch trotz dem gelegentlich aufkommenden Berlin-Patriotismus, bin ich nun, nach sechs Monaten, endlich „wirklich“ in Südafrika angekommen. Ich habe die Sprachbarriere überwältigt, Freunde gefunden, mein eigenes Projekt aufgebaut und weis, was ich mir vom restlichen Teil des Jahres wünsche, aber auch was ich noch verändern möchte. Ich habe endlich das Zugeständnis, nicht mehr gefragt zu werden, ob ich mir denn auch selber einen Salat mache, (hätte ich mal wieder Lust auf einen Feldsalat – Mama, Papa, Henry:) meine Unterkunft sauber halte, aufräume, Sport mache und und und…

Endlich. Das regt mich zum hinterfragen an. Wenn ich an die sechs Monate denke, die nun hinter mir liegen, beschreibe ich sie als „geschafft“. „Geschafft“ klingt nicht besonders positiv. Geschafft bedeutet, es war nicht immer einfach. Es bedeutet, dass ich nicht, wie uns auf dem Vorbereitungsseminar prognostiziert wurde, nach circa drei Monaten über alle schwierigen Phasen hinweg war. Ich hatte mit meinem Projekt zu kämpfen, musste mich gegenüber Rassismus behaupten, mir ein Leben außerhalb der Arbeit aufbauen, saß zweimal fast auf der Straße, weil ich aus meinem Haus geschmissen wurde, musste die Einsamkeit des Dorflebens und die viele Zeit zum nachdenken und hinterfragen mit mir selbst vereinbaren und begegnete jede Woche neuen Herausforderungen, die ich bewältigen musste. Gelungen sind mir diese mal besser, mal schlechter. Peinliche Kommunikationsproblemen, am Boden zerstört am Straßenrand sitzen,  gar depressive Sprachnachrichten (sorry Leah für die erste:) und erschöpft ins Bett fallen. Dann wieder extreme Hochgefühle, Monate in denen die Zeit verfliegt und ich es kaum erwarten konnte aus dem Bett zu kommen.

Jeden Nachmittag schleppe ich mich schwitzend den Hügel hoch zu unser Unterkunft. Häufig halte ich auf halber Strecke inne, betrachte das Village von oben und weis, dass ich diese Momente schon in ein paar Monaten schmerzlich vermissen werde. Doch in Hamburg läuft vieles schief  (das Folgende ist mal wieder eine sehr objektive Angelegenheit). Bis auf ein paar Wenige, sind hier alle arbeitslos, leben in einem Village ohne Supermarkt, ohne Hoffnung auf einen Ausweg und trinken sich jeden Tag in eine andere Welt. Sehen die großen Ferienhäuser der ausnahmslos weißen Besitzer nur von Innen, wenn sie dort den Rasen mähen oder sauber machen. Das Keiskamma Health Project, das ursprünglich HIV Prävention betreiben sollte geht kaputt, weil sich die wenigen Mitwirkenden das Geld in die eigenen Taschen gesteckt haben. Meine fünfzehnjährige Schülerin ist schwanger. Was sagt das Gewissen, wenn ich schon aus Reflex weiter gehe, als mich ein Kind nach etwas Essen fragt? Wenn du in Hamburg geboren wirst, musst du schon ein Supertalent haben, um den Weg raus zu schaffen. Eine extreme Chancenungleichheit, obwohl ich so viele tolle Menschen kennengelernt habe, die eine Förderung ihrer Fähigkeiten und Talente verdient hätten. Rassismus ist jeden Tag spürbar. Du bist schwarz aber zulu, du bist xhosa aber coloured, du bist weiß, indisch, asiatisch…Es gibt fast unendlich viele Kombinationen und jede einzelne bildet eine eigene Community, die sich gegenseitig voreingenommen begegnet. Die Bevölkerung leidet aktiv unter den Folgen einer korrupten, egozentrischen Politik, die es nicht geschafft hat, die Strukturen der Apartheid zu zerschlagen und das Werk von Nelson Mandela fortzuführen. Trotzdem wird in meinem Umfeld erstaunlich wenig über Politik diskutiert. Für viele Schwarze ist es deshalb jetzt schon entschieden, welche Partei sie wählen werden. African National Congress. Nicht, weil sie das Parteiprogramm unterstützen oder mit der bisherigen Amtszeit von Jacob Zuma zufrieden wären. Sondern, weil die ANC die Mandela Partei ist. Die Freiheitspartei, die nach der Apartheid für die Rechte der schwarzen Bevölkerung eingetreten ist. Genau wie die liberale Oppositionspartei, die Democratic Alliance, von vornherein die Partei der weißen Bevölkerung ist und aus Prinzip von vielen Schwarzen nicht gewählt wird. Es stellt sich die Frage, bis zu welchem Grad Tradition positiv ist? Verhindert sie nicht irgendwann Innovation? Die Abberufung von Expräsident Zuma ist jedoch ein Schritt in die richtige Richtung!

Mein Statement nach sechs Monaten? Es waren die härtesten Monate meines Lebens, aber ganz bestimmt auch die spannendsten! Trotz der Probleme liebe ich dieses Land, das durch seine Bevölkerung so bunt wird, wie die flatternden Wäscheleinen im Village und ich merke, dass Südafrika schon jetzt eine zweite Heimat für mich geworden ist. Endlich dreht sich meine Zeitrechnung. Ab jetzt spreche ich von „nur noch“. Nur noch sechs Monate.

 

 

Wie erlebe ich viel in kurzer Zeit? Versuchs mit Reisen.

Allgemein, Julian | Namibia

Swakopmund ruft mal wieder und diesmal machen sich alle Rot Kreuz Freiwilligen auf den Weg, es steht ja Weihnachten vor der Tür. Um richtig in Weihnachtsstimmung zu kommen, besuchen wir am 22.Dezember ein Festival, bei dem wir an einem Volleyballtunier teilnehmen. Die perfekte Abkühlung zwischen den Spielen bietet das Meer mit Blick auf die Dünen. Angefeuert vom Team Namibia und den pulsierenden Bässen erzielen wir den 4. Platz.
Der 24. startet mit einem Tennistunier und die weihnachtliche Stimmung erreicht ihren Höhepunkt beim Döner Essen am Mittag.
Das Wichteln nachmittags füllt bei den Meisten den Shampoovorrat wieder auf und das Singen in der Kirche treibt manche zu gesanglichen Höchstleistungen.
Den Abend lassen wir mit einem typisch namibischen Braai ausklingen.
Ich denke genau diese Verbindung von typisch Namibia und zum Beispiel den deutschen Cafés ist, was Swakopmund zu einem besonderen Ort macht.

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Team Katima in traditionellen Gewändern

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Team Quäse

Kapstadt (243)

Es weihnachtet sehr

Der nächste besondere Ort befindet sich in Südafrika und heißt Kapstadt.
Appartements mit Pool, Möglichkeiten zum Kochen, fast alle Rot Kreuz Freiwilligen und Silvester vor der Tür. Famose Aussichten.
Seit Berlin wieder eine Milionenstadt zu sehen tut definitiv gut. Mit über drei Millionen Einwohnern hat Kapstadt mehr als ganz Namibia.

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Relikt von der WM 2010

Wir erkunden die Stadt per Fuß, Sightseeingbus und Quantum.
Das Stadtviertel Bo-Kaap, welches im 18. Jahrhundert von freigelassenen Sklaven erbaut wurde bietet uns einen historischen Einblick in die doch sehr moderne Großstadt. Bekannt ist das Viertel für die vielen bunten Häuser und Moscheen.

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Besuch aus Deuschland

Mit einem Sightseeingbus unternehmen wir eine Tour, die uns einmal um den Tafelberg führt. Ein Stopp im Botanischen Garten wird eingelegt und mir wird bewusst, wie nah sich Großstadt, Berg und Meer sind. Eine Kombination, die es nur in wenigen Städten der Welt gibt.

 

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Auf einer Brücke durch die Baumwipfel ist der Blick genial

 

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Eine Open Air Bühne, die zum Träumen anregt

Weiter geht die Fahrt im Bus, sodass der Tafelberg von allen Seiten abgelichtet werden kann. Die Diversität der Vegetation und das Relief während der Fahrt beglücken mich sehr. Zum einen 30 Meter hohe Bäume, Palmen oder Sträucher und zum Anderen das Meer, Täler und Berge.

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Eine andere Sightseeingtour führt uns an den südwestlichsten Punkt Afrikas, dem Kap der guten Hoffnung. Auf der Fahrt dorthin macht uns der Nebel über dem Meer bewusst, dass wir für Urlaub früh dran sind.

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mystisch

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Kapstadt (1910)

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Team Berlin, sind ja nur 9575km nach Hause

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Team Namibia

Auf dem Rückweg vom Kap der guten Hoffnung schauen wir noch in Simons Town vorbei.

 

 

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Kapstadt (1985)

Bild aus dem Reiseführer…?

Dann steht auch schon das neue Jahr vor der Tür.
Wie auch schon in Swakopmund zaubern Louis und ich, besser bekannt als Arne und Olli, für das Team diverse Gerichte.

 

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Silvesterdinner

Für einen gelungenen Einstieg ins Jahr 2018 gehen wir zur Waterfront und bekommen ein kurzes aber knackiges Feuerwerk über dem Meer. In der Longstreet, vergleichbar mit dem Ku’damm, bietet uns ein Club Gelegenheit die ersten Momente des Jahres zu genießen.

Der letzte Programmpunkt in Kapstadt ist die Besteigung des Tafelbergs. Eine Wanderung, die eine gute Stunde dauert fordert den Wasserhaushalt des Körpers heraus.

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umso schöner die Aussicht

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Es war ne starke Zeit, danke!

Diese schönen Erlebnisse in Kapstadt hätte ich auch sehr gerne mit einem bestimmten Ghanaer geteilt, doch man sollte die intrakontinentalen Flugpreise nicht unterschätzen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Allgemein, Jasper | Ghana

Mehr als 100 Tage bin ich jetzt in Ghana – beinahe ein Drittel meiner Zeit hier ist schon rum. Ich habe Ferien, Weihnachten ist nur noch ein paar Tage entfernt und das Jahr neigt sich dem Ende. Zeit für ein erstes Fazit. Wo fängt man da am besten an? Beim Essen. Das ist schonmal richtig gut und ich weiß, dass ich es in Berlin vermissen werde. Damit wäre das wichtigste geklärt. Davon abgesehen gibt es diese Momente, in denen mich alles ankotzt: Die Arbeit mit den eigentlich coolen Kollegen und reichen Kindern, die zwar Sicherheit, Routine und daher eigentlich Sorgenfreiheit offeriert, auf der anderen Seite aber auch der Bezeichnung „soziales Projekt“ kaum gerecht wird, da sie ja im Grunde ein Unternehmen und keine NGO ist, Gewinn erwirtschaftet und mir fast all meine Zeit raubt. Das stürzt einen in eine Existenzkrise: „Wozu bin ich hier eigentlich gut?“ Aber nicht nur die Arbeit auch diese Stadt; Accra das Moloch. Während ich schreibe, sitze ich mal wieder im Trotro und genieße seit 1 1/2 Stunden Stop and Go – mit der Aussicht auf noch mindestens eine weitere Stunde – bin eingeklemmt auf meinem Sitz zwischen zwei dicken Frauen „im besten Alter“, die ich leise auf Deutsch murmelnd leidentschaftlich für ihre Körperfülle und ihre Frechheit, sich dann ausgerechnet  neben mich zu setzen, verfluche. Ich schwitze, wie meine Nachbarinnen auch, atme die von Abgasen, Staub, Hitze und Feuchtigkeit schwere Luft. Diese Stadt ohne Grünflächen, mit wenigen schönen Häusern, die lieber mit Straßen punktet, die sich in zwei Kategorien einteilen lassen: Leer dafür nicht asphaltiert, staubig, nach Regen teilweise kaum passierbar und ein Albtraum für die Federung eines jeden Fahrzeugs oder mit schönem Straßenbelag, dafür zu den Stoßzeiten (in manchen Fällen auch einfach immer) verstopft. Der Müll in den offenen Rain Gutters, die in der Hitze fröhlich vor sich hin stinken. Der brennende Plastikmüll und die Schwaden puren Krebs, die man als dessen Produkt einatmet. Die aufdringlichen Verkäufer in Madina, der Sexismus, die arbeitenden Kinder, die Religion! Und zu guter letzt diese merkwürdige Einstellung zur afrikanischen (Entwicklungs-) Politik, die mir schon mehrmals in Gesprächen begegnet ist, die Verschwendung und Korruption als „afrikanische Mentalität“ bezeichnet und afrikanischen Polit-Eliten die Fähigkeit abspricht, für nachhaltige Entwicklung zu sorgen. Das klingt nach einem selbstzerstörerischen, umgekehrten Rassismus, nach einer Art panafrikanischem Selbsthass. Sicher, das sind starke Worte und natürlich darf man das so nicht pauschalisieren, aber solche oder ähnliche Denkmuster begegnen mir immer wieder in Gesprächen sei es mit Kollegen, der Familie oder mit Leuten, die ich auf der Straße treffe. Das heißt also nicht Ghanaer hassen Afrika, sondern zeigt (post-)kolonial-rassistische Denkmuster der Europäer spielen auch hier eine fatale Rolle (das AFS-Vorbereitungsseminar lässt grüßen). Das manifestiert sich auch in Leuten, die rufen: „Ey Obruni!(=Weißer/Nicht-Afrikaner)“, einen dann scherzhaft nach Geld fragen oder dein „Freund“ werden wollen oder einem eine andersartige Sonderbehandlung zu kommen lassen, weil man weiß ist. Bei Kindern ist das noch irgendwie verständlich, weil man ja so offensichtlich anders ist. Bei Erwachsenen hingegen ist jede Form der (positiven) Sonderbehandlung, die über Gastfreundschaft hinaus geht, ziemlich unangebracht und im Grunde nur sehr, sehr traurig. Eine solche Aufwertung eines Weißen ist ja auch immer irgendwie eine Abwertung eines Ghanaers. Dabei gibt es herausragende politische Persönlichkeiten auch in der ghanaischen Geschichte. Als offensichtlichstes Beispiel ist hier natürlich Kwame Nkrumah zu nennen, der Ghana 1957 als erste afrikanische Kolonie in die Unabhängigkeit führte. Im Kwame Nkrumah Memorial Park bekommt man einen kleinen Einblick in seine politischen Überzeugungen. Offensichtlich anti-kolonialistische Einstellung, vom Panafrikanismus beseelt und scheinbar mit Hang zum Sozialismus. Nicht zu vergessen Ex-UN-Generalsekretär Kofi Annan. Eigentlich der Beweis, dass Ghana große Politiker hervorbringen kann. Trotzdem überwiegt bei vielen, die ich bis jetzt gesprochen habe, die Frustration über Korruption und nicht eine politische Aufbruchsstimmung. Aber die ghanaische Demokratie ist noch jung. Das kommt noch. Bestimmt.
Das klingt so, als hätte ich ein richtig beschissenes Jahr. Doch jetzt kommt natürlich das große Aber. Neulich habe ich seit langem mal wieder „Schwarz zu blau“ gehört. Ich rede hier viel über Berlin. Wenn ich an Heimat denke, denke ich an Berlin – nicht so sehr an Deutschland. Hier im Ausland bildet sich eine ganz merkwürdige Heimatverbundenheit heraus. Ich will, dass die Leute, die ich treffe, wissen, wo ich herkomme und wie cool es da ist. In Berlin war ich längst nicht so ein Berlin-Enthusiast wie ich es hier geworden bin. Als Enthusiast neigt man dazu, die Wahrheit ein bisschen zu beschönigen. Das wurde mir klar als ich diesen Song wieder gehört habe. Und mir wurde klar, dass man Berlin nicht liebt, weil es so schön. Man liebt es (auch) für seine Hässlichkeit. Man liebt Steglitz/Friedenau dafür, dass es so langweilig ist in einer krassen Stadt. Man liebt sogar Spandau dafür, dass es so am Arsch der Welt ist. Nun ist Accra Berlin in Sachen Hässlichkeit noch um einiges voraus. Aber es ist lebendig, immer in Bewegung, immer laut. Es ist divers: Shopping Malls und Märkte, auf denen der Fisch in der Äquatorsonne stinkt. Wenn ich also aus dem Trotro steige, von der belebten Hauptstraße auf die ruhigen und staubigen Rough Roads einbiege, ahne ich, dass am Ende dieses Jahres Accra eine weitere Heimat sein wird. Accra ist vielleicht kein optimales Urlaubsziel, aber ich mache ja auch keinen Urlaub. Ich arbeite hier. Ich lebe hier. Ich habe hier das spannendste Jahr meines Lebens, das meine Blickwinkel ändert auf Geschichte,  Politik, Umweltschutz, Religion und auf so ziemlich alles andere auch. Zum Glück besteht mein Dasein hier aber nicht nur aus Accra, denn Accra ist noch viel weniger Ghana als Berlin Deutschland ist. So langsam lerne ich auch den Rest Ghanas kennen und klappere die Küste ab. Ich schreibe diese letzten Zeilen am Strand von Cape Coast, einem touristischen Highlight Ghanas, in einer Hängematte am Strand unter Palmen. Die Hängematte schaukelt im Takt der großen Atlantikbrecher. Cape Coast ist ganz anders als Accra. Die Straßen sind gut, die Gebäude mehrstöckig und schon älter. Es gibt eine alte Burg, ein Fort und alte Kirchen. Insgesamt ist Cape Coast, das noch einen schönen Strand zu bieten hat, ein beschauliches Städtchen. Gestern war ich im St. George’s Castle in Elmina (der nachbarstadt), dem ältesten europäischen Bauwerk südlich der Sahara (erbaut 1482), und in der Burg in Cape Coast. Diese eindrucksvollen und merkwürdig verschiedenen Bauwerke spielten Schlüsselrollen im transatlantischen Sklavenhandel und vereinen auf faszinierende und verstörende Weise die Schönheit der Landschaft und der Architektur und die Grausamkeit der Briten, Dänen, Niederländer und Portugiesen, die in diesen Burgen lebten, und ihrer Taten. Beide Besuche waren wirklich bewegend. Der heutige Tag konnte den gestrigen aber noch übertreffen. Noch vor acht (kurz mal aus der African Time ausgebrochen) waren wir am Kakum Nationalpark. In einer kleinen Gruppe konnten wir deshalb als erste heute die größte Tourismusattraktion des Landes erleben. Den Kanopy Walkway. Auf gut 40m Höhe läuft man über 300m auf schwingenden Hängebrücken zwischen den Wipfeln der Regenwaldriesen. Unvergesslich dieser Blick. Die anschließende einstündige Führung durch den Regenwald – wir zwei Berliner sind allein mit einem Guide (2+1=3 quick maths) unterwegs – steht dem Kanopy Walkway allerdings in nichts nach. Als wir aus dem Regenwald zum Besuchercenter zurückkehren lärmen gerade die ersten Touristengruppen zwischen den Baumwipfeln. Schwer vorstellbar, dass diese Leute ein ähnlich intensives Erlebnis haben werden wie wir. Was ist also das Résumé am Ende des alten und am Anfang des neuen Jahres? Es gibt einiges, was ich verändern kann und muss, um dieses Jahr noch sinnvoller und intensiver zu machen aber vieles ist einfach nur gut so wie es ist. Ich bin hier am richtigen Ort. Ach ja und an Julian, Leah, Bruno und all die anderen, die da waren: Niemand braucht Cape Town, wenn man Cape Coast haben kann.